Immer mit einem Fuß im Gefängnis – ABC-Etüde

Die ABC-Etüden
Wie immer bei Christiane
Drei vorgegebene Wörter sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text untergebracht werden
Die Wörter kommen diesmal von Red Skies Over Paradise

„Wie konnte denn die Situation nur so eskalieren! “ fragte der Schuldirektor mühsam beherrscht. Ihm gegenüber saßen wie zwei Häufchen Elend die Unterrichtspraktikanten Helmut X und Anita Y.

Ein Schulausflug mit Jugendlichen an einem lauen Tag im Mai. Das perfekte Frühlingsszenario: grün, warm, Blüten und Blümchen, Vogelgesang. Die Baracken, die Zäune, die Gaskammern alles ging unter im übermächtigen Frühling, in der Flut der jugendlichen Hormone. Wenn man wollte, konnte man übersehen, dass hier irgendjemandem irgendetwas widerfahren sein könnte, dass hier Menschen in industriellem Ausmaß ermordet wurden.

Mitten unter den von der Ausstellung aufgewühlten Jugendlichen die beiden Praktikanten, denen die Situation sichtlich entglitt. Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis des Unterrichts flog ihnen schmerzhaft um die Ohren. Es gelang ihnen gerade noch, eine Gruppe ihrer Schüler davon abzuhalten mitten auf dem Gelände ein Picknick zu veranstalten, dann brachen die Strukturen zusammen.

Mit einem „alles Erfindung!“ des Schülers M begann es und endete in einer wüsten Schlägerei und zwei Festnahmen.

„Haben Sie denn nicht gelernt, dass der erhobene moralintriefende Zeigefinger zu Aggressionen führt?“ „Meinen Sie nicht, dass der Zeitgeschichteunterricht an einer Brennpunktschule wie der unseren etwas mehr braucht als die Vermittlung von Zahlen und Fakten?“ Der Schuldirektor erinnerte sich an sein erstes Unterrichtsjahr als bei einer Schiwoche ein Schüler beinahe an einer Alkoholvergiftung starb und er dafür verantwortlich gewesen wäre.


„Ich erwarte ihre Anmeldung zu diesem Kurs“ sagte der Schuldirektor wesentlich milder und schob den Praktikanten einen Zettel über den Schreibtisch „Außerdem können Sie an dieser Schule sehr viel für Ihren weiteren beruflichen Weg lernen. Und machen Sie sich keine Sorgen, Ihre Zeugnisse sind noch nicht geschrieben. Ach, und fragen Sie bei Gelegenheit den Kollegen A nach seinen Erlebnissen bei der vorjährigen Sprachwoche in London.“

„Wenn ich noch einmal höre, dass Lehrer am Vormittag recht und am Nachmittag frei haben….“ sagte Unterrichtspraktikantin Anita Y. …

301 Wörter



25 Gedanken zu “Immer mit einem Fuß im Gefängnis – ABC-Etüde

        1. Nein, Werner, so pauschal kann man das auf keinen Fall sagen. Es wird schon welche geben, aber die Lehrerschaft ist mit dem Anspruch sämtliche gesellschaftlichen Probleme zu lösen eindeutig überfordert. Alles, was von Spannungen bis echten Katastrophen in den Familien und in der Gesellschaft im allgemeinen stattfindet, soll von den Lehrer*innen gelöst werden. In viel zu großen, extrem heterogenen Klassen und ohne Unterstützung durch Sozialarbeiter, Psychologen, Ärzte …… In vielen Schulen gibt es Mediationsprogramme und ähnliches, die sehr wenig bis gar keine Ressourcen bekommen. Viele engagierte Lehrer organisieren viele Aktivitäten in ihrer Freizeit und um Gottes Lohn (nur blöd, dass von göttlicher Seite nix kommt)
          Ich weiß nicht, ob du eine Vorstellung davon hast, was es heißt in einer Brennpunktschule zu unterrichten.
          Ich beschreibe hier die österreichische Situation, vielleicht ist es ja in D ganz anders …. glaub ich aber nicht

