Vielleicht doch …

Diese mitleidigen Blick machen es mir nicht leichter. Wenn ich mit meinem Stock, in viel zu warmer Kleidung mit Kopftuch und schwarzem Mantel über den Strand gehe. Wenn der Stock einsinkt, sinkt auch mein Körper zur Seite und das Aufrichten ist mühsam. Auf einem sehr schmalen Streifen ist der Sand gerade fest genug um dem Druck des Stocks stand zu halten und auch dem Wind, der weiter oben am Strand den Sand verweht. Bis weiter hinunter zum Vergessen schenkenden Wasser würde ich es nie schaffen, denn nicht nur die mitleidigen Blicke verfolgen mich. Auch die automatisch überwachenden Blicke meiner Familie finden mich immer.

Als ich jung war, herrschte in meinem Land ein völlig anderes soziales Klima als heute. Wir waren ohne verhüllende Bekleidung und ohne männliche Begleitung unterwegs. Wir konnten unser Leben beinahe selbst bestimmen, zumindest verstand ich es damals nicht besser. So weit, dass man als junge Frau schwimmen lernen durfte, ging es aber auch damals nicht. Als Mädchen stand ich unter der Aufsicht meines Vaters und meiner Brüder, heute bewachen mich meine Söhne. Mein Leben ist hier in oberflächlichen Bereichen etwas besser als zuhause, nicht im Wesentlichen, in dem, was für mich wesentlich ist.

Es ist wohltuend, ein paar unbeaufsichtigte Schritte machen zu können, mein Gesicht und meine Hände als einzige Teile meines Körpers mit Luft und Sonne in Kontakt zu bringen. Wie ein kleines Fenster der Verbindung mit der sinnlichen Welt fühlt es sich an.

Ich habe die Sprache gelernt, die hier gesprochen wird, lange bevor wir her kamen, so gut gelernt, dass ich diejenigen mit denen ich spreche immer überrasche. Eine gebildete, alte Frau aus meiner Gegend der Welt ist ihnen noch nicht untergekommen. Darauf sind sie nicht eingestellt und ihre gut gemeinten Routinen der Bevormundung erschrecken sie selbst ein wenig, wenn sie mit mir zu tun haben.

Doch eine echte Alternativen zu dem Leben, wie ich es führen muss, habe ich nicht. Soll ich alte Frau mich ganz allein in die Welt der mitleidigen Blicke wagen? Ist es unter Fremden mit ganz anderen Lebenserfahrungen weniger einsam als unter den eigenen Söhnen. Schlimm für uns alle ist, dass die Verunsicherung im fremden Land die Männer dazu bringt, sich an das einzige zu klammern, was sie als Kinder gelernt und erlebt haben.

Ich gehe noch ein paar Schritte weiter. Dort steht eine Bank und darauf sitzt eine Frau, etwa in meinem Alter und liest ein Buch. Ich bin traurig darüber, dass mir durch den Kopf schießt „das ist also erlaubt“. Ich könnte mich auch dorthin setzen, meinen Mantel nicht ausziehen, aber aufknöpfen und ein Gespräch versuchen …

17 Gedanken zu “Vielleicht doch …

  1. Schwierig, sich in Frauen in der arabischen (?) Kultur hineinzudenken … ich wüsste nicht zu sagen, wie weit du vorgedrungen bist. Es klingt zwar (auch durch die ich-Form) überzeugend, aber auch so sehr vertraut, dass mich der Gedanke beschleicht, es könnte doch die Sicht einer Westeuropäerin sein.

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    1. Ja, da hast du völlig recht, es kann auch nur eine sehr schwache Annäherung sein. Ich habe einen ganz guten Einblick in die Welt von jungen Mädchen aus muslimischen Kulturkreisen gewonnen, aber wie die Welt einer alten Frau in diesen Kulturen aussieht …

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