Rhett Butler – irgendwann bin ich erwachsen geworden – Impulswerkstatt

Geschrieben habe ich an diesem Text nicht lange, aber bis er schreibbereit in meinem Kopf war, hat sehr lange gedauert. Einer literarischen Figur wollte ich begegnen. Zunächst sollte es Professor Perlmann aus Pascal Merciers „Perlmanns Schweigen“ werden. Dann dachte ich an Marthe Schwerdtlein aus dem Faust. Beides interessante Figuren, aber die Beziehung war nicht da. Obendrein wollte ich gerne eine Verbindung zu dem hölzernen Luftballonfoto. Ich habe geschüttelt und geschüttelt und letztendlich ist doch ein Text daraus geworden.

Es sind nicht alle Luftballons gleich. Am verbreitetsten ist die luftgefüllte Sorte mit dünner Haut, die platzt, wenn sie angestochen wird. Es ist dann leicht zu erkennen, dass da rein gar nichts dahinter steckt, nur Luft und von dem hübschen, schwebenden Ding bleibt nichts als eine sehr unattraktive Haut übrig und eben Luft oder Helium. Dieser blau-rosa Ballon dagegen gehört zu der dauerhafteren Kategorie. Es ist nicht ganz klar, wie sie das machen, aber diese Art von Ballons fliegt mindestens so hoch, wie ihre luftgefüllten Verwandten und ist sehr viel schwerer zum Platzen zu bringen.

Ich ließ etliche Jahre lang so einen überlebenstüchtigen Ballon steigen, immer wieder. Er hieß Rhett Butler und ist die männliche Hauptfigur in „Vom Winde verweht“. Voll von Qualitäten, die ich ihm andichtete, schwebte er. Ohne Luft, ohne Helium, er schwebte durch meine Energie, bei jedem Wetter.

Mein absoluter Idealmann warst du, als ich so um die zwanzig war und noch ein bisschen länger. Dieser ebenso spöttische wie erotisch anziehende Mund, dieser geschliffene Zynismus, diese Überlegenheit. Das Geschmeidige in der Bewegung, in der Konversation und im (literarischen) Leben. Diese intensiven Augen, diese schwarzen Haare, die braune Haut, die athletische Figur. Tatsächlich hatte ich einmal eine längere Beziehung mit jemandem, der so ähnlich aussah und seinen Ehrgeiz in die Profilierung als abgehobener Liebhaber steckte. Seine sonstigen Qualitäten waren aber leider auch mit Lupe nicht auffindbar und sein Leben ausschließlich mit Sex zu verbringen, wird auf die Dauer öde. Aber Schwamm drüber, Rhett Butler schwebte trotzdem unangefochten über allem.

Dabei neige ich überhaupt nicht zur Heldenverehrung. Bei mir hingen nie Poster von Schauspielern, Musikern oder sonstigen Berühmtheiten. Rhett Butler in seiner Inkarnation als Clark Gable macht da eine ziemlich einmalige Ausnahme. Wenn ich mir den Mann heute in einem alten Film ansehe, fällt mir auf, dass er eine sehr unsubtile Mimik hat, man könnte auch sagen je einen Gesichtsausdruck für eine überschaubare Anzahl dargestellter Gefühlsregungen und reichlich lächerliche Machoallüren. Gedanken, die mir damals nie gekommen wären. Ich schwelgte in dem, was man heute als toxische Männlichkeit bezeichnen würde. Kein realer Mann konnte ihm das Wasser reichen. Was ja mit heutigen Augen betrachtet ein wahres Glück ist.