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  1. Glück gehabt, dass der Schulleiter geneigt ist, sich wie ein Mensch zu verhalten und nicht das autoritäre Ekel raushängen lässt. Ich hoffe, es wirkt … 🤔
    Ich glaube, das ist ein ziemliches Problem, wenn du als Lehrer unter den Schülern jemanden dabeihast, der mit „Alles Lüge“ argumentiert. Was macht man dann? 🤔
    Ich bin froh, dass ich der Familientradition nicht gefolgt bin 😁👍
    Herzlichen Dank!! Ich weiß es sehr zu schätzen, dass so viele Etüden ernste Themen aufgreifen. 👍
    Nachmittagskaffeegrüße 😁🌦️☕🥧🌼👍

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    1. Die meisten Schulleiter*innen sind ja keine autoritären Ekel, obwohl es die sicher auch gibt…
      Was die möglichen Reaktionen betrifft, so finde ich den Satz vom Resi äußerst treffend „Und manchmal, denke ich, steht unter gegebenen Rahmenbedingungen nur Falsches zur Wahl.“
      .
      Meine Erfahrung sagt mir, dass das einzige worauf man bauen kann, eine gute persönliche Beziehung zu Schüler*innen ist. Aber das funktioniert nicht immer und nicht mit allen und manchmal hält die Beziehung auch nicht viel aus. Zu manchen Jugendlichen kann kaum jemand durchdringen. Ein KZ-Besuch mit Gruppen von Jugendlichen aus sehr verschiedenen Kulturkreisen von denen viele, oft die Mehrheit, aus Familien kommen, wo „Du Jude“ ein beliebtes Schimpfwort ist, ist auch für erfahrene Lehrer*innen und mit guter Vorbereitung keine leichte Übung.

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  2. In einer Zeit, wo es gesellschaftlich ok ist, die Geschichte Fliegenschiss zu nennen, ist es als Lehrer sicher nicht leicht, Bewusstsein dafür zu schaffen. Ich glaube, deine Etüde ist sehr nahe an dem, was Lehrer erfahren.

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  3. Deine Etüden haben oft mehr Gehalt, als der Titel des Projekts erwarten lässt (das muss gar nicht am Titel liegen), so auch diese.
    Beim Lesen habe ich gemerkt, wie fern mir inzwischen die Probleme des Lehrerdaseins liegen.

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    1. Danke schön für das Lob. Der Titel des Projekts stammt von Christianes Vorgänger bei dessen Betreuung. Anfangs lag der Schwerpunkt mehr auf der Sprache, jetzt liegt er wohl mehr beim Inhalt.
      Ich fühle mich schon solidarisch mit dem Geschehen an Schulen. Es gibt dort so viele engagierte Menschen, denen so viele Themen übergestülpt werden, die sie für die gesamte Gesellschaft lösen sollen und dies möglichst ohne unterstützende Ressourcen

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  4. Als ich selber die erste oder zweite Klasse Gymnasium besuchte, hatten drei Mitschüler das Privileg, den Unterricht am Samstag schwänzen zu dürfen. Daraus ergaben sich Fragen von unserer Seite und die Lehrer murmelten etwas von „mosaisch“. Die waren sich wohl nicht ganz sicher, ob „Jude“ oder „jüdisch“ nicht vielleicht immer noch Schimpfwörter seien. Einer von uns warf dann ein Wort in den Raum, das er im Elternhaus wohl öfter zu hören bekam: „Saujud“. Er wusste anscheinend nicht, dass es sich um ein magisches Wort von so großer Macht handelte, dass der unterrichtende Lehrer den Direktor zu Hilfe rufen musste, um den Bann zu brechen, was den Rest der Unterrichtsstunde in Anspruch nahm. Offenbar also gab es weit schlimmere Wörter als „Scheiß“, „Arsch“ und „Beidel“.
    Anderseits aber bekam der evangelische Religionslehrer von einem Mitschüler, der in den Ferien ein paar Jahre später als Briefträger arbeitete, die „Deutsche National- und Soldatenzeitung“ zugestellt, und ein paar andere Lehrer*innen waren auch unschwer als alte Nazis erkennbar. Ausgerechnet einer der Turnlehrer war der einzige, der eine Konfrontation mit den alten Nazis nicht scheute. Die Mehrheit der Lehrenden wagte nicht, aus dem Schatten ihrer Lehrbücher zu treten.
    Als ich die Seiten wechselte, begann der Antifaschismus billiger zu werden. Zwar hieß die Lehrbuch-Überschrift zum Austrofaschismus noch „Das ständestaatliche Experiment“, aber der Kollege Emil Lachout (evangelischer Religionslehrer und Autor des nach ihm benannten „Dokuments“) wurde irgendwann nach seiner Pensionierung nicht mehr zu den Weihnachtsfeiern eingeladen.
    Die Schmierereien am Schülerhäusl, die von dumpfem Antisemitismus und Nationalismus sowie von religiöser Borniertheit künden, entfernt aber keiner. Ich hab mit Schülern, die sich als Ustascha-Faschisten, Graue Wölfe oder Gotteskrieger sahen, allerhand ausprobiert; nicht selten das Falsche. Und manchmal, denke ich, steht unter gegebenen Rahmenbedingungen nur Falsches zur Wahl.
    Lachout-Dokument – Wikipedia

