Dienstag 24. August 2021

Es wäre schön, jeden Tag einen Text schreiben zu können, der den Namen verdient. Doch dann wäre ich den ganzen Tag damit beschäftigt und dafür habe ich weder Zeit, noch Lust noch Inspiration. Also wird es wohl beim derzeitigen Rhythmus bleiben, der so ist, dass ich problemlos nebenbei immer wieder kleine Texte schreibe. Längere sind für den Blog ohnehin ungeeignet.

Es beschäftigt mich die Frage, ob ich es eigentlich mag, wenn mein Leben durch äußere Faktoren strukturiert wird. Zwei Wochen lang waren die Öffnungszeiten des Restaurants im Kurhaus die Eckpfeiler des Tages gemeinsam mit den Terminen von diversen gesundheitsfördernden Aktivitäten. Das hat mich nicht wirklich gestört, zumal das Essen köstlich war und ich die meisten Kuraktivitäten sehr genossen habe. Was ist gegen Kneipen, Lymphdrainage, Unterwassergymnastik, Wandern etc einzuwenden? Trotzdem weiß ich nicht so recht, ob ich es über längere Zeit so haben wollte.

Aus etwas anderem Blickwinkel fällt mir dazu der „Wilde“ aus Huxleys „Schöne neue Welt“ ein, der in einer Gesellschaft in der alle gezüchtet und erzogen werden um permanent glücklich zu sein, sein Recht auf Unglück, Krankheit und Alter einfordert. Eines meiner Lieblingsbücher, visionär ist die Beschreibung der Entwicklung der Gesellschaft und es lässt sich darüber ein Leben lang nachdenken. Ebenso wie über Fs absolutes Lieblingsbuch „1984“, das allerdings eine Gesellschaft schildert, an der nichts Positives zu finden ist. Ich erinnere mich, dass das Ziel der Umerziehung in „1984“ darin besteht, dass die Umerzogenen nach ziemlich grausigen Foltermethoden das, was sie davor als falsch empfanden danach wirklich gut und richtig finden. Ziemlich erschreckend.

27 Gedanken zu “Dienstag 24. August 2021

  1. Du hast (wie wir/die meisten) dein Leben in starren Strukturen verbracht, die zumindest dein Arbeitsleben geregelt haben. Das ist so in einer so durchgetakteten Gesellschaft wie unseren, und dass es dir (uns) zum Hals heraushängt, ist nachvollziehbar.
    Gleichzeitig brauchen wir Strukturen. Ohne Licht keine Empfindung des Dunkels, ohne Arbeits- keine Feiertage etc. Ich halte es für unabdingbar, sich selbst Strukturen zu schaffen, vielleicht erheblich grobmaschigere, das ist individuell. 🤔
    Ich vermute, dass dich auf Dauer alles stört, wenn es dir von außen übergestülpt wird und du es nicht verändern kannst. 😏
    Morgenkaffeegrüße 😁⛅🌻🌳☕🍪👍

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    1. Da gebe ich dir in allem recht. Wobei man als LehrerIn abgesehen von den genau festgelegten Zeiten des Unterrichts viel Freiheit hat, die sonstige Arbeit nach eigenem Gutdünken zu organisieren. Übergestülptes ist im Prinzip grauslich. Aber es bietet auch die Möglichkeit sich gelegentlich super-effizient zu fühlen, was auch ein schönes Gefühl ist, wenn es kein Dauerzustand sein muss.
      Eine der größten Herausforderungen der Pension ist die Schaffung selbstbestimmter Strukturen. Genau das war durch die Lockdowns sehr erschwert …
      Herzliche Grüße nach Norden. In Wien hat es genau jetzt 16 Grad

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                1. An irgendwas muss man sich ja orientieren. Ich finde es absurd, wenn man „aus Prinzip“ oder wegen „der Freiheit“ die jeweils gültige Rechtschreibordnung zugunsten einer früheren ablehnt. Als wären uns nicht auch die Rechtschreibordnungen von gestern und vorgestern übergestülpt worden…

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  2. Christiane hat schon einen wichtigen Punkt angesprochen. Wir brauchen wohl Struktur, die wir selbst bestimmen.
    Aber ich merke immer wieder, dass zu viele Aktionen, die sich außen und mit anderen Menschen abspielen, mir kreative Konzentration und Kraft rauben. Das Maß ist für unterschiedliche Menschen zwar individuell verschieden, aber ich glaube, es ist ein allgemeines Problem, das jede für sich lösen muss.
    Tägliche Fitnessanwendungen, Arztbesuche und Restaurantbesuche wären für mich persönlich ganz bestimmt zu viel.

