Die Unschuld der Opfer

Nachdem mir das Buch, das Irvin und Marilyn Yalom gemeinsam zu schreiben begonnen haben und das von Irvin Yalom nach dem Tod von Marilyn fertiggestellt wurde, sehr gut gefallen hat KLICK, wollte ich gerne etwas von Marilyn Yalom lesen.

Zwar habe ich fast alle Romane und Kurzgeschichten von Irvin Yalom gelesen, wusste aber nichts über seine Frau. Marilyn Yalom (1932-2019) war Kulturhistorikerin mit einem besonderen Faible für Frankreich, die einen Frauensalon führte bei dem sich Literatinnen und Wissenschaftlerinnen diverser Gebiete regelmäßig trafen. Sie hat im Bereich der Kulturgeschichte mit Schwerpunkt Feminismus geforscht und geschrieben.

Dieses Buch besteht aus in der Ich-Form erzählten Geschichten von Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs Kinder waren. Kinder aus verschiedenen Ländern, aus Familien mit unterschiedlichen politischen Ansichten, jüdische Kinder und nicht-jüdische Kinder, Kinder, die in relativer Sicherheit lebten, andere, die mit oder ohne ihre Familien vertrieben oder verschickt wurden, auch Marilyn selbst hat einen Text über ihre Kindheit beigetragen.

Ich habe lange daran gelesen, dazwischen immer wieder anderes, denn es sind emotional sehr fordernde Texte. Obwohl die Geschichten von Erwachsenen geschrieben wurden, kann man doch immer wieder die kindliche Perspektive erkennen.

Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte von Winfried Weiss, dem Sohn eines regimetreuen Gendarmen. Weiss hat seine Memoiren unter dem Titel „A Nazi Childhood“ 1983 in Kanada veröffentlicht. Der Blick des Kindes, das keine andere Ideologie kennt, als die seiner Eltern und gleich denkenden Umgebung und diese Meinungen einfach wiedergibt, kindgemäß unreflektiert, ist sehr eindringlich.

Aus allen Geschichten kann man herauslesen, wie sehr ihre auf verschiedene Arten schwierige Kindheit das weitere Leben der Erzähler*innen geprägt hat.

“ Jede dieser Geschichten zeigt uns einen Mikrokosmos des Zweiten Weltkriegs, gesehen durch die Augen eines Kindes und erlebt mit den Gefühlen eines Kindes, und führt uns in die Welt des jeweiligen Kindes. Natürlich kannte ich all diese Zeugen des Krieges nur als Erwachsene und musste mich auf ihre rückblickenden Erinnerungen verlassen. Dennoch, trotz der Fallstricke, die dies birgt (…) vertraue ich der Substanz dieser Berichte. Kinder erleben die alltäglichen Mechanismen des Krieges, und wenn das Erlebte wieder ans Tageslicht kommt, machen uns die Erinnerungen der Kinder zu Zeugen der brutalen Realität des Krieges.

Alles, was ich von Irvin Yalom gelesen habe und auch auch dieses Buch, ist in der deutschen Übersetzung beim btb-Verlag erschienen. Der btb Verlag wurde 1996 in München als Taschenbuch-Verlag gegründet und gehört heute zur Penguin Random House Verlagsgruppe.

10 Gedanken zu “Die Unschuld der Opfer

  1. Vielen Dank für die Vorstellung dieses Buches, liebe Myriade. Das klingt sehr interessant, aber ist verständlicherweise nur langsam zu lesen.
    Kommt auf unsere Leseliste. Es erinnert uns an das Buch Kriegskinder von Sabine Bode und den nachfolgenden Band Kriegsenkel. In diesen werden die Erfahrungen jedoch einer psychologischen Analyse unterzogen. Was das Lesen noch schwieriger macht. Wir haben mit Begeisterung eine Autobiographie zum Thema gelesen, die allerdings mehr die Zwischenkriegsjahre in Wien aus der Kind Perspektive eines Buben aus sozialistischem Elternhaus beschrieb. Das war wesentlich leichter zu lesen, da es ohne diesen psychologischen Versuch der Einordnung aus kam. Sie war im böhlau Verlag erschienen, aus der Serie DAMIT ES NICHT VERLOREN GEHT … Vielleicht dürfen wir uns das vorgestellte Buch einmal von dir ausleihen?
    Herzliche Grüße und einen schönen Sonnentag.
    „Benita“

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          1. Wobei wir uns jetzt widersprechen müssen. Die Familie bei der wir im Sommer in den letzten Jahren wohnen. Die Mutter ist ebenfalls ein Kriegskind und die liebenswerteste und gefühlvollste Person die wir kennen. Wir halten sie nicht für geschädigt. Sie hat den Krieg in Deutschland auf dem Land bei Verwandten verbracht. Ist aus der Stadt weggeschickt worden. …. Es macht wie immer viel aus, welche Möglichkeiten die Eltern haben und ob sie ihre Kinder schützen können.

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            1. Natürlich kann man nicht alles über einen Kamm scheren, manche haben Glück gehabt und einigermaßen gute Lebensumstände, aber wieso ist liebenswert und gefühlvoll zu sein ein Indiz dafür, dass man keine traumatische Kindheit hatte?

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              1. Gute Frage, wir selbst hoffen auch keine kalte und harte Person zu sein. 😉 …… Wir haben es vielleicht falsch beschrieben. Eine gewisse Tiefe von Gefühl zulassen zu können, ebenso wie eine ziemliche emotionale Stabilität scheinen uns durchaus als Indizien für wenig Traumafolgen. Das bedeutet nicht, dass sie nichts traumatisierendes erlebte, bestimmt nicht, das wissen wir, sondern mehr, dass sie ausreichend Hilfe erhielt und dadurch mit dem Erlebten besser umgehen konnte und kann.

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