Impulswerkstatt – Freiheit

Ein autobiographischer Text

Kurz vor der Operation konnte ich kaum noch gehen. Ich hatte viel zu lange zugewartet. Bei jedem Schritt, den ich machen musste oder wollte, erwog ich, ob er sich lohnen würde oder ob das Ergebnis die Anstrengung nicht wert sein würde.

Es war anstrengend, teuer und beängstigend. Anstrengend, weil ich vormittags und abends arbeitete, teuer weil ich viel Taxi fuhr und in zweifacher Hinsicht beängstigend, einerseits weil ein Teil meines Körpers durch ein Stück Metall und Keramik ersetzt werden sollte, was damals für mich eine grauenhafte Vorstellung war   und andererseits weil jede Operation ein Risiko ist und seien die Chirurgen und Anästhesisten noch so gut und erfahren.

Meine Umgebung war sich einig. „Worauf willst du warten?“ meinten sie in den verschiedensten Formulierungen und bei jeder Gelegenheit und hatten damit natürlich vollkommen recht. Vergebens wartet man auf das Wunder, das dazu führt, dass ein Gelenk sich von selbst regeneriert, dass Knochen und Knorpel nachwachsen. 

Anästhesie ist einerseits gefährlich andererseits ein Segen. Wenn die Welle der Bewusstlosigkeit ins Hirn steigt, fühlt es sich an wie einschlafen und ist doch eigentlich dem Tod näher, denn man wird künstlich beatmet. Auch nach dem Aufwachen ist die Welt noch nicht wieder ganz da. In der Nacht nach der Operation kam alle paar Stunden ein sehr sanfter Pfleger, der die Schmerzmittelinfusion erneuerte. Völlig zugedröhnt schläft man gut.

Am nächsten Morgen erschien ein Physiotherapeut und warf mich aus dem Bett. Ich sollte sofort spüren wie gut und tragfähig und sicher das neue Gelenk sein würde. Tatsächlich war es das auch, sofort nach dem Einsetzen, aber die Muskulatur wird bei der Operation stark aufgedehnt und muss danach wieder befriedet werden, was eine Weile dauert. Außerdem muss das Gelenk einwachsen, das dauert drei Monate.   

An diesem Abend ging ich allein, ohne menschliche Begleitung und ohne Krücken ganz gelöst die Straße hinunter. Ich ging sicher und trittfest auf meinen eigenen Beinen. Das ist etwas völlig anderes als vorsichtig einen Fuß vor den anderen zu setzen und das Beste zu hoffen.

Ein warmer Frühlingsabend, fröhliche Menschen, Musik auf der Straße. Ich konnte lange stehen bleiben ohne mich sofort nach einer Sitzgelegenheit umsehen zu müssen.

Es war ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit, der Leichtigkeit, der unendlichen Möglichkeiten.

Drei Jahre sind inzwischen vergangen. Manchmal weiß ich nicht mehr auf Anhieb, welches Hüftgelenk mich schon mein Leben lang begleitet und welches neu dazugekommen ist. Wie wunderbar und keineswegs selbstverständlich es aber ist, ganz normal zu gehen, habe ich noch nicht vergessen. Ich kann dieses Gefühl der Freiheit immer noch spüren. 

33 Gedanken zu “Impulswerkstatt – Freiheit

      1. Auf deinen Text (als Impuls) reagiere ich mit einem unbedingten Wortspendereflex (Tschuldigung, dass ich mich da so breit mach‘, aber das ist ein Notfall!):

        Mein afrikanischer Zimmergenosse (hier im AKH) versuchte anfänglich, unsern dritten Mann, den Apnoetaucher, vom nächtlichen Training abzuhalten, indem er mit Metall gegen Metall schlug:
        … Stille …
        HKHWXTCHRRWKH!
        pingpingpingpingping…
        … Stille … SauerstoffmaNGEEEL!!
        HKHWXTCHRRWKH!
        pingpingpingpingping…

        Wegen offenkundiger Sinnlosigkeit solchen Tuns hat er sich nun darauf verlegt, per Handy immer wieder verzweifelte Hilferufe in seiner Sprache abzusetzen:

        „… Nunuteteyugu mwana kamono tiwatanatua temu waniakatoma sanamapatua kinakatata wamanuma wa takusipua manati yetoto seluka pananamo katete …“

        Muss gut zu singen sein, die Sprache: anscheinend viele Silben, die aus einem Konsonanten und einem Vokal bestehen; viel Vokalharmonie.

        Mein Taucherfreund, ein freundlicher alter Herr von fast neunzig, taucht weiter oder redet und redet und fordert weiter Rückmeldungen ein: „Versteh’n Sie mich?“
        „Ich muss Ihnen was Interessantes erzählen!“,
        „Ich muss Ihnen was Lustiges erzählen!“
        „Versteh’n Sie mich?“
        „Wissen Sie, was auch zurückgeht?“
        „Nein, was denn?“
        „Die Würschtelstandeln!“

        Manchmal schießt mir für ein, zwei Sekunden die Todessehnsucht ein.

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              1. Ich genieße ja durchaus die Komik, die in dem kleinen Gschichterl steckt: ausgewachsene Ärzte, die nichtsahnend in die Falle tappen und nicht wissen, wie sie wieder rauskommen sollen, ohne unhöflich zu wirken.
                Die Reparatur war eher was für Herren in einem gewissen Alter als für Resis.

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  1. Glückwunsch. Ich erinnere mich noch gut, wie wir alle vor der OP mitgelitten haben und nach der OP erleichtert waren, dass es so toll gelaufen ist.
    Die Erleichterung und deine Freude ist in deinem Text immer noch deutlich zu spüren 😁👍
    Sonntagmittagkaffeegrüße 😁☁️☕🍩👍

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      1. Also noch einmal: Ich habe eine Polyarthrose, die sich besonders in Händen und Füßen bemerkbar macht. Mein operiertes Knie ist in Ordnung. Das andere nicht. Auch die Füße schmerzen. Unbeschwertes Spazierengehen wird es wohl nicht mehr geben, aber eine Stunde geht zum Glück noch. Dafür ist das Fahrradfahren genussvoll möglich. Ich freue mich über alles was geht! 💝Liebe Grüße! Regine

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