Impulswerkstatt – Zwischen Wüste und Meer

Das Mittelmeer hat viele Gesichter, sanfte und grausame, es ist Wiege und Grab für Menschen und Kulturen. Und es hat viele inspiriert, warum also nicht auch mich, dachte ich. Ich war mir recht sicher, dass mir das von meinem Doktorvater vorgeschlagene Diss-Thema „Albert Camus und das Mediterrane“ viel Freude machen würde. Ich zögerte nur ein bisschen, weil ich den Eindruck hatte, dass er einen schwärmerischen Zugang zu dem Thema hatte, dem mein eher nüchterner Charakter nicht entgegenkam. Aber er sprach selbst seine Schwärmerei an und versicherte, dass ich beim Recherchieren und Verfassen der Dissertation meinen eigenen Ansätzen folgen könnte. Und so kam es, dass ich auf den Spuren von Albert Camus ein paar Monate in Algier verbrachte.

Schon vor Ort in einem Hotel untergekommen, studierte ich zahllose Wohnungsanzeigen. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, in der arabischen Altstadt zu wohnen und nicht in Belcourt, dem Viertel in dem Camus als Kind gelebt hatte. Dort würde es ohnehin nicht mehr so aussehen wie zu Camus Zeiten und ich wollte unbedingt ergründen, wie es mir als alleinstehende Frau ergehen würde, wenn ich eine Wohnung in einer arabischen Altstadt mieten wollte. Sollte dieses Projekt scheitern, so könnte ich mich ja immer noch in einem anderen Viertel einmieten.

In der gefühlt fünfhundertsten Annonce las ich den Hinweis „Dachbegrünung“, der mich so verblüffte , dass ich sofort aufbrach um mir die angepriesene Wohnung anzusehen. Die typischen weißen Würfel traditioneller arabischer Häuser im Maghreb haben zwar alle eine Dachterrasse, aber eine begrünte war mir noch nicht untergekommen.

In der Annonce war kein Wort vom Mietpreis gestanden, was mich eigentlich hätte abschrecken sollen, aber in einem Land, in dem um jeden Preis gehandelt wurde, war das wahrscheinlich einfach normal. Von außen betrachtet, scheint es, dass Preise ausschließlich von der Willkür des Verkäufers oder Vermieters abhängen. Ich glaube aber, dass es sehr wohl gewisse Regulative gibt, die aber auf Preise, die man von Fremden verlangt keine Anwendung finden.

Die angepriesene Dachbegrünung bestand aus einer sehr mickrigen, sehr staubigen Pflanze, die irgendwie zu den Palmen zu rechnen war. Wenn ich mir den Staub etwas weg dachte, konnte ich sehen, dass es sich um die Pflanze handelte, deren Blätter in den Cafés als Fächer und Fliegenklatschen verwendet wurden. Also eine sehr nützliche Mitbewohnerin.

Mein potentieller Vermieter und ich palaverten ausgiebig über Alger, über Wien, wo angeblich einer seiner Söhne studierte und so weiter und so fort. Es wurde langsam dunkel und rund um uns setzte langsam das abendliche Zikadenkonzert ein. Ich wunderte mich flüchtig von welchen Pflanzen die Zikaden hier wohl lebten, konnte mich mit der Frage aber nicht weiter beschäftigen, weil ich mich auf die Verhandlungen konzentrieren musste. Denn die angebotene Wohnung gefiel mir sehr.

Ich riskierte also die Offensive und fragte ihn, ob er ein Problem damit habe, einer Frau ohne Anhang eine Wohnung zu vermieten. Aber nicht im allermindesten, sagte er und unterstützte diese Aussage mit lebhafter Gestik. In Algerien wären die Leute überhaupt nicht so, wie die Europäer sich das vorstellten. Jaaa, das war die entscheidende Wendung im Gespräch. Ich konnte ihn bei seinem Selbstbild als fortschrittlicher Mann packen. Über diesen Verhandlungserfolg freute ich mich ebenso sehr wie darüber, dass ich die Wohnung tatsächlich bekam. Der Vermieter freute sich sicher noch mehr, denn die später an den Tag tretenden Defekte der Wohnung waren zahlreich und obendrein bezahlte ich annähernd doppelt so viel wie meine zukünftigen Nachbarn, aber nachdem ich einen guten Job bei der AUA ergattert hatte, konnte ich mir das leisten.

