Impulswerkstatt – Fast ewig

Ich kenne den Baum, der mit seinem Harz mein Leben um Jahrmillionen verlängert hat. Es heißt, die Wissenschaft forscht dazu noch, aber was schert das mich. Ich kannte ihn persönlich, ebenso wie seine Familie. Plötzlich tropfte er Harz über mich. Ich weiß nicht warum das geschah, kann es nicht einmal vermuten. Aber auch wenn mich der schwere Tropfen leicht verformt hat, so hat er mich doch andererseits auch konserviert und durch viele Leben reisen lassen. Ich bin doch noch dieselbe und komme vielleicht irgendwann hinaus aus diesem goldenen Käfig. Meine Beine werden sich erneuern und gerade richten und ich werde wieder zu einer Königin des Waldes.

Viel Zeit verbringe ich mit Erinnerungen. Ich träume von den Wäldern, vom Schwingen und Kriechen, von den großen Sechsbeinigen in meinen Netzen. Manchmal verfingen und verwickelten sie sich in meine Fäden. Dann sah ich ihnen beim Sterben zu und lernte daraus. Oft konnten sie sich losreißen und die Arbeit vieler Stunden hing in Fetzen.  Doch ich war damals noch jung und meine Spinndrüse produzierte ununterbrochen.

Vielleicht wollte der Baum mir beim Sterben zusehen, weil er die fliegenden Sechsbeinigen doch lieber mochte. Schön waren einige von ihnen, schillernd und bunt. Sie waren aber auch wohlschmeckend und haben mich und meine Kinder gut ernährt.

Wo ich diesmal gelandet bin, verstehe ich nicht ganz. Vor kurzem sah ich eine Schwester, die an einem Netz arbeitete und sich gerade an einem Faden herunter fallen ließ. Wie gerne würde ich auch wieder einmal an einem Faden schaukeln und seine Kraft und Elastizität spüren. Ich kann mich nicht bewegen, aber meine Hülle bewegt sich, wärmt sich von außen auf und seltsame facettenlose Augen sehen mich an.

51 Gedanken zu “Impulswerkstatt – Fast ewig

      1. Wir finden es spannend, weil das ein Teil von DIS ist, dass für abgespaltene Kinder innen die Zeit stehen blieb mit dem Erlebten und sie für andere Innenwesen weiterging und sie erwachsen wurden. …. Wir bedauern, das wir deinen schönen Text mit unserem Thema verknüpfen, aber es ist einfach so. Und nachdem Katherina schrieb, dass es gruselig ist, ….. ja, das ist alles gruselig. Danke für deinen so schönen Text, der sich nicht gruselig liest.
        Herzliche Grüße
        „Benita“

        Gefällt 3 Personen

          1. Ja, das ist eine der besonderen Herausforderungen in unserem Leben. ….. Schwierig ist’s in Geschäften, die auch Kinderspiele oder Kinderbücher führen, dann in einer einigermaßen kurzen Zeit wieder herauszukommen. Ist so wie mit einem Kleinkind einkaufen gehen. Das braucht Geduld und mitunter klare Grenzen. Wobei es sich bereits verbessert hat. Anscheinend sind einige Innenkinder schon nachgealtert. …. Die Babys innen sind am allerärmsten weil sie ja noch keine Sprache haben sich z.B. in Therapie auszudrücken. Da wäre viel Berührung wichtig als Trost. D.h. für die steht die Therapie seit einem Jahr komplett. ….. Dennoch geht’s uns aktuell einigermaßen gut. Wir hoffen dir auch.
            Herzliche Grüße
            „Benita“

            Gefällt 3 Personen

  1. Oha. Sie lebt???? Ich werde Bernstein ab sofort mit ganz anderen Augen sehen 😉
    Sehr inspirierend übrigens, die Sache mit den Zeitebenen 🤔, ich gehe ja auch mit deiner Impulswerkstatt schwanger, aber es fließt noch nicht so richtig … 😢😉
    Morgenkaffeegruß auch hier 😁🌥️☕🎂👍

