Die wahren Abenteuer – ABC-Etüde

Die ABC-Etüden
Wie immer bei Christiane
Die Wörter stammen diesmal von ihr selbst und dem Etüdenerfinder
Drei vorgegebene Wörter müssen in einem Text von höchstens 300 Wörtern untergebracht werden

Den Krückstock mit dem Papageienkopf benützte sie schon den ganzen Vormittag. Sie hüpfte fröhlich an der Garderobe vorbei und schwang den Sonnenhut, den sie sich zu ihrem 85er gegönnt hatte. Groß, weiß mit einem Blumenschal um die Krempe gebunden. Tatsächlich ging sie langsam und vorsichtig und stützte sich auf ihren Stock. Aber „die wahren Abenteuer sind im Kopf“ sagte sie sich als sie an ihrer Wohnungstür ankam.

Sie massierte ihre gefühllos gewordenen Finger eine Weile, fasste den Papageienkopf fester und schritt elegant die paar Stufen bis zum Straßentor hinunter. Es dauerte eine Weile, denn sie musste sich nach jeder Stufe ein bisschen aufrichten und am Geländer festhalten. Sie kam aber gerade richtig, denn auf der Straße zog gerade die diesjährige Pride Parade vorbei. Eine Menge geschmückter Wagen, bunt, laut, schräg. Viele Menschen auf den Wagen und auf der Straße. Sie stürzte sich in die Menge, tanzte begeistert mit, schwang die Hüften und ihren Stock, ließ ihr Haar im Wind wehen und vibrierte auf den schreiend pinken Stöckelschuhen.
Als ein junger Mann in Strapsen, Netzstrümpfen und rot geschminkten Brustwarzen haltlos an ihr vorbei torkelte, fing sie ihn auf und konnte gar nicht aufhören zu lachen. Miteinander tanzten sie zwischen den Wagen, warfen den Zuschauenden Kusshände zu und verrenkten sich im Rhythmus der Musik. Sie hatte noch lange nicht genug und müde wurde sie ohnehin nie.
Plötzlich war neben ihr eine Frau, die sie umkreiste, mit Hüfte und Schulter berührte. Sie lachte ausgelassen, lockend und doch fröhlich. In ihrem langen Leben hatte sie vieles nicht ausprobiert, vielen Verlockungen widerstanden. Warum eigentlich?

Sie saß nun seit über einer Stunde auf der Bank und sah dem Faschingsumzug der Kindergärten zu. Süß waren die ausgelassenen kleinen Frösche in ihren Kostümen. Sie winkten der freundlichen Oma. Die wahren Abenteuer sind im Kopf


28 Gedanken zu “Die wahren Abenteuer – ABC-Etüde

          1. Das ist so individuell wie das Leben selbst.
            Jeder geht anders damit um.

            Ich hatte einen Kunden, er verstarb letztes Jahr mit 92. Er war Lehrer und brauchte soziale Kontakte wie die Luft zum Atmen. War bis zum Schluss ein aktiver, positiver Mensch. Er erlebte viel und wenn er aus seinem Leben erzählte, ich liebe solche Geschichten, überzog eine Freude sein Gesicht. Er zog lange daraus seine Energie. Selbst aus den Kriegsgeschichten zog er stets die positiven Erlebnisse.

            Es gibt aber auch Menschen denen im Laufe des Lebens ein Schicksalsschlag ereilt und sie sich nie wieder davon erholen. Sie werden immer verbitterter, sehen in allem und jeden den Schuldigen. Sehen nur was nie wieder möglich sein wird, geben sich auf.

            Ich denke es kommt auf die eigene Einstellung hat, ob man sich und sein Glück von Außen abhängig macht oder es in sich trägt, zufrieden ist, auch kleine Dinge wahrnimmt und sie sammelt im Herzen, in der Seele. Da kann einem selbst diese momentane Situation nicht viel anhaben.

