Impulswerkstatt – Paula, Ich und das Pseudomonster

„Eine Bartagame ist das, eine australische Echse. Die Farbe ist natürlich eine Züchtung, es gibt sie in diesem Sonnengelb und in rot. Sie heißt Yuendumu nach einer australischen Künstlergruppe und wir nennen sie Yuemi.“
Meine Freundin Paula hatte dieses gelbe Ding auf der Schulter sitzen und sah es zärtlich an.

Mehr als „aha“ fiel mir dazu im ersten Moment nicht ein. Fröhlich sonnengelb, aber die Augen, die Nasenlöcher, der Gesichtsausdruck … Ich zog meine Oberlippe noch oben um ein Lächeln zu simulieren. Meine mangelnde Begeisterung fiel Paula nicht auf, sie war in eine ausufernde Schilderung der guten Eigenschaften des gelben Tiers ausgebrochen. Es saß auf ihrer Schulter und hatte alles im Blick. „Sie ist so süß“ sagte Paula „Sie geht sogar mit mir spazieren. Die Leute, die wir treffen, sind immer ganz begeistert. „Wie ein Schmuckstück“ sagen sie. Und wenn sie wie jetzt auf meiner Schulter sitzt, schmusen wir miteinander“.

„Aha“ sagte ich nochmals. Normalerweise bin ich nicht auf den Mund gefallen, aber alle nichtssagenden, scheinbar zustimmenden Äußerungen waren irgendwie aus meinem Kopf verschwunden.

Auch die Kinder schienen keine Angst zu haben obwohl dieses erschreckende, urzeitliche Tier auf der Schulter ihrer Mutter saß. Martin, Paulas Mann, war der einzige dem auffiel, dass meine Blicke in Richtung Bartagame nicht begeistert waren, noch nicht einmal freundlich. „Ich mochte sie anfangs auch nicht besonders“ sagte er „aber sie ist wirklich ganz harmlos. Die Tierhandlung würde sie auch jederzeit zurück nehmen. Sie sind sehr gefragt, es gibt sogar eine Warteliste.“ „Wir geben sie natürlich nicht wieder her“ sagte Paula und ihr Gesichtsausdruck bekam etwas echsenhaft-undurchsichtiges.

Paula hatte mich zum Wochenende eingeladen und ich verschwand kurz in meinem Zimmer und recherchierte zum Thema „Bartagame“. Zumindest waren sie nicht giftig. Ich erfuhr, dass sie Allesfresser sind und auch kleine Wirbeltiere nicht verschmähen. Nun, wer kleine Wirbeltiere nicht verschmäht, kann sich schließlich auch zu größeren durcharbeiten. Man muss ja große Mengen Fleisch nicht auf einmal ….. Leider habe ich so eine bildhafte Fantasie.

Das Abendessen war – gelinde gesagt- kein großer Erfolg. Bei angespannter Stimmung schleppte sich die Unterhaltung dahin. Ich überlegte, ob ich nicht doch gleich nach dem Essen wieder abreisen sollte. Wären die vierhundert Kilometer nächtlicher Fahrt nach einem üppigen Abendessen nicht so abschreckend gewesen, hätte ich das wohl getan.
Während des Essens war die Gelbe nicht etwa in einem Terrarium eingesperrt, sie hockte- provokant wie es mir schien – auf einer Sofalehne und ließ mich nicht aus den Augen. Deutlich spürte ich ihre Blicke in meinem Rücken.

Es gelang mir, den Abend mit einigem Anstand zu beenden und mich in mein Zimmer zurückzuziehen, wo ich mich bestmöglich verbarrikadierte . Natürlich achtete ich sorgsam darauf, dass die Bartagame nicht mit mir in das Zimmer hinein schlüpfen konnte. „Entweder sonnengelb oder unauffällig.“ dachte ich.

Ich träumte, dass das gelbe Tier, zwei Meter groß, Paula an der Leine führte. Sie musste immer wieder auf einem Bein hüpfen, was die Echse sehr amüsierte. Ihr Lachen klang wie eine diabolische Version des „Hohoho“ der kommerziellen Weihnachtsmänner.

Nach einer fürchterlichen Nacht mit weiteren Träumen war ich froh frühmorgens die Jalousie hochkurbeln zu können. Vor dem Fenster …. gelb …. gelb! Ich fuhr zurück, es waren aber nur Blumen in der gleichen Farbe wie die Echse. Kein guter Tagesbeginn. Ich beschloss, mich kurz nach dem Frühstück auf den Weg nachhause zu machen. Als ich in die Küche kam, wartete Paula schon auf mich und schlug vor, einen Spaziergang zu machen während Martin das Frühstück vorbereiten würde. „Yuemi hilft mir dabei und bleibt auch hier“ sagte Martin. Die beiden hatten offensichtlich über mich und die Gelbe gesprochen.

