Nur von außen ist zu wenig – Impulswerkstatt

Einen Text wollte ich schreiben über die beiden Mädel mit dem kleinen Bruder. Über ihre Bekleidung und darüber, dass der kleine Bruder wahrscheinlich als Aufpasser mitgeschickt wurde, obwohl ja eigentlich die ältere Schwester auf ihn achtgibt. Ich wollte darüber schreiben, dass das Meer einen Ausgleich bietet für die nasse Bekleidung und das Wasser in den Schuhen. Aber der Text las sich so unauthentisch, dass ich ihn wieder gelöscht habe.

Was weiß ich denn darüber, wie sich ein Mädchen fühlt, das in einer streng muslimischen Familie aufwächst, das bei praktisch nichts mitmachen darf, was die nicht-muslimischen Gleichaltrigen tun, das, unter vielen anderen Restriktionen auch nicht schwimmen lernen darf. Was weiß ich über die schönen Aspekte eines solchen Lebens, über die Strategien der Bewältigung.

Ich kenne nur den schockierten, irritierten, mitleidigen Blick von außen. Auf die 16-jährige, die von der Natur noch nichts gesehen hat und sich darüber wundert, dass Sonne und Mond verschiedene Dinge sind, wo sie gedacht hätte, dass es ein und dasselbe ist und halt in der Nacht anders aussieht als am Tag. Auf die 20-jährige, die so gerne ein Auto hätte. Nicht weil sie damit herumfahren wollte, sondern damit sie es irgendwo in der Nähe abstellen könnte und in diesem Auto hätte sie etwas Freiraum für sich selbst. Eine eigene Wohnung ist für sie nicht einmal als Traumbild möglich. Dabei trägt sie mit ihrem Job als Assistentin in einem Kindergarten wesentlich zum Familienbudget bei. Auf die 18-jährige, die eine Torte für den Geburtstag ihrer Großmutter gebacken und überreicht hat und sagt, dass sie nun auch endlich etwas erlebt hätte um es zu erzählen.

Und dann auch die Mädchen, deren Eltern ihnen sagen, sie sollten in der Schule kein Kopftuch tragen, die sich aber morgens in der Garderobe aus Protest doch ein Tuch aufsetzen. Besonders betroffen macht mich die Geschichte der jungen Frau, die mit fünfzehn an einen ihr völlig Unbekannten 20-jährigen verheiratet wurde und nun neben einem eigenen Kind auch das jüngste Kind ihrer Schwiegermutter aufzieht und den gesamten gemeinsamen Haushalt mit Ehemann, Schwiegereltern und Geschwistern des Mannes führt. Auch die Geschichte eines 17-jährigen kenne ich, der davon berichtet, wie satt er es hat immer seine Schwestern begleiten zu müssen und wie kompliziert es ist, Lösungen dafür zu finden. Das ist die einzige Geschichte, in der man eventuell auch komische Aspekte sehen kann.

Viele wahre Geschichten aus erster Hand könnte ich schreiben, aber eben hauptsächlich aufgrund meines Blicks von außen. Es handelt sich um Situationen, die man mir geschildert hat, die ich aber nicht selbst erlebt habe, die ich nicht nachempfinden kann, nur vermuten. Und die ungewisse Vermutung über Emotionen, Gefühle, Gedanken, Sichtweisen ist zu wenig um einen Text in der Ich-Form zu schreiben, wie ich es vorhatte. Es können nur Beschreibungen von Handlungen und Ereignissen werden. Natürlich kann auch daraus ein durchaus interessanter Text werden, aber es ist nun mal nicht der Ansatz, den ich mir vorgenommen hatte. Vielleicht kommt noch etwas anderes nach zu diesem Foto oder auch nicht.

22 Gedanken zu “Nur von außen ist zu wenig – Impulswerkstatt

  1. „Vielleicht kommt noch was“? Dies ist doch etwas. Und zwar ganz und gar glaubwürdig deine – dennoch zu dem Thema, das dein Bild anregt.
    Zu schreiben über das Nichtschreiben(können), das ist sicher ein Thema, das viele hier bewegt.

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  2. Dein Text hat mich sehr berührt – du sagst es, wir Europäer oder Christen oder Deutsch/Österreicher wissen nicht, wie sich diese Frauen und Mädchen fühlen.
    Am meisten hat mich die Sache mit dem Auto erschüttert – ein Auto zu haben, das irgendwo steht, um nur ein bisschen Freiraum zu haben. Nicht ein eigenes Zimmer wird in Betracht gezogen, nur ein Auto, in dem es die Hälfte des Jahres kalt ist.