Im Jahr 1938, mit 23 Jahren schrieb Camus seinen Essaie „noces“, der den deutschen Titel „Hochzeit des Lichts“ bekam. Es geht Camus darin um die Vermählung des Meers mit der Erde, um Eindrücke aller Sinne, um die überwältigende Landschaft.

Ich stand am Strand von Alger und versuchte durch die Augen von Albert Camus zu sehen, eines jungen Mannes, dessen Vater im Krieg starb als er noch ganz klein war, dessen Mutter Analphabetin war, der mit siebzehn Jahren an Tuberkulose erkrankte und überlebte, der Philosophie studierte, sich politisch in der Résistance engagierte und zu einem der bedeutendsten französischen Schriftsteller wurde, der 1957 den Nobelpreis gewann. Ich stand am Meer in der kargen Landschaft Algeriens und der extremen Hitze, die wesentliche atmosphärische Elemente in Camus Romanen darstellen. Die dazu gehörige sinnliche Körperhaftigkeit, sieht er in seinen frühen Werken als Privileg der Jugend. Als ich dort stand, war ich auch jung und konnte diesen Gedanken gut nachvollziehen. Heute sieht die Sache anders aus und ich stelle das Monopol der Jugend auf Sinnlichkeit, Körperhaftigkeit und Genuss sehr in Frage.

Schon damals interessierte mich vieles an der Philosophie und der Literatur von Camus und damals wie heute fasziniert mich seine Interpretation des Sisyphos-Mythos am meisten. Dass man sich Sisyphos glücklich vorstellen solle, in seinem völlig hoffnungslosen und sinnlosen Tun, einen Stein auf einen Hügel hinaufzurollen nur damit er auf der anderen Seite wieder hinunterrollt. Dass es innerhalb dieser absoluten Sinnlosigkeit Glück geben konnte. Heute kann ich diese Faszination besser einordnen: es ist das Glücklichsein im Hier und Jetzt, ungeachtet der Vergangenheit, ungeachtet der Zukunft, meine persönliche Verbindung zwischen Existentialismus und Buddhismus, die in Jahrzehnten gereift ist.

Aber das alles begann damals erst in mir zu gären. Wenn ich sagte, dass mein Job bei der Fluglinie AUA durchaus sisyphosartigen Charakter hatte, weil es bei einer Fluglinie naturgemäß kein Sommerloch gab, so war das nur dahergeredet, ich hatte Camus Gedanken noch nicht wirklich verstanden. Nur die Bedeutung der Sinnlichkeit, der Sinneswahrnehmungen zog mich an.

Mein Aufenthalt sollte mir einen Eindruck vom Lebensgefühl in einer Stadt am südlichen Mittelmeer verschaffen. Ein Puzzlestein für das Thema „Albert Camus und das Mediterrane“. Ich sah, hörte, roch und erlebte sehr viel. Allein das Wetterleuchten über dem weißen Algier mit den Gebetsrufen von den Minaretten ist ein unvergesslicher Eindruck.

Es folgten viele andere Eindrücke, andere Versionen des Mediterranen in verschiedenen Ländern und Kulturen rund ums Mittelmeer. Das Lebensgefühl in einer arabisch geprägten Stadt ist anders als jenes in den romanischen Ländern des Mittelmeers und auch anders als in Griechenland oder in Israel. Die Gemeinsamkeiten sind schwer zu greifen. In der leichten Extase, die durch extreme Hitze entsteht, dachte ich manchmal, dass am Mittelmeer noch die alten Götter herrschen. Ein Gedanke, der meinem Alltags-Ich völlig fremd ist. Vieles an Philosophie, Literatur, Lebensgewohnheiten rund um das Mittelmeer habe ich kennen gelernt aber weniges davon hat mich jemals so fasziniert wie Camus „il faut imaginer Sisyphe heureux“, man muss sich Sisyphos glücklich vorstellen.

Ich verabschiedete mich von Algerien an einem heißen Oktobertag, Staub lag in der Luft, die Stadt war ausgetrocknet und diese trockene Luft schien den Schall weit zu tragen. Das Hupkonzert schien von überall her zu kommen. Aus Alger kommend in einem Flugzeug der AUA landete ich in Wien bei Regen, einem sanften Nieselregen, den ich als zu meinen Ehren interpretierte.

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