Paula und ich gingen am Bach entlang. Über die Bartagame vernünftig mit ihr zu sprechen, hielt ich für aussichtslos und schlug daher mehrere andere Themen an. Ein sehr vertrauter und entspannter Spaziergang wäre es geworden, wenn ich nicht ständig an die Echse gedacht hätte. Schließlich sagte Paula von sich aus „weißt du, Yuemi hat niemandem irgendetwas angetan, sie hat nicht einmal etwas kaputt gemacht. „Noch nicht“ dachte ich und sagte „Ach, es hat gar nichts mit eurer Gelben zu tun, ich mag einfach keine Echsen.“

Nach dem Frühstück verabschiedeten wir uns in aller Freundschaft. Die Kinder verschwanden auf den Spielplatz und nahmen Yuemi mit. Paula und Martin begleiteten mich zum Auto. „Noch nicht“ dachte ich als wir durch den Vorgarten gingen und ebenso als ich um die Kurve fuhr, die Paula aus dem Rückspiegel verschwinden ließ.

„Noch nicht, noch nicht“ skandierte ich vor mich hin. Sonntag Früh, die Straßen waren leer. Fast leer. Der LKW-Fahrer mit der Sondergenehmigung für den Transport verderblicher Güter hatte an der Windschutzscheibe ein von weitem sichtbares, gelbes Schild mit seinem Namen. Der Polizei erzählte er später, dass die Straße völlig leer gewesen sei, außer ihm im LKW auf der anderen Straßenseite und der Frau, die aus unerfindlichen Gründen das Lenkrad nach rechts verrissen hatte und dann dem Baum nicht mehr ausweichen konnte.

In der Hölle wurde ich von einer riesigen gelben Bartagame empfangen, die sich nicht vorstellte. „Bevor du zu meiner Großmutter geladen bist, wollen wir zwei doch ein Tänzchen miteinander wagen“ sagte sie und starrte mich mit ihren Echsenaugen und ihrer undefinierbaren Miene an. Es muss die Hölle sein.

19 Gedanken zu “Impulswerkstatt – Paula, Ich und das Pseudomonster

  1. Ja, wenn die eigenen Ängste überhandnehmen (also, die deiner Protagonistin), dann passiert so was. Bei dem Traum habe ich noch überlegt, dass das vom Essen kommen könnte, aber dann … Sehr geschickt eskaliert, gefällt mir sehr 😁👍
    Sonnige Morgenkaffeegrüße 😁🌞🌼☕🍩👍

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    1. Danke dir.🌹Das Eskalieren ist eine Übung, die mir viel Spaß macht. Die Frau auf dem Foto war mir ziemlich unsympathisch, weil sie die Echse richtig wie ein schaustück herumgereicht hat an alle Leute, die ihr zufällig über den Weg gelaufen sind.

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  2. Ich bin sicher, die Heldin wird gleich aus ihrem Albtraum erwachen und erleichtert in den beginnenden Tag hineinlächeln.
    Dann wird sie das niedliche Tierchen sehen, das ihr, auf der Bettdecke sitzend, entgegenlächelt, und sie hat natürlich ihre Herztropfen noch nicht genommen, denen auch ihr letzter Gedanke gelten wird.
    Aber dann werden sie alle ins Gästezimmer gestürzt kommen, um nach ihr zusehen, weil sie während ihres Albtraums einen schrillen Schrei ausgestoßen hat – die Freundin, ihr Mann und die Kinder. Sie werden sehen, dass es ihr gut geht und ihre schuppigen Gesichter werden sich zu einem erleichterten Lächeln verziehen …

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  3. Kann mich nur anschließen: Fesselnd geschrieben! Ich konnte mich in die Protagonistin reinversetzen: Ich fürchte, ein Abendessen, bei dem eine Echse, Schlange o.ä. der Gastgeber hinter mir auf der Sofalehne liegt, hätte mich auch nur mäßig entspannt, – selbst wenn das Tier noch so spektakuläre Farben aufzubieten hätte „und nie jemandem was getan hat“… ;-). So ein Tier ist für mich irgendwie kein „Haustier“. Aber es gibt eben sehr unterschiedliche Vorlieben, und ich kenne nette Menschen, für die Schlangen als Haustier etwas ganz Normales ist.

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    1. Danke schön ! Ich finde auch, dass Haustiere Haustiere sind, seit ein paar tausend Jahren und wilde Tiere, wilde Tiere. Gegen die Menschen, die mit Schlangen und Echsen leben, habe ich auch nichts. Ich muss sie ja nicht bei sich zuhause besuchen 🙂

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