Mittwoch 28. Jänner 2021 – Zynismus

Zynismus ist natürlich keine rhetorische Figur sondern eine abzulehnende Haltung. Die zynische Erwiderung ist aber dennoch eine hohe Kunst, wenn die Messer so gut geschliffen werden, dass sich der Gesprächsgegner schon darin spiegelt und wenn die gehärtete und polierte Klinge genau ins Zentrum der Argumentation der Gegenseite trifft. Zynische Klingen sind nicht nur scharf sondern auch mit Gift versehen und können lange nachwirken.

Zynismus ist eine sehr große Versuchung für Menschen, die gerne mit Worten und Formulierungen spielen und für solche, die es als intellektuelle Übung betrachten, Wirres auf den Punkt zu bringen, dem Punkt einen Diamantschliff zu verpassen und ihn dann mit wohlgezieltem Wurf genau auf die schwache Stelle der Gegenseite zu befördern.

Man kann lange an so einem Diamanten des Zynismus schleifen und polieren und schon sehen, wie die Argumentation der Gegenseite in Fetzen hängen wird und die gelungengiftigen Formulierungen dann doch einfach wegfliegen lassen, irgendwohin, und den Gegner einfach anlächeln. Und gut war´s…

40 Gedanken zu “Mittwoch 28. Jänner 2021 – Zynismus

        1. Ja, wenn der Pfeil ins Leere geht, also die Reaktion ausbleibt, ist das Frust und unbefriedigter Hunger. Da hast du wohl recht. Andererseits hat das Schleifen der Formulierungen schon seinen Reiz abseits des Angriffs auf andere

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  1. Trifft genau meine derzeitige Gefühlslage. Wohlgeschliffen und bereits fix fertig eingespannt im noch entlasteten Bogen werde ich mich vielleicht dann doch entscheiden, den tödlich giftigen Zynismuspfeil nicht abzuschießen.

    Vielleicht schleife ich noch ein bisschen … 😈

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        1. Ich finde, dass die beiden schon zusammengehören. Weisheit ohne Mitgefühl ist keine Weisheit, aber auch Mitgefühl ohne Weisheit kann richtig schiefgehen. Die richtige Balance ist die Kunst, für deren Übung ein Leben fast zu kurz ist.

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          1. Wir tun uns schwer, weil es so große Begriffe sind, die jede*r anders definiert. Wir würden Mitgefühl wie du es verwendest vermutlich mit Liebe (aber nicht die Liebe zwischen zwei Menschen, sondern die allgemeine Liebesfähigkeit), gleichsetzen. Da sind wir dann ganz bei dir. Wobei wir jetzt den dritten großen Begriff gewählt haben. 😉

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                1. Ja, ist es. Obwohl es ja nicht um das Gefühl geht sondern nur um die Bezeichnung. Ich habe mit der Terminologie überhaupt ein Problem. „Güte“ hat für mich etwas unendlich Herablassendes und gar die „liebende Güte“.
                  Gut, aber es geht ja nicht um die Wörter sage ich mir immer wieder. Ich bin aber nun mal leider ein Sprach-Mensch …

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                  1. Die Frage ist natürlich hier die Übersetzung. Was Metta im buddhistischen Kontext bedeutet. Ich weiß jetzt auch nicht genau aus welchem Sprachbereich es ursprünglich stammt. Tatsächlich hätten wir vermutlich auch ein Problem gehabt, waren wir nicht im buddhistischen Zentrum auf Empfehlung zu dieser Meditation gegangen und sie hat uns gefallen. Dann war die Bezeichnung egal.

