Damals ….. zwei Kartäusermönche – Impulswerkstatt

Zur Zeit der Hochblüte des Kartäuserordens, im späten Mittelalter lebte in einem der Klöster Bruder Anselm. Er war der vierte Sohn einer Familie niedrigen Adels und hatte wenig andere Möglichkeiten sein Leben zu gestalten als sich in ein Kloster zurückzuziehen. Dieser Lebensweg entsprach seinem Charakter und seinen Neigungen immerhin viel mehr als das Kriegshandwerk und so schloss er sich als noch recht junger Mann einem Kartäuserorden an.

Nach vielen Jahren der Prüfung und Vorbereitung hatte Anselm es zum Chormönch gebracht und lebte nun zu Beginn seiner mittleren Jahre in einer der an den Kreuzgang angeschlossenen Mönchszellen. Der Begriff „Zelle“ vermittelt einen falschen Eindruck, denn die Kartäuser lebten jeder in einem eigenen Häuschen mit drei Räumen und einem Garten, die direkt aus dem Kreuzgang betreten werden konnten. Der Kreuzgang führte auch zu den Gemeinschaftsräumen und der Kirche. Ein nicht nur räumlich abgeschlossenes Universum.

Anselm schätzte seine Lebensweise, das eremitische Dasein inmitten von Gleichgesinnten, die man auch mehrmals täglich traf, obwohl anfangs sein Zugang zu dem Gott, der im Kloster verehrt wurde, ein sehr zurückhaltender war. Er schien ihm unzugänglich, sehr weit entfernt und gleichgültig gegenüber den Belangen des menschlichen Lebens. Dennoch nahm Anselm sehr gerne an den Gebeten, Gesängen und Ritualen teil, die im Kloster praktiziert wurden und seinem Leben Rahmen und Struktur gaben. Er hatte sich entschlossen, diesen Gott so gut kennenzulernen, dass er ihn eines Tages auch besser verstehen würde.

Nach und nach entwickelte sich die Beziehung zwischen Bruder Anselm und seinem Gott. Anfangs hatte er eine Menge Zweifel, ob seine Gottesvorstellung mit jener seiner Mitbrüder und vor allem mit jener des Abts übereinstimmte oder zumindest vereinbar war. Anselm spürte aber immer klarer, dass sein Gott ihn wohlwollend und liebevoll in allen Situationen seines Lebens begleitete und so beschäftigten ihn Zweifel und Vergleiche immer weniger. Er erkannte, dass er sich wohl in manchem Bereich noch etwas mehr bemühen sollte, dass er aber prinzipiell gut war, genauso wie er eben war und Gott nicht von ihm verlangte, sich zu kasteien und zu geiseln um seine Natur zu verändern und zu etwas anderem zu werden als ein Mensch guten Willens.  

Er schätzte es, dass Gott ihn milde lächelnd beim Masturbieren allein ließ, sich nicht daran störte, wenn er bei der Lektüre der Schriften so mancher Kirchenväter ablehnend die Stirn runzelte und auch das allergrößte Verständnis dafür hatte, wenn Anselm gelegentlich bei einer mitternächtlichen Messe einschlief.  

Bruder Anselm hatte seine ganz persönliche Beziehung zu Gott gefunden und war zufrieden. Glücklich machte ihn, dass auch die irdische Liebe ihm in Gestalt von Bruder Ludovic, seinem Zellennachbarn begegnete. Ludovic war später als Anselm in die Kartause eingetreten, hatte es aber aufgrund größeren materiellen Reichtums schneller zum Chormönch gebracht als Anselm.

Langsam aber stetig kamen sich die beiden näher. Aus heutiger Perspektive kann man sagen, dass es selten ein so großes und dauerhaftes Glück gibt wie jenes dieser beiden eremitischen Mönche.

Anfangs waren beide sehr unsicher sowohl über die Berechtigung als auch über die Möglichkeiten einer Form des Zusammenlebens. Sie waren schließlich durch hohe Mauern getrennt und es bestand im Kloster ein absolutes Kommunikationsverbot zwischen den Mönchen. Abgesehen vom Austausch notwendiger Informationen herrschte auch ein strenges Schweigegebot. Es war schon ein kleines Wunder, dass die beiden sich überhaupt näher kennenlernen konnten.

Dieses gar nicht so kleine Wunder nahm Anselm als Zeichen seines Gottes, als Bestätigung dafür, dass er wohlwollend auf diese Liebe blickte. Anselms Gott, der bald auch jener von Ludovic wurde, legte mehr Wert auf gelebte Liebe als auf von Menschen ersonnene theologische Spitzfindigkeiten. Durch seine Zustimmung zu dieser Beziehung, die in jeder Hinsicht gegen die Regeln von Kirche und Kloster verstieß, bot er den beiden Mönchen die größtmögliche Unterstützung in ihrem Leben, das sie als gottgewollt betrachten konnten.

Aus Steinen gemauerte Gartenmauern sind nicht so unüberwindlich wie die Mauern in den Köpfen. Das ständige Schweigen und die Verweigerung jeder persönlichen Kommunikation ist derart gegen die menschliche Natur, dass es eigentlich unvermeidlich ist, dass jene Klosterbewohner, die nicht an einen versteinerten, alles Menschliche bestrafenden Gott glauben, eigene Wege finden um ihre Spiritualität zu leben ohne ihre Menschlichkeit aufzugeben.

Kürzlich besuchte ich wieder einmal die nun von Mönchen verlassene Kartause Mauerbach und dachte darüber nach, dass ein noch so guter Gedanke, eine noch so überzeugende Organisation, die die menschliche Natur nicht berücksichtigen, immer zum Scheitern verurteilt sind. Und ich dachte an Anselm und Ludovic, die in Kopf und Herz flexibel genug waren, ihre Überzeugungen nicht aufzugeben sondern so anzupassen dass sie ein glückliches Leben führen konnten.

Ich saß in dem schönen Klostergarten mit den duftenden Kräutern und den Rosen an den Wänden. Vielleicht ist das Loch in der Steinmauer hinter der Bank noch ein Überbleibsel aus der mittelalterlichen Kommunikationsstrategie von Anselm und Ludovic und vielleicht haben auch andere Mönche Mittel und Wege gefunden zu Anselms Gott zu gelangen. Ich bin mir da nicht so sicher, aber ich wünsche es ihnen.

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