Impulswerkstatt – Müssen es Menschen sein ?

Manchmal war der Himmel über dem Bosporus so eindrucksvoll, dass die Meerjungfrau sich einen bequemen, versteckten Ort suchte und stundenlang zusah wie die Wolken zogen und wie das Licht immer wieder durchbrach. Bei strahlend blauem Himmel sah man die Brücken gestochen scharf, als Erzeugnisse menschlicher Technologie, bei düsterem Wetter verschwammen die Stahlbetonlinien als wären es die Nebel der Zeit, die sie verwischten. Manchmal schwamm sie auch ins Schwarze Meer hinüber, wo der Himmel wieder völlig anders aussah. Der Bosporus war zwar der Ort an dem sie schon lange lebte, doch ihr Wander-Schwimm Radius reichte weit. Sie hatte alle Kontinente besucht, schon bevor sie die jetzige Form angenommen hatten.

Natürlich war die Meerjungfrau keine Jungfrau. Nach Tausenden von Jahren, die sie allein schon im Bosporus gelebt hatte, wäre das nun wirklich nicht zu erwarten gewesen. Es hatte sie auch überrascht als der jungfräuliche, weibliche Zustand im Lauf der Jahrhunderte erstrebenswert wurde. Sie war es gewohnt, dass Völker und Kulturen sich immer wieder veränderten, aber dies empfand sie als verblüffende Entwicklung. Jedenfalls wollen wir sie Meerfrau nennen, was auch viel besser zu ihr passt.

Bei aller landschaftlichen und architektonischen Schönheit in und um den Bosporus funktioniert dort auch eine ausgeklügelte Logistik, die Boote und Schiffe aller Größen sicher aneinander vorbeifahren lässt. Die Meerfrau fühlte sich dieser Meeresenge so verbunden, dass sie ein Gespür entwickelt hatte durch die kleinsten Bewegungen des Wassers bei Tag und Nacht genau zu wissen, welche Schiffe sich wo befanden und ob ihre Routen sich kreuzen würden. Eine nützliche Fähigkeit für die Schifffahrt, die sie gelegentlich nutzte um kleinere Kurskorrekturen herbeizuführen. Davon wusste die Istanbuler Behörde natürlich nichts. Eine nackte Frau mit Fischschwanz hätte sie möglicherweise nicht ernst genommen, auch wenn sie sich im Bosporus noch so gut auskannte.

Früher, als hier noch wenige Menschen lebten, erfuhr die Meerfrau die Neuigkeiten aus der Menschenwelt indem sie ein wenig an den Ufern lauschte. In den letzten Jahrhunderten wurde aber von so vielen Neuigkeiten gesprochen, dass sie sich nicht mehr alles anhörte und auch gelegentlich die Übersicht verlor. Nur wenn es um Frauen-Themen ging, hörte sie immer genau hin. So erfuhr sie, dass die Türkei, so nannte sich das Land rund um den Bosporus seit noch nicht einmal 200 Jahren – aus dem internationalen Frauenschutz-Abkommen ausgetreten war. Nunmehr war Gewalt gegen Frauen auch und vor allem innerhalb der Familie völlig legal. Die Meerfrau konnte über die Skurrilität so mancher politischer und sozialer Entwicklungen schallend lachen, doch diese Neuigkeit bestürzte sie.
Sie nutzte einige unterirdische Wasserwege, die ihr zur Verfügung standen und schwamm in die Stadt hinein. Sie begab sich dadurch in Gefahr, wollte aber unbedingt selbst sehen, was vorging. Große Frauen-Demonstrationen zogen nah an ihr vorbei. Viele junge Frauen, auch ältere, sie skandierten und schrien, sie schwenkten Transparente. Dass die Polizei Wasserwerfer benutzte, gefiel der Meerfrau, aber sie wusste schon, dass es ganz und gar nicht freundlich gemeint war und dass die Demonstrantinnen es nicht genossen, wenn sie mit Wasser besprüht wurden.

Nachdenklich schaukelte die Meerfrau an diesem Abend im Bosporus. Die winzigen Wellen, die an ihren linken Ellenbogen tippten, zeigten ihr an, dass das Containerschiff, das gerade in die Meerenge eingefahren war, auf dem richtigen Kurs lag. Ob das gesamte Land auch auf dem richtigen Kurs lag, konnte sie daraus nicht erschließen. Der aggressive Lärm, der aus der Stadt kam, erinnerte sie an einen Meermann, mit dem sie eine kurze Beziehung von ein paar Jahrhunderten gehabt hatte. Er liebte den Krieg und siedelte sich immer dort an, wo die Menschen gerade Konflikte austrugen. Oft beteiligte er sich sogar daran.
Als sie ihn kennenlernte, betätigte er sich gerade als Meeresgott und ging in dieser Rolle voll auf. Dann wurde es ihr zu dumm, dass er sie auch wie eine an seine Göttlichkeit Glaubende behandelte und sie zog zurück in den Bosporus. Ein sehr attraktiver Mann war er dennoch, vielleicht sollte sie ihn besuchen. Sie würde ohnehin sehr gerne erfahren, ob es ihm immer noch gelang seinen Fischschwanz zu verstecken oder irgendwie umzudefinieren um hin und wieder eine Rolle in einer menschlichen Gesellschaft zu spielen.
Sie fühlte sich – wie schon so oft – in einem Identitätskonflikt. War sie eher ein Meereswesen, den Meeren und Ozeanen und deren Bewohnern verpflichtet oder war sie primär eine Frau, deren Loyalität den Frauen dieser Welt gehörte. Ließ sich beides vereinen? Die bittere Erfahrung schloss ein Leben in beiden Welten aus. Immer wenn sie Kopenhagen besuchte, schwamm sie einen großen Bogen um das dort errichtete Denkmal eines Moments großer Verblendung. Dorthin wollte sie nicht wieder, ganz auf den Kontakt mit Menschen zu verzichten kam aber auch nicht in Frage.

Vielleicht zur Klärung ihres Geistes ein längerer Aufenthalt im Marianengraben. In ihrem langen an Herausforderungen reichem Leben hatte sie gelernt nicht nur auf ausschließliche Kiemenatmung umzustellen sondern auch extremen Druck als angenehm zu empfinden. Es sprach also nichts gegen ein retreat im Marianengraben. Vielleicht waren die Menschen nicht mehr da, wenn sie zurückkam, der Bosporus höchstwahrscheinlich schon.

Gerade habe ich erfahren, dass die Meerfrau an ihrem Ziel angekommen ist und dass es in 11.000 Metern Meerestiefe Geschöpfe gibt, die um nichts weniger interessant sind als die Menschen.

16 Gedanken zu “Impulswerkstatt – Müssen es Menschen sein ?

  1. Ich finde, Menschen werden als Spezies überschätzt, und es ist gar nicht so schlecht, dass sie so vergänglich sind. Wenn sie nur nicht alles kaputt machen würden … 😉
    Bin gespannt, mit welchen Erkenntnissen die Meerfrau aus dem Retreat wieder auftaucht.
    Die Ruhe, die dein Bild ausstrahlt, beeindruckt mich sehr. 😁🧡👍
    Abendgrüße 😁🌞🧡🍷🥨🧀👍

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s