Ein seltsamer Titel

Die 62. Station meiner Literaturweltreise: Kanada 2

Naomi Fontaine hat ein Buch leiser, zarter Töne geschrieben. Es spielt in einem First-Nations-Reservat in Québec, im französischsprachigen Kanada. Über das Innu Reservat wird kaum explizit Geschichtliches oder Soziologisches erzählt. Die Dinge wie sie sind werden durch die Streiflichter auf das Leben der Reservatsbewohner*innen dargestellt und mittendrin steht die Ich-Erzählerin, die in Québec studiert hat und nun als Französisch-Lehrerin in ihr Dorf zurückgekehrt ist. Um in dieser Schule unterrichten zu können, trennt sie sich von ihrem Freund, der ihr nicht folgen möchte. Ihre Begeisterung für den Ort und die Schule ist groß.

„Ich stellte mir vor, wie ich die nackten Wände schmücken würde. Mit Fragmenten der Literaturgeschichte, mit Zitaten aus Romanen, Fotos von Schriftstellern, Postern von berühmten Gemälden. Mit Werken, die in fremden Köpfen entstanden waren und dabei helfen, seine eigenen Weg zu finden.(…) Ich würde meinen Schülern von der Welt erzählen. Davon, wie man die Welt sehen kann. Wie man sie lieben kann. Und davon, wie man die unsichtbare, längst überholte Grenze überwinden kann, die um das Reservat verläuft, das wir selbst lieber als „Gemeinschaft“ bezeichnen, um unsere Herzen zu besänftigen“ S13

Von einem Jahr wird erzählt, das Yammie als Lehrerin in ihrem Dorf verbringt. „Rückkehr ist Schicksal“ lautet der bemerkenswerte erste Satz dieses Romans“ . „Eine Rückkehr in das kleine Dorf und die sandige, stachelige Natur, zusammengeträumt anhand von unveränderlichen Kindheitserinnerungen“ der erste Absatz (S9)

Die Schule, in der sie unterrichtet heißt Manekanetish, kleine Marguerite, zum Gedenken an eine Frau, die noch vor dem Bau der Schule im Reservat viele Kinder großgezogen hat, elternlose und schwierige Kinder. „Manekanetish, Petite Marguerite“ ist auch der Titel des französischen Originals dieses Buches. Die deutsche Übersetzung „Die kleine Schule der großen Hoffnung“ finde ich nicht sehr gelungen. Das liegt unter anderem daran, dass ich Bücher in deren Titel „klein“ vorkommt immer mit einigem Misstrauen betrachte. Im Fall dieses Buches ist das Misstrauen aber ganz und gar nicht angebracht.

Das Buch hat viele sehr kurze Kapitel, die alle jeweils ein kleines Geschehnis beleuchten. So klein ist es dann meist doch nicht, wenn man die Auswirkungen auf die betroffenen Personen betrachtet und die Aussagekraft über das Leben der Bewohner*innen des Reservats.

Sehr gut gefällt mir zum Beispiel die Geschichte der Theatergruppe, deren Gründung Yammie zunächst eher widerwillig übernimmt. Sie beschließt, dass die Truppe den „Cid“ von Corneille einstudieren soll, was zunächst großen Widerstand erzeugt später aber zu einem von den Schüler*innen begeistert getragenen Projekt wird.

„Es war eine Herausforderung. Genau das, was ich brauchte. Ein unmögliches Projekt“ S63

Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu, Yammie hat ihre Schüler*innen besser kennengelernt, ist ihnen näher gekommen. Immer wieder erfahren wir auch Details aus ihrer eigenen Kindheit. Die Art wie ihre Verbundenheit mit ihren Wurzeln im Reservat gezeigt wird, hat mich überrascht, ist aber sehr schlüssig.

Die Autorin, Naomi Fontaine wurde 1987 in Uashat geboren, dem Ort an dem auch dieser Roman spielt. Als Kind verließ sie mit ihrer Mutter das Reservat, um in Québec-Stadt zu leben, wo sie Pädagogik studierte. Ihr Debüt »Kuessipan« erschien 2011 und wurde preisgekrönt und verfilmt. Naomi Fontaine hat ihre beiden Romane auf französisch geschrieben.

»Die kleine Schule der großen Hoffnung«, ihr zweiter Roman, hat wohl sehr viele autobiographische Elemente. 2018 stand es auf der Shortlist des renommiertesten kanadischen Literaturpreises, des Governor General’s Award und war auch in Frankreich ein großer Erfolg. Das Buch wird derzeit als Fernsehserie verfilmt. Der Roman wurde auch bei der Frankfurter Buchmesse 2021 im Rahmen des Schwerpunkts „Kanada“ vorgestellt. Herausgekommen im C. Bertelsmann Verlag wurde der Text von Sonja Finck ins Deutsche übersetzt.

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