Morbides Wien – Impulswerkstatt

Ganz inspiriert von Natalies Text, wollte ich eigentlich den dritten Mann als Fremdenführer durch die Wiener Kanalisation schicken. Wie man sieht, ist es ganz was anderes geworden, wie das bei mir immer so ist. Bemerken möchte ich dazu, dass es selbstverständlich auch ein modernes, buntes, heiteres Wien gibt mit so vielen kulturellen Möglichkeiten aller Art, dass es unmöglich ist, alles zu sehen, zu hören, zu erleben. Aber hinter vielen Ecken lauert Irrationales und Depressives …

Der Geruch der modrigen Blätter, der Abfallprodukte des Sommers zieht durch den Prater. An manchen Stellen ist er besonders intensiv, verstärkt durch den trostlosen Anblick der leeren Ringelspiele und der hochfahrenden und hochfliegenden Attraktionen, die sich geräuschlos durch den Spätherbst kämpfen, ohne Besucher, leblos. Die Feuchtigkeit zieht sich durch alle Schichten der Bekleidung. Auch so mancher Bewohner der Meldemannstraße *) kam hier vorbei. Saß vor der leeren Geisterbahn, in Träume von Weltherrschaft versunken.

Auch in der Hauptallee riecht es nach Verfall und Weltuntergang in modernden Abstufungen. Es ist wahrscheinlich reine Einbildung , dass die benutzten Kondome, die hinter Büschen herumliegen zur allgemeinen Geruchslage beitragen. In der Nacht verwandelt sich die im Frühling so idyllische Hauptallee in einen gigantischen Straßenstrich. Die geschäftlichen Transaktionen finden dann hinter Bäumen und Büschen statt, wo sie von Elfriede Jelineks Klavierspielerin beobachtet werden. Sie trägt einen karierten Rock.

Breuer und Freud spazieren durch die Hauptallee, mit Hüten und Gehstöcken ausgestattet. Ihrer Gestik nach zu schließen, debattieren sie gerade und sind in vielem uneinig. Wäre auch noch Alfred Adler dabei, könnte es womöglich unter den würdigen Herren zu leichten Handgreiflichkeiten kommen. Vielleicht war es zum Zeitpunkt dieses Spaziergangs noch nicht ganz klar, dass der morbide, makabre Teil der österreichischen Seele vorübergehend die Herrschaft übernehmen würde. Bis alles zerbombt, verlassen und tot war, dann regierte vorübergehend wieder der klare Verstand. Leider allzu vorübergehend.

Der liebe Augustin**), gerade mit massivem Kater aus der Pestgrube herausgekrochen, trägt auch nicht zur Verbesserung der geruchlichen Lage bei, aber immerhin zur Stimmung. „Oh du lieber Augustin, alles ist hin“. Das Lachen in der Hoffnungslosigkeit, „die Lage ist verzweifelt aber nicht ernst“ ***) ist eine Wiener Spezialität. Im Hintergrund spielt die Zither, aber das sind schon wieder ganz andere Zeiten.

Da kommt Arthur Schnitzlers Kutsche, als Kind hat er ja in der Praterstraße gewohnt, gleich neben der Hauptallee. In der Kutsche aber sitzt nicht er, sondern Professor Bernardi und der Leutnant Gustl. Schnitzler selbst wird wohl gerade wieder einmal vor Gericht stehen wegen seiner sittenwidrigen Werke. Kaum einer hat die Dekadenz und die Abgründe hinter der Fassade des kulturell und wissenschaftlich blühenden Wiens in der letzten Phase der Habsburgermonarchie so dargestellt wie er. Oh ja, ich bin ein großer Schnitzler Fan, von der Novelle „Sterben“ bis zu seinen Bühnenstücken.

Jetzt ist es schon ziemlich voll in der Hauptallee, das Riesenrad dreht sich und es wird langsam Abend. Alles dreht sich, alles bewegt sich. Der Tanz auf dem Vulkan geht immer weiter
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*) Das Männerwohnheim in der Meldemannstraße 27 war von 1905 bis 2003 ein Obdachlosenasyl in Wien. Bekannt wurde es als Wohnort von Adolf Hitler zwischen 1910 und 1913.

**) Marx Augustin oder Der liebe Augustin (eigentlich Markus Augustin; * 1643 in Wien; † 11. März 1685 ebenda) war ein Bänkelsänger, Dudelsackspieler, Sackpfeifer, Stegreifdichter und Stadtoriginal. Er wurde durch die Ballade „O du lieber Augustin“ sprichwörtlich und zu einem sogenannten geflügelten Wort. Bis heute ist die Figur des lieben Augustin ein Inbegriff dafür, dass man mit Humor alles überstehen kann.

***) Ein Zitat, das Karl Kraus zugeschrieben wird, aber wahrscheinlich von Alfred Polgar ist. Egal, es passt auf jeden Fall großartig

31 Gedanken zu “Morbides Wien – Impulswerkstatt

    1. Danke dir! Du weiß ja, ich übe mich gerne darin mit Worten Stimmungen zu erzeugen. Natürlich ist es noch ein Unterschied, ob man einen Ort, von dem berichtet wird, gesehen hat oder nicht.
      Herzliche Grüße an die Elbe und den nahen Atlantik !!

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  1. Schön, einmal auch auf diese Weise durch Wien geführt zu werden. Wobei, wenn ich ganz ehrlich bin, hätte es mir auch gefallen, einmal mit dem 3. Mann in die Wiener Kanalisation abzusteigen und diese zu erkunden. Wenn ich es richtig im Kopf habe, gibt es auch entsprechene Führungen zum Film „Der 3. Mann“?

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  2. Im Prater werden zwar wieder die Bäume blühen, aber ob Menschen sich amüsierend durch die Vergnügungsstraßen bewegen werden?
    Düster, nostalgisch und irgendwie wienerisch klingen Deine Worte. Eine Stimmung, die passt, nicht zu dunkel und nicht zu hell.
    Oh du lieber Augustin, wer kennt diese Liedzeile nicht, aber vom Hintergrund wußte ich gar nichts…

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  3. Der Text zeigt mir eine unbekannte Flaneuse, die mich durch ein trüb und trist gestimmtes Wien führt. Die historischen Figuren erscheinen als stumme Wiedergänger. Es würde mich nicht wundern, wenn sie alle den Kopf unter dem Arm trügen.
    Sehr stark, was du hier geschrieben hast.

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  4. So eine spannende Zusammenkunft, das stelle ich mir auch toll vor als Gemälde oder als Film…
    und ich weiß nun woher das Lied „Ach du lieber Augustin kommt“, das Bloggen ist wirklich gut für die Allgemeinbildung.
    Aber sag mal … wolltes du nicht eine literarische Figur ins Café einladen?
    Die Alternative ist auf jeden Fall Klasse!

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