Gestern war es ein guter, heute ist es ein schlechter

Gestern haben wir ein Jahr Atelier gefeiert. Der D hatte sich wieder ein Modell bestellt, ein junge Frau aus dem Jemen. Eine frühere Schülerin, die er nur mit Kopftuch kannte. Doch siehe da, kaum war sie bei der Tür drinnen, wo allerdings der D gegen drei Frauen eindeutig in der Minderheit war, aber trotzdem, warf sie ihr Kopftuch von sich und zeigte uns wunderschöne, schwarze Locken. Sie meinte, dass sie auf keinen Fall ein Portrait mit Kopftuch wollte. Der D hatte sich schon damit beschäftigt, welche Hintergrundfarben zu schwarzem Gewand in Frage kamen…

Die anschließende Unterhaltung mit Guglhupf und Tee drehte sich um alles Mögliche. Sie spricht hervorragend Deutsch und Englisch und so erfahren wir eine Menge über die jeminitische Gesellschaft. Die derzeitige Situation hat sie nur am Rand gestreift und erzählt, dass sie ihre Eltern besuchen möchte, die sie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hat. Der Flughafen Sanaa ist gesperrt, sie muss in eine andere Stadt fliegen und von dort aus noch zwölf Stunden mit dem Auto fahren. Ein Cousin holt sie ab. Allein als Frau dürfte sie das nicht. Das für mich wirklich erstaunliche war, dass sie es als selbstverständlich zu betrachten schien, dass ihr Mann fünf Wochen lang die beiden noch recht kleinen Kinder übernimmt. Er arbeitet an seiner Botschaft, vielleicht gibt es da Unterstützung.

Heute Morgen war die Lage nicht lustig. Alles, was sich in meinem Magen und Darm befand, wollte mich dringend verlassen, egal auf welchem Weg. Sowas habe ich erst einmal erlebt, innerhalb weniger Minuten war ich so schwach, dass ich keine drei Schritte gehen konnte und schon gar nicht geradeaus. Zum Glück war der F noch da, sonst wäre nur auf allen Vieren in Frage gekommen.

Stundenlang habe ich mich nicht getraut etwas zu essen oder zu trinken aus Angst, dass die irritierten Schleimhäute in dramatischer Art und Weise alles wieder von sich geben würden. Ich habe keine Ahnung, was da passiert ist, es erinnert mich nur sehr an meine Zustände nach Besuch des indonesischen Lokals in Holland. Aber auch dort, war das verdorbene Fleisch eine Theorie, wenn auch eine sehr plausible.

Als ich wieder eindeutig unter den Lebenden weilte, witzelte der F, dass es sich da sicher um die jemenitische Magen-Darm-Grippe handelt, die besonders in Ateliers flugs über die Luft übertragen wird. Er war aber so hilfreich, dass ich ihm die blöden Scherze verzieh.

Mir geht´s schon wieder ganz passabel, was man daran erkennen kann, dass ich ein Blog-Posting schreibe. Energie habe ich immer noch nicht viel. Ich war richtig fassunglos über diesen blitzschnellen, totalen Energieabfall und das Getorkel, weil der Kreislauf auch nur noch so irgendwie funktionierte

27 Gedanken zu “Gestern war es ein guter, heute ist es ein schlechter

  1. Oh, das liest sich gleichermaßen interessant – das jemenitische Model – und schrecklich – deine Magen-Darm-Geschichte… Der jungen Frau wünsche ich eine möglichst unbeschwerte Reise, und dass sie wohlbehalten wieder zurückkommt, und dir eine komplikationsfreie Genesung.

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  2. Wenn ich bei dir was mit Gesundheit und so lese, denke ich daran, wie du die erste und einzige warst, die vor sehr, sehr langer Zeit mal sagte: „Das einzige, kwovor ich mich fürchte, ist eine Pandemie“ Meiner Meinung nach war noch kein Covid im Anflug. Hast du hellseherische Fähigkeiten? Wenn ja, schreibe mir bitte eine Mail, vielleicht könnte ich das für andere Zwecke einmal gebrauchen? 🙂 – Aber gut, da ich meine Zukunft eh nicht im voraus wissen möchte, ist es vielleicht doch nicht nötig.

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    1. Ja, unlängst habe ich mich auch daran erinnert. Die Wissenschaft hat ja jahrelang vor covid vor einem Super-Grippevirus gewarnt. Dass es schon längst wieder Zeit wäre, dass eine Epidemie auftaucht. Naja, jetzt haben wir sie.
      Damit lenke ich natürlich nur davon ab, dass ich eine ganz besondere Glaskugel besitze, in der die Zukunft klar und deutlich zu sehen ist. Ich tarne sie als Fotokugel 🙂 🙂

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