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    1. Dass selbstbestimmte Strukturen sein müssen, denke ich auch, wenn auch in unterschiedlicher Stärke. Es muss auch möglich sein, Pläne kurzfristig umzuwerfen und ganz anderes zu tun. Das ist ja der positive Aspekt des Pensionistinnendaseins.
      .
      Wie gesagt, empfinde ich es manchmal auch als angenehmes Gefühl Vorgegebenes, wie einen Kurplan bestens zu bewältigen, weil das ein Gefühl der Effizienz bei mir erzeugt. Wobei es sich dabei um Dinge handelt, die ich ja gerne und freiwillig mache. Wenn es sich um Dinge handelt, die ich zwar freiwillig aber nicht gerne mache, sieht die Sache anders aus. Solche, die ich unfreiwillig machen muss, sind zum Glück sehr selten

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        1. Das fürchte ich auch ; Wobei ich mich schon öfter beim fluchend aus Schlaglöchern heraus kriechen erlebt habe und dann einen kleineren oder größeren Richtungswechsel vorgenommen habe, mit dem ich dann zufrieden war. Bis zum nächsten Loch ….

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  3. Das Recht auf Unglück, Krankheit und Alter. Also, wenn wir nun das Alter weglassen, haben wir uns diese Anerkennung lange gewünscht, als Reaktion darauf, dass unser Lachen und Lächeln meist aufgesetzt war und nicht unserem inneren Erleben entsprach. Jetzt machen wir dieses Training für besseren Schlaf, das den Nebeneffekt hat, dass wir uns glücklicher fühlen und das tut sehr gut. Wenn innen nicht Elend sondern Freude wohnt, ist der Wunsch nach Unglück nicht vorhanden, zumindest bei uns nicht. Es besteht eher die Frage, ob uns jemand die Krankheit und das Erlebte glaubt, wenn es uns – im Vergleich – eigentlich Recht gut geht. Wobei wir sicher nicht beim Dauerglück angekommen sind. Und wir können nur unsere eigenen Erfahrungen mit Leid und Unglück vs. Freude darstellen.
    Ja, die gesellschaftliche Pflicht Glück und Freude darzustellen, die sich innen nicht abbilden ist ein sehr großer Schmerz. Wir haben mit 25 Jahren Gedichte dazu geschrieben. Es war grausam.

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    1. Ja, das Vorspielen von Glück, wo gar keines vorhanden ist, ist eine harte Übung, gar keine Frage. So wie ihr es beschreibt, geht es da aber um anderes.

      Bei Huxley wird eine Welt erfunden, in der die Menschen für ihre vorgegebenen Lebensumstände gezüchtet und obendrein mit Drogen vollgestopft werden so dass sie gar nicht anders können als glücklich zu sein. In diesem Zusammenhang fordert eine der Personen das Recht auf Unglück, Krankheit und Alter.
      .
      Bei näherer Betrachtung ist es aber vielleicht gar nicht so anders …

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  4. Ja, vielleicht ist es nicht so anders? Huxley überzeichnet ein gesellschaftliches Phänomen würden wir sagen. Die Tatsache, dass Unglück, Krankheit und Alter bzw. das Leid das daraus entstehen kann oder entsteht ein gesellschaftliches Tabu ist und nicht sein darf. Niemand weiß, wie viele Leute täglich Psychopharmaka nehmen, um Schlafprobleme (die 80% der Berufstätigen betreffen sollen) und depressive Symptome im Griff zu halten und weiter zu funktionieren und vorzugeben, dass alles gut ist. Der Betrug beginnt natürlich bei sich selbst. Allerdings geht’s auch andersrum, je mehr wir uns schlecht fühlen und das zelebrieren, desto größer wird das Leid. Timmi, ein Kater hat uns etwas wichtiges gelehrt. Als er sich vor seinem Tod von uns verabschiedete, ließ er uns vielleicht fünf Minuten weinen, dann waren wir geneigt uns in das Elend fallen zu lassen. Da stand er auf, signalisierte, dass es jetzt genug ist und ging ….. für immer. Wir haben ihn dann nicht mehr gesehen.

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    1. Ohh, wie traurig, war das einer von den Hauskatern?
      Bei Huxley ist es schon ein wenig anders, weil die Menschen physisch und psychisch zum Glücklichsein konditioniert werden. Das ist in unserer Gesellschaft ja nicht der Fall

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      1. ….. wir sollten Huxley nochmal lesen und uns nicht auf Erinnerungen von langer Zeit vertrauen. ….. Dennoch finden wir uns sehr wohl in diesem konditioniert werden wieder. Natürlich nicht von staatlichen Institutionen, aber von unserer Kindheit sehr wohl.

        Es geht um den ersten Kater, den wir in Baden gesittet haben. Wir waren einander sehr nahe. Er starb 2016, da haben wir auch am Blog berichtet. Ist schon länger her, hat sich aber in unser Herz eingegraben. Ein besondere Begegnung

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