            Und so wird es dann auch im Alter sein, wenn keine grundlegende Situation das Leben völlig aus der Bahn wirft.

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            1. Ja, da kann ich dir in allem zustimmen. Es kommt auf die eigene Einstellung an. Kürzlich habe ich in einem Buch über Glücksforschung gelesen, dass mindestens 50% dieser glücklichen Einstellung, in allem noch etwas Positives zu sehen angeboren sein soll. Also die einen stehen schon mit 50% am Start und die anderen müssen sich hart hinaufarbeiten. Ich bin aber überzeugt, dass es vielen gelingt !

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              1. Voraussetzung ist natürlich dass man es auch will.
                In der heutigen Generation sehe ich dass viele das Glück in materiellen Dingen suchen. Dieses haben müssen um glücklich zu sein. Das ist in meinen Augen der völlig falsche Weg. Mehr Besitz macht nicht unbedingt glücklicher. Der Kick ist von kurzer Dauer und muss ständig neu bedient werden. Ein Teufelskreis.

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  1. Die alte Dame habe ich nach dieser Beschreibung jedenfalls deutlich vor Augen. So ein bisschen wie Maude aus dem Film „Harold an Maude“.
    Man kann es sich zumindest vornehmen, für die Abenteuer im Kopf offen zu bleiben: ich glaube, der Grundstein dazu wird schon in jungen Jahren gelegt, ob man im Kopf zum Ablehnen und Aussortieren neigt, oder zum Anprobieren von Gedanken und Freude an der Vielfalt.

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  2. Ich bin nicht sicher, ob ich dem uneingeschränkt zustimme, aber ja, es gibt AUCH Abenteuer, die im Kopf stattfinden, und die sind nicht weniger wichtig, solange man Realität und Phantasie auseinanderhält. Theorie und Praxis, mein ewiger Untertitel. 🤔😉
    Danke, macht Spaß zu lesen. 😁
    Aprilwettrige Morgenkaffeegrüße 😁🌦️🌷☕🥚🍞👍

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    1. Danke schön! Ich bin gar keine Verfechterin davon, sich in Träumen zu verlieren, egal in welchem Alter. Ich habe nur diese alte Dame so vor mir gesehen und habe versucht, in sie „hineinzuschauen“, im Rahmen des Möglichen. Und ich habe darüber nachgedacht, wie die „Stoffsammlung“ für Lebensfreude im Alter so funktionieren könnte ….

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  3. Der Tagtraum, eine Flucht, wenn das wirkliche Leben nicht so ist, wie in den eigenen Vorstellungen/Wünschen?🤔
    Deine Geschichte hat zwei spannende Wendungen. Herzliche Grüße Arthrotia 🌈🙋🏻‍♀️🐖🐝🥳🍄🍀🐞

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  4. Ich empfinde es als durchwegs beglückend, dass es noch Abenteuer gibt, die im Kopf stattfinden und zu denen man niemals den Mut gefunden hat. Ich finde es gibt immer einen guten Grund für Entscheidungen in so vielen Stellen im Leben und sie sind meines Erachtens nie zu bedauern, sondern aus eben der damaligen Perspektive und Möglichkeiten getroffen. Es lebe die Freiheit, um die Möglichkeiten zu wissen aber nicht alle wahrgenommen zu haben.
    Wundervolle Geschichte, erst wollte ich auch bedauernd mitfühlen – aber hey, sie lebt und mit „was wäre wenn“ wäre sie niemals so weit gekommen.
    LG Doro

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    1. Ich bin da ganz deiner Meinung. Jede Entscheidung schien zu dem Zeitpunkt, an dem man sie getroffen hat richtig oder war zumindest nicht anders möglich und es hat keinen Sinn sie nachträglich zu bedauern. Man kann es beim nächsten Mal besser machen, wenn es ein nächstes Mal gibt …
      Ich finde die Etüde eigentlich auch nicht traurig …

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