Homo sapiens sapiens

Im Beitrag, den Random heute veröffentlicht hat, geht es um Musik aus dem KZ Theresienstadt, dem Vorzeige Ghetto-KZ der Nazis, wo Vertreter des Roten Kreuz Zutritt bekamen und sehen durften, wie gut die Lagerhäftlinge dort angeblich behandelt wurden. Die Musiker hatten sich erhofft, dass sie in Theresienstadt bleiben und der Vernichtung entgehen könnten. Viele von ihnen wurden trotzdem ins Vernichtungslager Ausschwitz deportiert und dort ermordet wie Millionen andere Menschen. Es gibt zB einen leicht zu findenden, aber sehr gut recherchierten, umfassenden Bericht über Das KZ Theresienstadt und die dort inhaftierten Künstler*innen. Für Interessierte KLICK

Was mich jedes Mal umtreibt, wenn ich auf das Thema stoße, ist, wie ein Mensch gleichzeitig Kunstliebhaber sein kann, liebevoll mit seinen Kindern spielen, mit dem Hund spazierengehen und dann einen Befehl unterschreiben, der zigtausenden den Tod bringt, oder selbst zur Waffe greifen und zum Mörder werden. Wie ich schon bei Random kommentiert habe, ist das für mich einer der verstörendsten Aspekte des Naziregimes.

In der Theorie ist mir der Mechanismus schon klar: das Gegenüber wird kritisiert, verhöhnt, zum Nicht-Menschen oder Unter-Menschen erklärt und dadurch zum Mord freigegeben. Kinder und Jugendliche werden von ganz klein an indoktriniert. Trotzdem kann ich nicht verstehen, wie es jemandem zum Beispiel gelingt, zuerst mit Genuss die Musik eines Komponisten zu hören und diesen dann als Unter-Menschen zu betrachten und in den Tod zu schicken. In vielen Diktaturen dieser Welt geschah und geschieht ähnliches. Es ist eine Binsenweisheit: der Mensch ist zum Besten und zum Schlimmsten fähig. Dass dieses aber auch für ein und denselben Menschen gleichzeitig zutrifft, finde ich eben verstörend.

18 Gedanken zu “Homo sapiens sapiens

  1. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich froh bin nicht in dieser Zeit gelebt zu haben. Klar kann man mit heutigem Wissen, sich klar distanzieren.
    Ich finde es aber schwierig als Generation, die es nur aus Geschichte kennt, über die Menschen damals zu urteilen. Natürlich war es nicht richtig. Dennoch hat so ein Regime viel Macht und Einfluss.
    Es ist sogar einfach zu sagen, ich würde mir das nicht gefallen lassen, oder das machen. In der Situation allerdings kann man selbst ganz anders reagieren.
    Das heißt jetzt aber nicht, dass man nicht die Verantwortung übernehmen muss, sondern lediglich, dass ich es schwierig finde, ein persönliches Gespräch über diese Menschen zu treffen.
    Viele Grüße Monika

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    1. Ich gebe dir völlig recht. Die Aussage „niemals würde ich ….. “ ist äußerst unrealistisch. Niemand kann wirklich sagen, was er/ sie in Extremsituationen tun würde und es ist daher völlig unangemessen über andere zu urteilen, vor allem wenn es sich um unsere Eltern und Großeltern handelt

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  2. Kein Lebewesen ist oder kann so grausam sein wie der Mensch, weil er den notwendigen Verstand mitbekommen hat, um Massenvernichtung zu betreiben oder um Gutes zu tun.
    Die KZ-Ärzte mit ihren furchtbaren Menschenexperimenten finde ich fast noch schrecklicher als die, die kurzen Prozess mit den Opfern gemacht haben. Die Menschen aus den Versuchsreihen von Mengele und anderen „Ärzten“ haben schrecklich gelitten.

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  3. Herzlichen Dank für diese Erweiterung der sozusagen aus der musikalischen Ecke angeschnittenen Thematik. Bei Theresienstadt war es das Nazi-Regime – aber wie du ganz richtig feststellst, gab und gibt es Ähnliches auch andernorts. Ich kann mir eigentlich nur vorstellen, dass diese ungeheure Kluft zwischen den verschiedenen „Gesichtern“ von diesen Personen gar nicht so wahrgenommen wird. Vielleicht ein psychischer Schutzmechanismus, der die Wahrnehmung ins Erträgliche zurechtbiegt. Also letztlich gar eine gesunde Reaktion, die aber krankhafte Ausmaße annimmt. Aber ich bin kein Experte. Auch für mich ist und bleibt es verstörend.

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  4. Verstörend und schwer bis gar nicht zu begreifen – das ist es. Auch mich treibt das immer wieder um, wenn ich versuche die beiden Seiten eines Menschen im Ansatz nachvollziehen zu können. Es gelingt mir nicht. Vielleicht kann man es auch nicht wirklich verstehen.

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  5. Ich biete mal einen gewagten Vergleich: Ich kann nicht verstehen, wenn jemand in ein Stück Fleisch beißt, warum er nicht die Todesschreie des Tieres hört, die Todesangst beim Transport empfindet oder wenn jemand Milchprodukte verzehrt und nicht die Schreie der Kühe und Kälber hört, wenn diese getrennt werden. Ich weiß, wie das geht, ich habe über 80 Prozent meines Lebens Tier verzehrt und ausgebeutet. Bis zu dem Zeitpunkt vor 9 Jahren, als sich die Blockade löste und das Mitgefühl durchdrang. Der Mensch ist ein Meister der Abspaltung. Die höllischen Meisterwerke sind die Genozide.

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    1. Ja, das kann man so sehen, wenn ich den Vergleich auch tatsächlich etwas gewagt finde, denn man muss schon auch bedenken, dass der Mensch von Natur aus zum Allesfresser angelegt ist und es auch menschliche Bevölkerungen an Orten gibt, an denen kaum etwas wächst, wovon man sich ernähren könnte.

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  6. Unfassbar und verstörend, die Untaten der Menschen in der Nazizeit, aber es gibt keinen Grund für Überheblichkeit: zu welchen Untaten wir selbst fähig wären, wüssten wir erst, wenn wir in solche Situation gestellt würden. Wir haben nur das Glück, dass es uns bisher erspart geblieben ist, uns in vollem Maße kennenzulernen.
    Du siehst, mein Glaube an das Gute im Menschen ist brüchig.

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