Ameisenhüter

Sabines Gedicht aus dem ich das Wort „Ameisenhüter“ entnommen habe

Dieser kleine Text ist eine Reaktion auf ein Wort in Sabines Gedicht nämlich „Ameisenhüter“. Er bezieht sich insofern auf das Foto als er auf und unter der dort zu sehenden Baumborke spielt. Impulstexte quasi der „zweiten Generation“ mag ich sehr. Man kommt in den Assoziationen vom Hundertsten ins Tausendste.

Die Welt nehmen sie hauptsächlich als Geruchssymphonie wahr. Pheromone ziehen ihre Bahnen durch die Luft. Hunderttausende Ameisen marschieren den Baum hinauf und hinunter, riechen und betasten einander, tragen oft ein Vielfaches ihres Körpergewichts. Die Mundwerkzeuge kommen auch zum Einsatz wenn Fremdes getötet wird. Die Welt der Ameisen ist wohlgeordnet fürs ganze Volk, für einzelne wäre sie die Hölle, doch Ameisen leben nicht als Individuen sondern als Superorganismus. Sie sind ebenso selbstlos dem Nest und dem eigenen Volk gegenüber wie gnadenlos nach außen.
Ameisen als Teil der Natur leben weder friedlich noch vegetarisch. Bei ihren Kriegen werden keine Gefangenen gemacht, es werden die Speisekammern aufgefüllt. Wenn also eine große Gruppe von Ameisen in wohlgeordneten Formationen unterwegs ist, so handelt es sich um eine Armee, meist eine Eroberungsarmee.
Soldatin 34876 marschierte vor, hinter und neben anderen Kriegerinnen ihres Nestes. Sie hatte für sich selbst keinen Namen, auch nicht für ihre Schwestern und Kriegsgefährtinnen. Sie wusste auch nicht, dass sie in den Krieg zog. Wenn ein Etwas auftauchte, dass nicht den richtigen Nestgeruch hatte, tötete sie es, wenn sie konnte. Oder sie wurde selbst getötet.
Plötzlich verschob sich ein Stück Borke des Baums. Einige Soldatinnen wurden weggeschoben, andere fielen in der Marschkolonne zurück. Zwei wurden zerdrückt. 34876 wurde unter der Borke festgeklemmt. Sie war unverletzt, konnte sich aber trotz gewaltiger Anstrengung auch nicht befreien.
Die Schlacht zwischen den beiden Nestern war wie alle Ameisenschlachten ein Gemetzel, das erst endete als die eine Seite völlig vernichtet war. Die Orte an denen ganze Ameisenvölker ausgerottet werden, sind nach kürzester Zeit nicht mehr als Schlachtfelder zu erkennen, die Toten und Verletzten werden weggebracht.
Der Baum wusste nicht, ob die Siegerinnen zurück in ihr Nest ziehen würden oder zum Nest der vernichteten Armee. Die einzelne Ameise wusste das auch nicht, die Steuerung durch die Schwarmintelligenz setzte sie aber in Bewegung. Der Baum wartete noch ein bisschen bis er die Richtung der Armee abschätzten konnte: sie gingen nachhause. Also schob er die Borke wieder beiseite und 34876 konnte sich endlich befreien und ihren Schwestern folgen. Eine Ameise allein ist nicht überlebensfähig, als Schwarm sind sie fantastische Architektinnen und Logistikerinnen.
Der Baum mochte die Kleinen und hin und wieder machte er sich die Freude eine oder mehrere aus kriegerischen Auseinandersetzungen herauszuhalten – Ameisenhüter

5 Gedanken zu “Ameisenhüter

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