Wichtige Herausforderungen der Menschheit – ABC-Etüden

Ich kann unmöglich eine Etüden-Runde verstreichen lassen ohne meinen Senf dazu zu geben. Deswegen habe ich mich in das mittlerweile eher schlecht beleumundete Wahrsage-Studio von Friederike Futura begeben. Leider ist Friederike sowohl beim Wahrsagen als auch bei der Kundenbindung sehr schwach und ihr Geschäft wird wohl recht bald den Bach hinunter gehen …

Die ABC-Etüden
Wie immer bei Christiane
Drei vorgegebene Wörter sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text untergebracht werden
Die Wörter kommen diesmal von Werner Kastens

„Friederike Futura, politisch korrekte, anständige Prophezeiungen“ stand auf dem Schild des Gassenlokals, das auf eine Vergangenheit als Café zurückblicken konnte.

Friederike Futura hatte wieder einmal eine Kundin, was in letzter Zeit gar nicht so oft vorgekommen war. Ihre Haushaltskasse war leer, die Miete zwei Monate nicht bezahlt, aber die Welt würde den Wert ihrer Prophezeiungen schon noch erkennen. Davon war sie überzeugt und entsprechend strahlend begrüßte sie ihre Kundin.

Also, sagte die Kundin, ich möchte gerne erfahren wann und wo und wie ich meinen Traummann kennenlernen werde, wie er aussieht und ob wir gemeinsam in die Karibik reisen werden.

Nun, sagte die Wahrsagerin, bevor ich mich in Trance versetze, müssen wir noch einiges klären. Meine Prophezeiungen beruhen auf den Aussagen meiner Kontaktperson aus dem Jenseits, die größten Wert auf politisch korrekte Formulierungen legt. Ich kann sie unmöglich fragen, ob sie ihren Traummann treffen werden. Es könnte ja auch eine Traumfrau sein, oder eine asexuelle Person oder eine Trans-Person, ein/e außerirdische Person….

Was ?? grummelte die Kundin. Ich möchte aber einen Mann

Was Sie möchten, sagte Friederike sehr entschieden, ist nicht ausschlaggebend. Es geht hier um korrekte Formulierungen, eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Wie ihre Traum äh …Person aussieht, kann meine Kontaktperson nicht beschreiben. Jeder Hinweis auf ein körperliches Merkmal führt schließlich zu Diskriminierungen anderer Personen.

Verstehe, sagte die Kundin. Und in die Karibik kann ich ohnehin nicht reisen wegen des CO2-Ausstosses des Flugzeugs.

Das wäre nicht so wichtig, überlegte die Wahrsagerin laut, solange die äh …. Personen der Karibik nicht irgendwie abwertend beschrieben und benannt werden.

Wenn das so ist, verzichte ich auf Ihre Dienste und Sie müssen gar nicht erst mit ihrem verblödeten Gespenst in Kontakt treten, sagte die erboste Nun-Doch-Nicht-Kundin. Am besten Sie verkrümeln sich beide und betreiben ihre hirnverbrannten Sprachspielchen woanders. Hier haben wir andere Probleme äh … Herausforderungen.

Nein, nicht schon wieder, dachte die Wahrsagerin innerlich seufzend.

45 Gedanken zu “Wichtige Herausforderungen der Menschheit – ABC-Etüden

  1. Korrekte Formulierungen ist ein obergäriges Thema, auch immer gerne in Zusammenhang mit Datenschutz plakatiert.
    Neulich habe ich einen netten Witz dazu gehört:

    Wartezimmer bei einem Arzt.
    Die Sprechstundenhilfe kommt in das Zimmer und sagt:
    „Wir müssen die Datenschutzverordnung korrekt einhalten und dürfen bei der Aufrufung des Patienten, der als nächster dran kommt, leider nicht mehr den Namen nennen.“
    Nach einer kleinen Pause, in der die Wartenden das Gesagte sacken lassen fährt sie fort:
    „Der Herr mit den Potenzproblemen bitte, Sie sind dran!“

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  2. Selbst die Wahrsage-Personen haben jetzt also Probleme mit der politischen Korrektness. Ich frage mich, warum die Wahlprognosen immer noch nach „Geschlechtern“ aufgeschlüsselt werden dürfen. Fehlte noch, dass sie nach Herkunftsländern der Großmutter o.ä. aufgeschlüsselt werden 😉

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  3. Das ist das Problem mit der politischen Korrektheit: Es soll alle miteinbeziehen, niemanden diskriminieren aber möglichst auch das Verhalten und die Sprache nicht verkomplizieren. Ich fürchte irgendwo wird es Kompromisse geben müssen. Aber aus dem Traummann eine mögliche asexuelle Person zu machen, ist schon sehr schön zu lesen. Ich gebe aber zu bedenken, dass diese Person, die nun so völlig aus dem „Jagdschema“ der Dame fällt, vielleicht „die perfekte Bereicherung“ ihres Lebens wäre. Von daher sind die Überlegungen der Wahrsagerin vielleicht ernsthafter, als es aussieht.

