Keine Macht den Psychopathen

Zunächst gefiel mir das Buch recht gut. Es beginnt mit der Aufzählung von „Warnsignalen, an denen man einen toxischen Menschen erkennt“. Diese Aufzählung fand ich recht erhellend ebenso wie die Beschreibung der „Technik“, die ein psychopathischer Mensch anwendet um einen anderen Menschen zunächst zu erobern und dann eiskalt links liegen zu lassen.

Es beginnt mit einer totalen Idealisierung, inhaltlich und zeitlich massiver Zuwendung und Spiegelung des Opfers. Der psychopathische Mensch gibt vor, alle Neigungen und Meinungen des Opfers zu teilen. Dann folgt unweigerlich die Phase der Entwertung. Die ehemals über alles Geliebte und Geschätzte wird plötzlich als verrückt bezeichnet, als klammernd, obsessiv und pathologisch eifersüchtig. Wahrheiten und Tatsachen werden verdreht, das Opfer steht plötzlich als Lügnerin und emotional Bedürftige da, während ihre potentielle Nachfolgerin heftig hofiert wird. Dieses Dreieck mit wechselnder Besetzung der Rollen gehört laut Autor zu der typischen Entwicklung. Und der Zyklus geht immer so weiter. Das unendliche Bedürfnis nach Anerkennung, ja Verehrung, das den Psychopathen auszeichnet, braucht immer wieder neue Nahrung aus neuen Quellen.

So weit so gut. Der Text ist interessant, allerdings auch sehr redundant, man könnte ihn ohne Verlust von Information auf etwa ein Drittel wenn nicht noch weniger kürzen.

Gestört hat mich auch, dass es hier ausschließlich um Liebesbeziehungen geht, die noch weiter darauf reduziert werden, dass der psychopathische Mensch immer ein Mann ist, das Opfer immer eine Frau. Ich denke, dass sich solche pathologischen Beziehungsstrukturen auch in anderen Bereichen des Lebens finden lassen und ich hätte es wissenswert gefunden, wie die Sache aussieht, wenn man es zum Beispiel mit einem narzisstischen Chef zu tun hat oder etwa mit einem psychopathischen Sporttrainer

Im zweiten Teil geht es darum, wie ein Opfer eines psychopathisch veranlagten Mannes sich aus dieser Beziehung befreien kann. Zweifellos gibt es da ein paar gute Ratschläge für Betroffene und einiges an Information für sonstige Leser*innen, aber auch dieser zweite Teil ist extrem in die Länge gezogen und alles wird mehrmals wiederholt, einmal so herum und einmal so herum.

Ganz besonders gestört hat mich, dass der Autor die Leserinnen persönlich anspricht auf sehr sensationalistische Art und Weise und dabei vorgibt, genau zu wissen, wie sie sich fühlen.

„Anstelle der Selbstzweifel empfinden Sie nun ungeheure Wut. Sie haben die Wahrheit erkannt. Ihnen ist bewusst geworden, dass Sie benutzt, umgarnt und einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Sie sind außer sich. Sie würden ihn am liebsten umbringen“ S 288

„In dieser Phase versuchen Sie verzweifelt, sich in alles und jeden in Ihrer Umgebung einzufühlen. Sie schließen neue Bekanntschaften, versuchen Ihnen das zu geben, was sie nach Ihrer Einschätzung brauchen könnten und hoffen, im Gegenzug, Liebe und Anerkennung zu erhalten.“ S 191

Diesen zweiten Teil habe ich nur noch quer gelesen, weil mich einerseits der Stil (siehe obige Zitate) sehr irritiert hat und andererseits auch die Reduzierung verschiedener und in verschiedener Stärke ausgeprägter Persönlichkeitsstörungen auf einen einzigen Typus, der „der Psychopath“ genannt wird.

Ein letzter Punkt, der mich auch sehr gestört hat, ist, dass der Autor für das Verfassen eines solchen Buches offenbar nur durch ein eigenes Erlebnis mit einem psychopathischen Partner qualifiziert scheint. Seine Analysen beziehen sich daher möglicherweise nur auf sein eigenes Erleben, das er als Grundlage nimmt für die Darstellung angeblich immer gleicher Abläufe einer solchen Beziehung.

Alles in allem würde ich den ersten Teil dieses Buch als recht generalisierenden aber doch ganz interessanten Einstieg in die Thematik bezeichnen. Den zweiten Teil würde ich auf der Suche nach einem hilfreichen Ratgeber nicht unbedingt auswählen.

6 Gedanken zu “Keine Macht den Psychopathen

  1. Für jemanden, der zum ersten mal aus so einer fatalen Beziehung, egal ob partnerschaftlich, sonstwie familiär oder aufgrund solcher dort erlernter Muster dann auch im sonstigen Sozialleben, sogar dem in sozialen Netzwerken, endlich aufzuwachen wagt, ist vielleicht das begleitende Wiederholen eine Bestätigung, die ihn beim Lesen bei der Sache hält, statt wegen Zweifeln und verinnerlichten Tabus das „böse, verräterische Buch“ wegzulegen.
    Aber bei diesem Angesprochenwerden spätestens wäre ich raus: das wirkt so, als wäre der Autor auch nicht ganz freizusprechen von einer Neigung zu manipulativen Suggestionstechniken.

    Gefällt 4 Personen

    1. Ja, nicht wahr der Stil ist furchtbar. Was die sozialen Netzwerke betrifft, denke ich, dass da einerseits eine Menge Leute mit sehr ungesunden, manipulativen Verhaltensweisen unterwegs sind und andererseits auch sehr viele potentielle Opfer …

      Gefällt 4 Personen

  2. Wie puzzleblume habe ich bei deiner Beschreibung auch gedacht, der Autor tobe hier ein ähnliches Machtstreben aus. Natürlich bleibt ein Leser oder eine Leserin – einmal irritiert von dem manipulativen Stil – nicht so stark in den Fängen des Autors, zum Glück.

    Gefällt 3 Personen

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