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    1. Wobei ich auch noch immer das Problem habe, dass ich es bei manchen Themen geradezu moralisch zwingend finde, Stellung zu beziehen auch wenn längst klar ist, dass von der anderen Seite nur Nebelgranaten zu erwarten sind. Dann frage ich mich, ob das eine bewusst eingesetzte Stategie ist etc etc.
      Klappe halten genügt ja nicht, man muss auch die Gedanken zum Thema loslassen …

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      1. Klappe halten gilt natürlich nicht in moralisch eine Stellungnahme erzwingenden Fällen . Ich dachte jetzt mehr an Situationen des privaten Alltags, wo es mir immer mal wieder passiert, dass mein Mundwerk schneller ist als mein Kopf nach dem Prinzip „Lieber einen guten Freund verloren, als eine Pointe verpasst“. Und anschließend wünsche ich mir dann, ich hätte lieber eine etwas längere Leitung …

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  2. Ursprünglich ist Zynismus ja etwas ganz anderes, nämlich eine „Bezeichnung für einen Anhänger der von Antisthenes gegründeten Philosophenschule, deren Ziel die Rückkehr zum Naturzustand und zu einem bedürfnislosen Leben ohne Ansprüche ist“ (Wiki). Die Zyniker machten sich lustig über die Sucht nach Raffinesse – und wurden von den so verhöhnten Reichen und Gebildeten ihrerseits wegen ihrer bewusst bescheidenen Lebensart als „hündisch“ bezeichnet (von altgr. κύον, Hund).
    Der seit dem 19. Jh übliche Gebrauch macht Zynismus zu einer widerwärtigen Angelegenheit, denn anders als der gewöhnliche Spott will er sein Gegenüber seelisch fertig machen, indem er alles, was der andere denkt, tut und glaubt, mit seiner beißenden Säure übergießt, und zwar in der Regel aus einer Position der sozialen oder auch nur eingebildeten Überlegenheit heraus.

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  3. jaja, zynismus macht spaß (mir auch mitunter).
    es gibt situationen,die sind so un-glaublich, dass man nur zynisch reagieren kann oder man schweigt.

    zynismus ist befreiend für den menschen, der ihn gebraucht, vergiftet aber wirklich die gesprächskultur, ist destruktiv. ich setze ihn inzwischen nicht einmal dann ein, wenn ich ohnehin keinerlei chance für eine echte auseinandersetzung oder verständigung mehr sehe:
    ich nähme damit, so kommt es mir vor, auch mir selbst ein stück würde.

    manchmal muss man sich überlegen, ob es vielleicht stimmiger ist, sich von einem menschen komplett zurück zuziehen, selbst wenn sie/er zwischendurch recht nett und interessant plaudert, bastelt, malt, schreibt … die hübschen bilder an der oberfläche liken, obwohl klar ist, dass es auf einer tieferen ebene überhaupt nicht mehr passt ….? das muss jede/r für sich selbst entscheiden, wo die grenze gezogen werden muss.

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    1. Das ist eine sehr weise, umfassende Betrachtung des Themas , liebe Pega. Auf den Gedanken mit der eigenen Würde bin ich noch gar nicht gekommen, finde ihn aber verfolgenswert.
      Zusätzlich ist es auch eine gute Übung in Gelassenheit nicht zu allem seinen Senf dazu zu geben und auch einzusehen, dass es in vielem eben keine Verständigung geben kann…

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    2. So wahre Worte, die uns aus der Seele sprechen. Dass Zynismus eine Form der Selbstverletzung ist, weil es die eigene Würde verletzt, sehen wir auch so. Auch wenn das vielleicht übertrieben klingen mag. Wir waren so perfekt mit Giftpfeilen, dass wir uns selbst nicht ernst nahmen, sondern nur alle(s) schön auf Distanz hielten. ….. Was wir mögen ist Ironie, bevorzugt wenn es Situationen erlauben. Die Grenze ziehen zu lernen, wo es die sanfte Klinge verlässt und verletzend wird ist schwierig und im Grunde vom Gegenüber abhängig, was dort ankommt.
      Wir mögen die „Metta- Meditation der Liebenden Güte“, den Feind lieben lernen, als Vollendung, davor gibt’s mehrere Stufen.. Es lehrt so viel über sich selbst. Wir haben Zynismus weitgehend verlernt. Irgendwie fühlt er sich nicht mehr gut an.

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