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    1. Eine Sprache zu entwickeln, die die ganze Komplexität menschlichen Seins und Verhaltens ausdrückt, wäre absolut großartig. In den derzeit entwickelten absurden Konstruktionen mit unaussprechlichen x und s am Wortende sehe ich diese Absicht nicht verwirklicht. Eine Sprache, über die sich eine Handvoll Genderwissenschaftler*innen mehr oder weniger einig ist und der Rest der Menschen lacht darüber, ist auch kein Schritt in die richtige Richtung.
      Dass eine asexuelle oder einer sonstigen Minderheit angehörende Person eine große Bereicherung des Lebens sein kann, bezweifle ich nicht im mindestens.
      Wahrsagerinnen dagegen, die behaupten mit Verstorbenen in Kontakt treten zu können, halte ich für völlig entbehrlichen Hokuspokus

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      1. Tja, vielleicht war die Idee einer weltumspannenden künstlichen Sprache, wie Esperanto es ist, gar keine schlechte Idee.
        Ich glaube, dass es eine Verbindung mit den Toten gibt, ob man dies für finanzielle Dienstleistungen nutzen kann7sollte, halte ich auch eher für fragwürdig.

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        1. Esperanto oder Ähnliches ist sicher keine schlechte Idee, aber Sprache ist halt mehr als nur ein Mittel zur Kommunikation. Vor allem in der Muttersprache stecken viele Emotionen. Hinter einer Sprache steckt auch eine Kultur, Geschichte, bestimmte Menschen, das lässt sich nicht alles rationalisieren

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  4. Ich sehe dich beim Schreiben förmlich vor dich hin lachen 😉
    Allerdings vermute ich, dass die arme Friederike mit einer anderen Kontaktperson (wieso eigentlich „-person“?) besser bedient wäre. Wo Menschen sich doch so gerne politisch unkorrekt ausdrücken, und vom Lieben fange ich erst mal gar nicht an – „Dass nicht sein kann, was nicht sein darf“! 😉
    Abendgrüße 😁🌅🌻🍷🍪👍

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    1. Naja, ich halte ja nichts vom Wahrsagen daher ist mir Kontaktperson ebenso recht wie Kontaktgeist oder sonstwas.
      Ich habe tatsächlich gegrinst, wenn auch nicht sehr fröhlich, weil ich an die absurden Konstruktionen der Genderwissenschaften gedacht habe, an Wortbildungen, die man schlichtweg nicht aussprechen kann und an einen Artikel, den ich kürzlich gelesen habe, in dem stand, dass bei einer Studentenversammlung jeder CIS-Mann den Raum verlassen müsse, wenn eine Frau oder eine sich als weiblich empfindende Person das Wort ergreift.
      Also eigentlich habe ich zwei „Ärgernisse“ in einen Text verpackt 😉 🙂

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      1. Bitte WAS? Warum denn das (also das mit der Studentenversammlung)? Weil es „Studierendenversammlung“ heißen müsste, was ich sprachlich für eine komplette Unart halte, sich aber auch bei uns gerade extrem durchsetzt? … Hm.

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        1. Mit „Studierendenversammlung“ kann ich gut leben, aber nicht mit den seltsamen Verhaltensregeln, die manche ausbrüten und meinen, dass damit ein gutes Miteinander zu erreichen ist. Wenn ich mich jetzt nach Meinung dieser Fanatiker korrekt ausdrücken wollte, könnte ich nicht „zwischen Männern und Frauen“ schreiben sondern es müsste eine lange, lange Aufzählung von diversen Abkürzungen sein, deren Bedeutung ich immer wieder nachsehen müsste

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  5. Friederike macht es sich unnötig schwer.
    Sie kann doch sprachlich übersetzen, was die Kundin sagte, wenn sie mit der jenseitigen Gestalt spricht – und dann – schwammig, wie es Wahrsagerinnen machen – auch wieder zur Kundin übertragen.
    Sie sollte sich von ihrer Kontaktperson im Jenseits mal selbst beraten lassen, dann wird das schon 🙂
    Liebe Grüße
    Ines

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  6. Wenn man den Genderwahnsinn ernst nimmt, dann ist deine Geschichte sicher nah an der Realität 😦
    Ich frage mich manchmal, wie ich ohne Schaden an meiner Psyche durch eine Kindheit und Jugend und einen weiteren nicht unerheblichen Lebensrest gekommen bin mit der bis vor dem Gendern geltenden deutschen Sprache. Mit Geschichten von Otfried Preußler, die noch nicht von Begriffen befreit wurden, die es nicht mehr geben darf. Wie kann es sein, dass ich ein emphatischer offener Mensch (oder heißt das jetzt Menschin?) geworden bin? Ein Mysterium. Mir ist das jedenfalls völlig wurscht, ob jemand für mich ein „in“ anhängt. Viel wichtiger ist, dass ich gleichberechtigt bin,
    und dafür hilft das „in“ am Ende gar nichts.

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    1. Ich lege schon Wert auf ein „in“, doch, doch, Sprache erschafft Realität. Es gibt genügend Wörter, an die man völlig problemlos ein -in anhängen kann. Mich stören auch die *innen nicht.
      Was mich nervt sind die Auswüchse mit X und S, die man nicht einmal aussprechen kann und die Abkürzungen, die kaum jemand versteht.
      Ich lese gerade, dass du in Baikonur zu Christiane und mir stößt. Womöglich amüsieren wir uns dort so gut, dass wir dann gar nicht mehr weg wollen. Die neuen Flugpläne sind eh noch nicht verfügbar. Man weiß also nicht, ob der Luxuskreuzer nach Alpha Zentauri um 13:57 oder um 14:02 abfliegt 😉 🙂

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