Freitag Abend – 12. Juni 2021

Wenn man etwas lange nicht gehabt hat, erlebt man es entweder als großartig oder ist eher enttäuscht, weil es so wie man es sich vorgestellt hat, eigentlich gar nicht ist. Zum Glück war bei mir gestern Abend die erste Version der Fall. Zuerst fotografieren, dann die Bilder gemeinsam ansehen und am Abend nach einem heißen Tag im Schanigarten sitzen und miteinander anstoßen. Alte Vertrautheit mit Freundinnen aus dem buddhistischen Milieu.

Nach wie vor besteht das Problem, dass beim tibetischen System des Linienhalters ebenso wie in einer Erbmonarchie leicht die Situation eintreten kann, dass der Linienhalter bzw Thronfolger ungeeignet für diese Position ist. Von den Hardlinern wird er trotzdem verehrt. Diese Situation ist in meinem Meditationsverein entstanden und ich hatte damit ein großes Problem. Prinzipiell halte ich nichts von Personenkult und schon gar nicht, wenn diese Personen so gar nichts Verehrenswürdiges an sich haben, sich vielmehr durch ihre Lebensweise und einzelne Handlungen selbst disqualifizieren.
Vielleicht bin ich aber ein Stück weiser geworden, ein kleines Stück. Ich bin aus Protest aus dem Verein ausgetreten, schätze aber nach wie vor die buddhistische Philosophie sehr und auch mehrere Menschen, die ich in diesem Verein kennengelernt habe, wenn ich auch diesen speziellen Linienhalter gar nicht schätze, gelinde gesagt.
Aber ich bin zu der Einsicht gekommen, dass es ja nicht meine Angelegenheit ist, wen andere Menschen warum verehren. Ich habe meine Meinung ganz eindeutig und ganz laut gesagt und nun erkunde ich, an welchen Aktivitäten des Vereins ich mich nach wie vor beteiligen möchte. Auf jeden Fall am Miksang-Fotografieren, das gestern wieder stattgefunden hat. Es war entspannt, freundschaftlich und inspirierend. Der Linienhalter ist nicht vorgekommen. So geht das sehr gut.
Dass ich nach wie vor einen Schlüssel zum Meditationszentrum habe und auch Wert darauf lege, ihn zu haben, ist nicht ganz kohärent, aber es ist nun mal so …


23 Gedanken zu “Freitag Abend – 12. Juni 2021

  1. Wie wird man denn zu so einem „Linienhalter“? Ich bin zwar früher auch gelegentlich in buddhistische Zentren gegangen, aber dass es dort in der Leitung so eine Art „Erbfolge“(?) gibt, war mir gar nicht bewusst. Außer natürlich beim Dalai Lama und dem Panchen Lama, wo dann die Reinkarnationen gesucht werden, aber bei diesen Zentren im Ausland werden „Linienhalter“ ja wahrscheinlich anders definiert, oder?

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    1. Naja, es geht hauptsächlich um die tibetische Vajrajana- Lehre, in der der Lehrer schon fast wie ein Gott verehrt wird. Da gibt es „Erbmonarchien“ also Linienhalter ist ein (eher) Sohn des vorherigen Linienhalters, manche „erkennen“ die Reinkarnation des verstorbenen Lehrers. Es gibt da ganz viele Richtungen, was die Sache sehr schwierig macht …

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    1. Es gibt enorm viele buddhistische Wege …. und „den Buddhismus“ gibt es ohnehin nicht. Es gibt viele Gruppen im tibetischen Buddhismus, die sehr streng hierarchisch gegliedert sind. Im Vadjrajana- Buddhismus ist der Lehrer die oberste Autorität in allen Bereichen des Lebens (was schon ein Problem ist, den er mag ein wunderbarer spiritueller Lehrer sein -oder auch nicht , hat aber vielleicht von anderen Bereichen des Lebens keine Ahnung. ) Seine Aufgabe ist es, seine Schüler zur Erleuchtung zu führen. Die Methoden, die er dafür anwendet, werden als seine Angelegenheit betrachtet.
      Aber es sind so viele verschiedene Richtungen …

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        1. Es ist nicht kompliziert. Ich wollte zur Stressbekämpfung meditieren lernen. Richtiges Meditieren, nicht diese gelenkten Formen. In diesem Meditationszentrum gab und gibt es zwei Tage in der Woche open house dafür.
          Das hat mir sehr gefallen und gut getan. Ich habe an vielen angebotenen Seminaren teilgenommen, die mir auch sehr gut gefallen haben. Da ging es im Grunde um eine sehr gut im Alltag anwendbare Philosophie in Verbindung mit Meditation. Bis daher war ich mit der Sache sehr glücklich. Die Begeisterung für den Verein – nicht für die Lehren, die dort vermittelt wurden – dämpfte sich gewaltig als ich erfuhr, dass es da einen König gab und eine hierarchische Struktur und keinerlei Mitsprache von „unten“.
          Das war für mich, die sich für den religiösen Aspekt des Buddhismus gar nicht interessiert hat sondern für die praktische Philosophie eine böse Überraschung.
          Zunächst war mir das egal und ich blendete die Hierarchie einfach aus. Mit weiterem Fortschreiten in der Lehre wurde das zusehends schwieriger. Ich eigne mich nicht für solche Strukturen, es geht mir gegen die Natur jemanden zu verehren, unabhängig von der Person. Da holperte alles schon gewaltig.
          Und dann wurde der König von seinen engsten ….. „Sklaven“ würde ich sagen, denn sie bekamen für ihre Dienste nichts bezahlt, entlarvt als eine Art Sunny Boy, der obendrein Frauen belästigt hatte.
          Dann war bei mir der Ofen ganz aus und ich bin mit vielen anderen auch aus dem Verein ausgetreten.
          Jetzt tut es mir um einiges Leid und in den letzten Jahren habe ich mich an der Peripherie bewegt, Dinge getan, die ich mag – wie zum Beispiel das Fotografieren – und die eine oder andere Praxis. Das geht meistens ganz gut, nicht immer aber oft.

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  2. Wenn du für dich einen Weg gefunden hast, mit den Strukturen umzugehen und das, was du suchst, in diesem Kontext findest, würde ich um Kohärenz nicht kämpfen. Solange von dir keine Demonstration von Verehrung verlangt und alle Beteiligten dich so akzeptieren … was soll’s? Ich gebe zu, dass ich im Laufe des Lebens ein bisschen Kampfgeist verloren habe, finde es so aber weniger Kräfte zehrend.

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    1. Es ist immer eine gewisse Gratwanderung, aber seit ich gelernt habe, dass es nicht meine Angelegenheit ist, wen andere Leute verehren, geht es ganz gut. Der Kampfgeist bringt einen in solchen Fällen wirklich nicht weiter. Auf ungewissem Boden zu balancieren, ist ja auch eine buddhistische Übung in allerbester Tradition. Wenn ich es genau betrachte, genieße ich die Herausforderung. Ich bin auch ganz ungefährdet, weil völlig sekteuntauglich 🙂

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