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  3. Ein anregender Text, Myriade, gefällt mir sehr. Im Grund sprichst du ein Thema an, das viele von uns umtreibt: wie kann ich hineinschauen in die Innenwelten des anderen Menschen? Wir sehen persönlich und kuturell identifizierbare Attribute, wir zählen eins und eins zusammen und haben ein fertiges Ergebnis, das wir nun mit Selbsterlebtem abgleichen und interpretieren, auch beurteilen. Das ist sehr unbefriedigend, denn an das wirklich vom anderen Erlebte und Empfundene kommen wir so nicht heran. Daher habe ich mich entschlossen, das Bild nur als fernes Spiegelbild zu nehmen und es so stehen zu lassen.

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  4. Ja, schwieriges Thema. Ich kann mich auch schwer hineinversetzen, auch wenn ich schon mit vielen muslimischen Frauen geredet habe. Was mir vor allem aufgefallen ist: Jede Geschichte, jede Sicht ist individuell, wie die Bezihung zu Religion ja eigentlich immer ist.

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  5. Ja, du hast nur deine Außensicht, und ich finde es korrekt, dass du dabei bleibst. Es gibt bereits genug Old Shatterhands.
    Aber du kannst die Szene aus deiner Perspektive schildern, näher ran könntest du erzählerisch durchaus noch, indem du dich (weiß, christlich-europäisch sozialisiert) irgendwie in die Szene einbringt – offensichtlich kennst du genug Geschichten … 🤔😉👍

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    1. HIhi, ja an Old Shatterhands herrscht kein Mangel …
      Danke für die sehr brauchbare Anregung ! Aus meiner Ich-Perspektive an die Geschichte heranrücken und eventuell auch hinein. Das müsste sehr gut funktionieren. Ich war bei diesem Bild so auf einen Zusammenhang zwischen den Personen und dem Meer fixiert …

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    2. hier im großraum münchen, wo ich lebe, begegne ich menschen, die in einem auto wohnen … eine art zwischenstufe vor der unerbittlich sich nähernden obdachlosigkeit – und kenne (beruflich bedingt) familien, die zu siebt in einer zweizimmerwohnung leben, oder zu viert in einem einzimmerappartment, obwohl vater und mutter arbeiten … die meisten familien, mit denen i zu tun habe, leben in armut und enge, haben schlimmes hinter sich … aber i habe für mich noch keinen Weg gefunden, darüber zu schreiben, also: dieser parallelwelt eine stimme zu geben, ohne dass es hülsenhaft würde … schwierig …

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      1. Sehr schwierig, ja. Mein Fokus war aber eigentlich nicht Armut sondern Beschränkung, Begrenzung, Behinderung durch religiöse, familiäre, gesellschaftliche Strukturen. Wobei Armut dabei auch sehr oft eine Rolle spielt. Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert, über Themen zu schreiben, die man nur von außen kennt und zu versuchen nicht in die zahlreichen Fallen zu tappen, die sich da eröffnen …

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  6. Ich kann mich eigentlich nur Ule anschließen, dein „Nicht-Text“ ist ein Text über das, was dich und auch andere beschäftigt. Dazu kommen die Geschichten, die du erzählt bekommen hast, die du aufnimmst, in dir wendest, dich zu Fragen inspirieren. Somit ist es ein ganz und gar authentischer Text geworden.
    Und mir hat er Erinnerungen geschenkt und auch vor weitere Fragen.
    Herzliche Abendgrüße, Ulli

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    1. Ja, das ist wahr, dieser Text ist ganz authentisch und die Geschichten sind alle wahr, nur war es eben nicht der, den ich schreiben wollte.
      Du hast aber recht: ich habe das Thema ein paar Mal herumgewälzt und eine Anregung von Christiane bekommen und damit könnte ich etwas schreiben, es zeichnet sich zumindest etwas ab. Ich bin ja sehr froh, dass ich die Impulswerkstatt auf jeweils zwei Monate verlängert habe. Zumindest mir selbst kommt das sehr entgegen.
      Schön, dass sich bei dir Erinnerungen eingestellt haben …

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  7. Vielen Dank für die bescheidene Zurückhaltung. Menschen, die _nicht_ meinen, wissen zu können (und es zu tun), was andere Menschen denken und fühlen, sind eine Wohltat.
    Und doch hast du kleine, authentische Einblicke vermittelt. Dank auch dafür.

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    1. Ich wiederum danke dir für die freundliche Rückmeldung. Eigentlich gehört Bescheidenheit nicht zu meinen herausragendsten Eigenschaften, umso mehr freut es mich, wenn es manchmal gelingt.

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