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        1. Das ist ja heftig !! Ein verhandlungsunfähiger Mensch, weil querulatorisch-paranoid wurde jahrelang als Religionslehrer beschäftigt! und nach dem Verfassen dieses Schriebs nicht verurteilt! Oder aber es wurde ihm fälschlicherweise Verhandlungsunfähigkeit attestiert, dann ist es wieder eine andere Art von Skandal …

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    1. Danke für diese interessanten persönlich-geschichtlichen Erinnerungen.
      Ich habe gerade nachgeschaut, was im Geschichtsbuch meiner eigenen Schulzeit über den Austrofaschismus steht. Es ist die Rede von „autoritärer Regierung“, war also recht fortschrittlich.
      Deinem letzten Satz ist wirklich nichts hinzuzufügen …

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  5. Ich halte diese KZ-Besuche mit Schülern für sehr problematisch.
    Es gibt welche -wie ich – dier den Ort sprechen hören und hinterher völlig fertig sind. und niemand fängt das auf, ich fange noch immer automatisch an zu weinen, wenn ich an die Gedenkstätte Bullenhuser Damm nur denke.
    Und es gibt die , die das nicht tun, die sich im besten Fall öden und im schlimmsten Fall sich so aufführen wie deine Klasse in der Etüde.
    Mein Großer, der sich wirklich zu benehmen weiß, erzählte wie schwierig er es in Auschwitz (sie waren im Rahmen der Abschlussklassenreise nach Krakau dort) fand bei schönstem Wetter sich nicht wie in einem Freizeitpark zu fühlen, sondern sich klar zu machen wo er ist.
    Ich glaube,ich würde solche Besuche nur mit Kindern und Jugendlichen nur machen, wenn sie es von sich aus wollen.

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    1. Unterricht in Zeitgeschichte ist überhaupt sehr, sehr schwierig. Die Klassen in öffentlichen Schulen sind extrem heterogen, was ihre Familiengeschichte, ihre Ursprungskulturen, ihre Religion, ihre sonstigen weltanschaulichen Ansichten betrifft. Wenn es in so einer Schulklasse nur sensiblere und weniger sensible Jugendliche gäbe, wären das paradiesische Zustände für die Lehrer*innen.
      Die Führungen in den Gedenkstätten, die ich kenne, sind im Normalfall gut gemacht von Leuten, die mit der Situation umgehen können. Trotzdem habe ich auch keine abschließende Meinung dazu, wie sinnvoll und erfolgreich solche Besuche sind/sein können.

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    1. Im Schulbereich ist es ja auch so, dass je nach Klasse oder Gruppe die Gruppendynamik extrem verschieden sein kann. Das macht den Beruf abwechslungsreich aber nicht einfacher und ein abschließendes Urteil zu so einem Thema ohnehin unmöglich 🙂
      Bei einem Verhältnis von 1 Lehrperson zu 30 Schüler*innen und mehr kann es einfach passieren, dass ruhigere Kinder und Jugendliche kaum wahrgenommen werden.
      Zwar lautet ein Unterrichtsprinzip „Individualisierung“, aber ohne deutliche Verkleinerung der Klassen ist das nicht zu schaffen

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