„Warum hat es nur so lange gedauert, dir die Luft abzulassen?“ würde ich dich gerne fragen. Dann würdest du wohl dein damals für mich so unwiderstehliches Grinsen aufsetzen. Wärst du so klug und scharfsinnig, wie ich vor hundert Jahren vermutete, würdest du wohl sagen „Weil ich ein Archetyp bin, weil du mich nicht loswerden wirst. Auch wenn du bei Tageslicht und für den Alltag einen ganz anderen Typ Mann haben möchtest, bin ich immer präsent, irgendwo im Hintergrund bei den Glaubenssätzen und den tief im Hirn eingegrabenen Verhaltensweisen“

Warst du, würde ich dir antworten, warst du, aber ich bin erwachsen geworden, deine Spielchen durchschaue ich mittlerweile. Du würdest es mir nicht glauben und so ganz wahr ist es ja auch nicht. Wohl durchschaue ich die Spielchen, wohl lebe ich mit einem ganz anderen Typ Mann, aber so wirklich immun gegen dich bin ich nicht.

23 Gedanken zu “Rhett Butler – irgendwann bin ich erwachsen geworden – Impulswerkstatt

  1. Und ich, ich würde dein Protagonisten-Ich fragen, ob es glücklich ist mit dem „anderen“ Mann und wie es ihm wirklich geht, wenn es einen aus der Rhett-Butler-Fraktion trifft … 🤔😏😉
    Ich glaube, das gibt es oft, und ich glaube auch, dass viel davon Entscheidung ist, aber der Kopf kann nicht alles immer kontrollieren 😏
    Interessanter Text. Mag ich sehr.
    Morgenkaffeegrüße 😁🌥️🌳☕🍪👍

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    1. Danke dir 🌹ja, es ist unbedingt
      eine Entscheidung, ob man seines Glückes Schmied sein will oder irgendwelchen Giftwolken nachläuft.
      Der Text ist sehr langsam überhaupt in die Spur gekommen aber jetzt bin ich zufrieden damit außer vielleicht der Wechsel von Beschreibung und direkter Anrede, damit bin ich nicht ganz zufrieden

      Gefällt 3 Personen

  2. Ja, seltsam: noch genau zu wissen, was so anziehend war und warum das heute nicht mehr wirkt. Und den winzigen restlichen Kitzel im Hintergrund zu hüten wie eine Kostbarkeit, diese Torheit als Inbegriff von wilder Jugend, die wir auch nicht zurückhaben wollen.
    Dein Text gefällt mir sehr: Du lässt die Schwärmerei noch einmal aufleben ohne sie zu denunzieren, liebevoll sympathisierst du mit dem vergangenen Ich, ohne dass das klügere heutige überheblich wirkt. So können wir mit allen Facetten unserer Person in Frieden leben und Alles sein, was wir sind. Und das ist immer viel mehr als nur die momentan dominante Seite.

    Gefällt 4 Personen

    1. Du beschreibst das ganz wunderbar. Der kleine Funke, der zwar noch da ist aber nicht die Macht hat mich irgendwo hinzureissen wo ich nicht hin will, der aber als Teil des Ganzen integriert ist. Besser lässt sich das Thema nicht zusammenfassen🌹

      Gefällt 3 Personen

  3. Rhett Butler? Du hättest Dir den Film nicht ansehen sollen … 🙂
    Im Buch kann man ihn mit allen gewünschten Attributen ausstatten, im Film nicht.

    Nein, meiner war er nicht, obwohl wirklich ein Archetyp . Pomadig schwarz war nie mein Ding *g*

    Ein richtig guter Text, liebe Myriade!

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  4. „Im Hein eingebläute Verhaltensweisen“, ja da gibt es so einiges.
    Und einer, mit dem man sich nie um Abwasch und Kinderbetreuung wird streiten müssen, kann sich ja getrost aufs attraktiv und scharfsinnig sein beschränken..
    Gefällt mir sehr dein Text, ich liebe sie ja die Schnittstellen zwischen innerer und äußerer Welt.

    Gefällt 1 Person

    1. „Schnittstellen zwischen innerer und äußerer Welt“ sind wirklich ein wichtiger Aufenthaltsort. Nicht immer ein angenehmer, aber ein wichtiger, wo man oft sehr eigenartige und verschlungene Verbindungen sieht und solche, bei denen man sich fragt, wie um alles in der Welt das funktioniert oder funktioniert hat …

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