Impulswerkstatt – Unverzeihlich

Ganz besonders hinweisen möchte ich darauf, dass mein Text nicht das Mindeste mit der auf dem Foto abgebildeten Person zu tun hat. Mit Ausnahme der Tatsache, dass sie eine KZ-Überlebende ist.

Wer wird mir verzeihen? Wem kann ich verzeihen?

In unserer Baracke lebten zwei Frauen, die nie bei den Arbeitsgruppen dabei waren. Sie waren hübsch und verdienten sich ihr Überleben auf andere Weise. Manchmal brachten sie uns zusätzliche Rationen Brot mit und verteilten sie immer an die Schwächsten, an die Sterbenden, auch an solche, die gar nicht mehr die Kraft hatten zu essen. Es gab in unserer Baracke Frauen, die zuerst oder zumindest überhaupt an andere dachten. Und es gab Frauen, die nachts zwischen den Schlafenden umhergingen und das übrig gebliebene Brot suchten. Zu diesen gehörte ich. Wir schlichen wie die Schatten herum und gaben vor, einander nicht zu sehen. Wir fanden ja nicht viel, aber es reichte um etwas mehr Kraft zu haben und letztlich um zu überleben.

Ist es schlecht, seinem Überlebensinstinkt zu folgen, ist es böse auf Kosten anderer nicht zu sterben? Auf Kosten von Menschen, die ohnehin höchstens noch ein paar Tage zu leben hatten. Ist es falsch, das Unglück nicht anzunehmen sondern zu kämpfen? Ist nicht verloren, wer sich nicht selbst hilft?

Was hat es mir letztlich gebracht zu überleben? Ja, ich habe erlebt, wie eine neue Generation heranwuchs, in Israel, gesunde und starke Frauen und Männer, die sich nicht mehr wie die Schafe zur Schlachtbank führen lassen würden. Mehrere Generationen schon, die das Land aufgebaut haben. Auch mit Unterstützung des schlechten Gewissens einiger und der Solidarität anderer.

Nach der Befreiung aus dem KZ wusste niemand was mit uns geschehen sollte. Ich klammerte mich an den Gedanken, dass ich so viel Schuld auf mich geladen hatte um zu überleben, dass ich nun durchhalten musste, komme da noch was wolle. Es kam noch viel doch heute lebe ich im Wohlstand, habe Kinder, Enkel und Urenkel und werde als Überlebende meiner Generation geschätzt und umsorgt.

Meine Nächte verbringe ich mit den Schatten der Toten und der Lebenden. Den Schatten der Frauen, die mit mir die Baracke teilten, die Zwangsarbeit in den Siemens-Werkstätten, den Hunger, die Cholera und die Läuse.

Vor ein paar Tagen ist gegenüber eine neue Familie eingezogen, ein Paar mit vier Kindern und einer Großmutter. Seitdem schlafe ich kaum noch, denn ich habe sie wiedererkannt, nach Jahrzehnten. Sie war damals noch ein Kind und doch traf ich sie immer wieder bei den nächtlichen Streifzügen durch die Baracke. Gesichter, denen man unter solchen Umständen begegnet, prägen sich ein. Es gab nicht viel zu stehlen, sie hatte aber meistens irgendetwas ergattert. Sie war ein kleines, zartes Mädchen und alle freuten und wunderten sich, wie gut sie alles bewältigte.

Und nun? Soll ich ab jetzt nicht nur die Nächte sondern auch die Tage mit Schatten verbringen? Besonders mit einem. Vielleicht erinnert sie sich gar nicht an mich. Doch auch dieser Wunsch blieb unerfüllt. Sie sah mich an und ich wusste sofort, dass wir einander erkannt hatten, wir Fremde unter den Rechtschaffenen.

Wer wird uns verzeihen, dass wir überlebt haben? Ich kann es nicht.

37 Gedanken zu “Impulswerkstatt – Unverzeihlich

  1. Es gehört zu den Folgen der Naziverbrechen, die ich immer besonders erschütternd fand: Menschen können sich ihr Überleben nicht verzeihen. Auch wenn sie nicht andere Opfer bestohlen oder anderweitig geschädigt haben wie in deinem Text, ertragen sie ihr Überleben nicht. Wie zum Beispiel Primo Levi, der nach einem jahrzehntelangen Leben in Schuldgefühlen das nicht mehr ertragen konnte und mit 68 Jahren auf eine Weise starb, die überwiegend für Freitod gehalten wird.
    Dein Text erinnert mich auch daran.

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    1. Ja, ich habe auch viel gelesen über dieses Schuldgefühl der überlebenden,das ein sehr verbreitetes Phänomen sein soll. Ebenso gibt es auch die Schuldgefühle der Nachkommen der Nazi-Bonzen und auch ganz durchschnittlicher Deutscher und Österreicher. Alles Spätfolgen einer perversen Ideologie, die keineswegs ausgerottet ist.

