Der Schuh

Ökologisch betrachtet, ist es ein zweifelhafter Text. Ich ersuche um Nachsicht. Selbstverständlich würde ich selbst nie ….

Martina stand auf der Straße gegenüber von Florians Wohnhaus. Vierter Stock, zweites und drittes Fenster links von dem Balkon mit den Weinreben. Auf der Straße standen Florians Möbel und sonstige Besitztümer. Laufend kamen Leute vorbei und holten sich ab, was sie ersteigert hatten. Der Vermieter wollte die Wohnung dringend leer haben und so hatte Florians Schwester einen online-Flohmarkt abgehalten.

Vieles war schon weg, was übrig blieb, kam in die Müllabfuhr. Martina starrte einem Kleintransporter der Müllabfuhr nach, der Florians altes, fast zusammengebrochenes  Sofa weg brachte. Als würde man Florians Leben entsorgen, auslöschen, als wäre es belanglos oder hätte nie stattgefunden. Die Erinnerungen rund um das Sofa hingen schwer in der Luft, beengten Martinas Atmung, trieben ihr die Tränen in die Augen.  

Das einzige, was Florian in Martinas Wohnung zurück gelassen hatte, waren ein paar Sportschuhe. Die Beziehung war noch jung und sie lebten beide gerne in ihrer eigenen Wohnung. Nun standen da die Schuhe deren Besitzer tot und begraben war. Sie standen im Vorzimmer zwischen anderen Schuhen, als wäre gar nichts geschehen, als würde Florian sie noch brauchen und benützen.

Jedes Mal wenn sie an den Schuhen vorbeiging, blitzte ein Augenblick vergangener Normalität auf gefolgt von der Panik des Nie-wieder. Martina beschloss, dass die Schuhe dort nicht stehen bleiben konnten. Sie waren so viel miteinander gewandert, so viel unterwegs gewesen, dass Schuhe für ihre Beziehung einen hohen Symbolwert hatten.

Oft waren Martina und Florian durch die fast urzeitliche Landschaft der Donauauen gewandert und oft waren diese Schuhe dabei. Heute war sie allein und stand am Flussufer an einer Stelle, an der sie oft mit Florian gewesen war. Ein entwurzelter Baum lag hier, ein idealer Logensitz für den Blick aufs vorbei fließende Wasser.

Sie holte den Schuh heraus und warf den Rucksack in den Sand. Sie dachte kurz an die durch Plastik verursachten Schäden für Natur und Tiere, blieb dann aber bei ihrem Vorhaben, für eine Ausnahme musste Platz sein. In einer in den linken Schuh eingenähten Metallkapsel lag ihr Brief an Florian und ein kurzer Lebenslauf. Er konnte nur kurz sein, denn Florian war erst vierundwanzig als er starb. Sein großes Potential ging wieder ein in den Kreislauf des Lebens.  

Sie warf den Schuh in den Fluss. Er würde seinen Weg finden, vorbei an blühenden Landschaften, an Siedlungen, Feldern, Schlössern und Weingärten, durch die Mangroven des Deltas ins Meer…

25 Gedanken zu “Der Schuh

  1. HAH – ich weiß es ….
    der andere Schuh wurde als „Höhle“ und Unterschlupf für ein junges Mäusepärchen verborgen, mit etwas Holzwolle ausgestattet und ein paar Nüssen als Nahrung für die kommenden Tage 😉

    Wäre das nicht eine schöne Idee? Leben für Leben?

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  2. deine Geschichte gefällt mir. Ich kann sie sehr gut nachvollziehen, weil es mir ähnlich erging. Die letzte Handlung meines Vaters bestand darin, sich die Schuhe zu binden. Ich konnte diese Schuhe nicht wegwerfen wusste aber auch nicht wohin damit. Lange fuhren sie mit mir im Auto spazieren. Dann wurde das Auto gestohlen. Als es wieder auftauchte waren die Schuhe verschwunden. Es war wie ein endgültiges Abschiednehmen.

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