ABC-Etüde – weltanschaulicher Mord

Die ABC-Etüden.

Wie immer bei Christiane

Die vorgegebenen 3 Wörter in einen Text von 300 Wörtern verpacken

Moritz Schlick ist mir zufällig vor die Tastatur gesprungen. Ich fand es recht interessant eine Kombination von Formulierungen aus Wikipedia und eigenen Formulierungen zu basteln und die drei Wörter einzubauen.

Moritz Schlick war Physiker und Philosoph. Er begann bei der Physik, wurde bei keinem geringeren als Max Planck promoviert, forschte an mehreren Universitäten, wandte sich dann der Philosophie zu und habilitierte sich mit der Arbeit „Das Wesen der Wahrheit nach der modernen Logik“

Als sein Hauptwerk gilt die „Allgemeine Erkenntnislehre“. Ein Werk in dem er gegen positivistische und neukantische Positionen einen erkenntnistheoretischen Realismus verteidigte. Also ganz meine Richtung. Er pflegte auch freundschaftliche Beziehungen zu den damaligen Größen der Physik, etwa mit Albert Einstein und hatte einen langjährigen philosophischen Austausch mit Ludwig Wittgenstein.

1934, nach der Machtergreifung des ominösen Austrofaschismus blieb Schlick, der inzwischen an vielen europäischen und amerikanischen Universitäten gelehrt hatte in Wien. Hier hatte er sich in der Volksbildung engagiert und den Wiener Kreis, einen interdisziplinären Diskussionszirkel gegründet.  

Am 22. Juni 1936 wurde Schlick  im Gebäude der Wiener Universität von seinem ehemaligen Studenten Hans Nelböck, der 1931 bei ihm promoviert hatte, erschossen.  

Der Täter, der vom Gericht für zurechnungsfähig befunden wurde, war voll geständig, zeigte jedoch keinerlei Reue. Er rechtfertigte seine Tat damit, dass Schlicks antimetaphysische Philosophie seine moralische Überzeugung verunsichert habe, wodurch er seinen lebensweltlichen Rück- und Zusammenhalt verloren habe. Eine negativ faszinierende Begründung: überzeugende Positionen, die die eigenen Glaubenssätze ins Wanken bringen, rechtfertigen den Mord an einem Menschen, der diese Philosophie vertritt.

Nelböck wurde zu 10 Jahren Haft verurteilt, 1938 wurde er von den Nationalsozialisten vorzeitig auf Bewährung aus der Haft entlassen. Obendrein wurde dem ermordeten Schlick von seinen Gegnern die Verantwortung für seine Ermordung selbst zugewiesen. Das Argument, dass ein durch Rassismus und Intoleranz vergiftetes geistiges Klima zur Tat beigetragen habe, wie heute auf dem Gedenkstein zu lesen steht, wurde von den Nazis in bewährter Art einfach weggeputzt.

Die Kirche wiederum gab Schlick die Schuld für etwas, was für viele eine begrüßenswerte Entwicklung war, nämlich die liberale Scheidung von Wissenschaft, Metaphysik und Religion.

24 Gedanken zu “ABC-Etüde – weltanschaulicher Mord

  1. Das Mordmotiv ließe sich grosso modo auch auf die sog. Ehrenmorde anwenden, die ziemlich in Mode zu kommen scheinen: „Meine Schwester (Mutter, Ehefrau Tochter) hat ein Verhalten gezeigt, das die traditionellen Werte meiner Familie und Glaubensgemeinschaft in Frage stellt, wodurch ich meinen lebensweltlichen Rück- und Zusammenhalt verloren habe“.

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  2. „Negativ faszinierend“, in der Tat, und so simpel (und vertraut), die Schuld immer im Außen zu suchen …
    Darf ich fragen: Der Begriff sagt mir nicht viel, zugegeben, aber warum ist der Austrofaschismus „ominös“, ist das den Etüden geschuldet?
    Auf die Idee, dass es real existierende Schlicks gegeben hat, war ich ja überhaupt nicht gekommen. Danke, Etüden bilden! 😁👍
    Nachmittagskaffeegrüße 😁🌤️🌻☕🍪👍

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  3. Es führt zwar zum Glück nicht immer zum Mord, aber die Ansicht, dass man überzeugende Positionen, die die eigenen Glaubenssätze ins Wanken bringen könnten, unbedingt zum Schweigen bringen müsse, kommt mir leider sehr aktuell vor … . Und dass dann den zum Schweigen Gebrachten die Verantwortung zugewiesen wird, leider auch … .

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      1. Das Problem ist leider, dass der Gruppe der Ungeimpften immer weniger andere Themen zugestanden werden: Da die Teilnahme an vielen „normalen“ Bestandteilen des sozialen Lebens für diese Gruppe mehr und mehr erschwert – bis unmöglich gemacht wird, bleibt nicht mehr viel. Sprich, man wird als ungeimpfte Person quasi staatlich gezwungen, sich nur noch mit diesem Thema zu beschäftigen. Immer nach dem Motto: „Du musst ja nur deine Weltanschauung ändern. Ganzheitlichkeit war gestern. Autoimmunerkrankungen, was macht das schon … . Es ist doch nur ein Pieks…“. Du könntest deinen Appell, dass es noch andere Themen gibt, aber gerne an die Medien und Politiker richten, ich würde das sehr unterstützen…! 😉😎

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        1. Also in den Medien, die ich lese, gibt es zum Glück noch jede Menge anderer Themen.
          Ich habe nicht die Teilnahme an Veranstaltungen gemeint, sondern Themen . Nicht „Covid“ und „Impfen“ mit allen möglichen Unterthemen sondern ich sehe eine lange Liste von Themen vor mir, alphabetisch geordnet von zB „Architektur“ bis zB. „Zen“.
          Ich weiß nicht, wie die Sache in D läuft, aber Personen, die sich wegen realistischer gesundheitlicher Bedenken wie eine Autoimmunerkrankung nicht impfen lassen wollen, werden dazu doch nicht gezwungen

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          1. Personen mit Autoimmunerkrankungen, die sich nicht impfen lassen wollen, unterliegen denselben gesellschaftlichen Einschränkungen wie alle anderen Ungeimpften auch. Ob man die immer weiter ausgeweitete „2 G-Regel“ (selbst gegenüber den 12 – bis 15-Jährigen) „Zwang“ nennt, oder „nur Druckmittel “ ist wohl letztlich nur eine semantische Frage…

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  4. Beim Lesen habe ich ganz schnell vergessen, dass dies ein Text zu drei Schlüsselwörtern war. Ich war fasziniert von den Informationen über einen Menschen, von dem ich nie zuvor gehört habe. Und mit Grusel-Gänsehaut habe ich die perversen Begründungen für seine Ermordung gelesen. Ansätz von solcher Gesinnung, Andersdenkenden Gewalt antun zu dürfen, gibt es ja schon wieder.

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        1. Sehr gerne. Es ist mir in letzter Zeit oft ein Bedürfnis- zumindest für mich – dem Irrationalen etwas entgegenzusetzen. Die Trennung von Wissenschaft, Metaphysik und Religion halte ich für einen Grundbaustein einer funktionierenden Gesellschaftsordnung. Möge jede/r sich in den Bereichen bewegen, wo er/sie möchte, aber nicht den einen Bereich für einen anderen ausgeben.

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