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  2. Schwere Kost und sehr bewegend geschrieben. Survivors-Guilt ist von Außen nicht immer leicht nachzuvollziehen, genauso wie das Grauen in KZs. Vielleicht ist es auch einfacher über die eigene Schuld nachzudenken, als darüber, was einem angetan wurde. Immerhin ist man dann nciht so machtlos.

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  3. Sehr berührend geschrieben! Mein Vater, der sonst nie aus der Zeit von Krieg und Flucht berichtet hatte, erzählte mir eines Tages, dass er damals (noch nicht ganz 15-jährig) zum „Volkssturm“ eingezogen worden war – und nicht hingegangen ist. (Du siehst, meinen Widerspruchsgeist habe ich durchaus geerbt … ;-)). Ich habe keine Ahnung, wo und wie er sich versteckt hat. Aber eindrücklich fand ich, dass er nicht etwa stolz darauf war, sondern sich irgendwie dafür schämte. Er hatte das Gefühl, „feige“ gewesen zu sein und die deutschen Soldaten „im Stich gelassen“ zu haben. Er hatte ja seine gesamte Kindheit vermittelt bekommen, dass „Tapferkeit“ die höchste Tugend sei. Und die spätere Bewertung, dass es sehr mutig war, – nicht mitzumachen -, die konnte er für sich nicht integrieren.
    Herzliche Grüße!

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    1. Danke schön ! Da wäre ich an deiner Stelle auch stolz auf meinen Vater. Wenn er hingegangen wäre mit allen daraus folgenden Konsequenzen könnte es gut sein, dass es dich gar nicht gäbe. Arg ist ja auch, wie lange es gedauert hat, bis die allgemeine Meinung zu Deserteuren sich verändert hat und diese fürchterlichen Denkmäler mit der Aufschrift für die „gefallenen Helden“ langsam geändert werden. Dass er sein eigenes Handeln nachträglich als falsch empfand ist ein trauriger Beweis dafür, dass Indoktrinierung oft nur kurzfristig durch das massive Durchbrechen des eigenen Überlebensinstints außer Kraft gesetzt wird.
      Juhu, wir sind uns ausnahmsweise einig 🙂 🙂

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      1. Ich weiß gar nicht, ob ich „stolz“ bin, oder sein sollte…, es geht ja um eine Handlung meines Vaters, nicht um meine eigene. Ich habe das vor allem deshalb geschrieben, weil sich darin für mich zeigt, dass Handlungen von anderen (v.a. von Menschen, die nicht dabei waren) oft ganz anders empfunden und bewertet werden, als von den Betroffenen selbst, für die (schon während der Handlung) starke Gewissenskonflikte damit verbunden waren. Das war für mich die „Botschaft“ deines Textes. Und deshalb erinnerte ich mich an dieses Gespräch damals mit meinem Vater … .

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        1. Was ist schlecht daran auf seinen Vater stolz zu sein ? Dein Vater ist doch sicher auch stolz auf dich.. Gehört es nicht zu den Aufgaben der Eltern, stolz auf ihre Kinder zu sein
          Ich denke, dass Gewissenskonflikte auch im Laufe der Zeit größer werden können, als sie zum Zeitpunkt der fraglichen Handlund waren

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  4. Profundo.
    Eu tenho pensado muito no significado do perdão. Eu penso que o perdão é algo que se dá a si mesmo. O que eu dou ao outro é tentar esquecer, mas esquecer totalmente não é possível.
    Eu espero que você consiga entender o português. Grande desafio.

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  5. Du hast eine sehr spannungsreiche, bestürzende Geschichte geschrieben. Ich habe sie heute noch einmal gelesen. Dass es Leute gab, die den andren auch noch die letzten Brotstücke wegnahmen, habe ich noch nie gehört. Die Geschichte ist aber gut nachvollziehbar.
    Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich für mein Leben kämpfe ohne anderen zu schaden oder ob mir das Leben der anderen dabei völlig egal ist.
    Wie wir hier selbst reagieren würden, vor allem spontan oder im Affekt , wer weiß das schon? Ob solch ein Verhalten wie hier nicht sogar zur sogenannten Banalität des Bösen gehört??
    Gott sei Dank muss ich das nicht beurteilen!
    Wenn andere schon Schuldgefühle hatten, nur weil sie andere überlebt haben (und davon habe ich oft gehört) , zeigt da jedenfalls eine andere, positivere menschliche Seite, auch wenn dieses Verhalten oft unverständlich scheint.

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    1. Ich weiß nicht recht wie weit in so einer Extremsituation, in der es ums nackte Überleben geht, die Kategorien „gut“ und „böse“ noch anwendbar sind.
      Ich getraue mich auch nicht zu sagen „Niemals würde ich dies oder das tun“ wer weiß wozu man imstande ist …

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  6. Eine sehr intensive Geschichte. Daß es Menschen in den Lagern gab, die sich nachts die Reste des Tages von Mitgefangenen *abholten*, wußte ich nicht. Es kann nicht viel gewesen sein. Die Rationen waren mit Sicherheit sehr karg. Sich schuldig fühlen, weil man überlebte, wegen einer solchen Nichtigkeit? Man sollte es sich verzeihen, einfach nur verzeihen…

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