    Gefällt 2 Personen

  2. Auf die Idee zu kommen , sich in „Ich form“ in eine Spinne hineinzuversetzen und auch noch dazu in einem Bernstein lebendig gefangen zu sein, ist erstaunlich! Ein bisserl erinnert es mich an das Leben im goldenen Käfig. 😄 Und das verdutzend spannend beschrieben! 😃

    Gefällt 2 Personen

      1. Ich meinte es allgemeiner, da ich „Benita“ nicht kenne. Alle Menschen haben „eingeschlossene erstarrte“ Anteile (herkömmlich spricht man von verdrängten Anteilen), die sich nach Wieder-Integration sehnen. In der Regel geschieht diese Erstarrung als Vorsichtsmaßnahme, um „gefährliche“ Inhalte aus dem Spiel zunehmen. Im Fall der Spinne ist es vor allem der Inhalt des Fressens – beim Sterben Zuschauen. Sie sind verkapselt, aber immer noch virulent, vergleichbar dem Windpocken-Virus, der sich in. den Ganglien der Nerven verkapselt, um bei starkem Stress oder sonstwie geschwächtem Immunsystem wieder in Form von Gürtelrose auszubrechen

        Gefällt 1 Person

        1. Zum Glück ist die Spinne ja reichlich tot, sonst könnte sie wohl ohne Nahrung nicht auskommen. 🙂 Meinst du man kann auch die grundlegenden Bedürfnisse für´s Überleben, wie etwas Nahrungsaufnahme verdrängen?
          Interessant, dass das Windpocken-Virus Gürtelrose auslösen kann. Davon hatte ich noch nichts gehört.

          Gefällt 1 Person

          1. Ja, ohne Windpocken keine Gürtelrose. Aber 95.5 % aller Menschen hatten mal Gürtelrose…
            Deine Spinne ist ja nicht wirklich tot – nur physisch ist sie Vergangenheit, aber denken, sich erinnern, träumen kann sie ja noch. Insofern ist die Analogie mit Verdrängtem naheliegend. Das sind auch vergangene Ereignisse, längst nicht mehr im „physischen Sinne“ lebendig. ZB sexueller Missbrauch in der frühen Kindheit, längst vorbei – . Diese Erlebnisse bleiben eingeschlossen und fantasieren und drängen nach oben, wollen wieder lebendig werden, schauen auf analoge Ereignisse ( „Vor kurzem sah ich eine Schwester, die an einem Netz arbeitete…“), um sich daran zu heften und ins Leben zurückzukehren.
            Selbstverständlich sind solche „eingeschlossenen“ Erlebnisse nicht nur die traumatischen. Denk an Proust! Der Geschmack der Madelaine öffnet eine Tür zu Erinnerungen, die vollkommen verschüttet waren.

            Gefällt 1 Person

            1. Der Geruchssinn hat auch eine sehr direkte Verbindung zu unseren Gedächtnisspeichern.

              95,5 % ? Na, ich weiß nicht, so häufig nehme ich das nicht wahr. Ich kenne auch nur eine einzige Person, die Gürtelrose hatte. Dafür war das besonders unangenehm, weil der Ausbruch auf der Kopfhaut stattfand.

              Gefällt mir

              1. Du findest die Info auch im internet, zB das Schweizerische Amt für Gesundheit https://www.bag.admin.ch/bag/de/home.html, daraus:
                „Praktisch die ganze erwachsene Bevölkerung (98 %) weist Antikörper gegen das Virus auf, hat also die Krankheit bereits in der Kindheit durchgemacht.“… „Rund 20 % der Menschen, welche die Windpocken durchgemacht hatten, erkranken später einmal im Leben an einer Gürtelrose“… „Da das Risiko von Krankheitskomplikationen bei Erwachsenen erhöht ist, ist es wichtig, eine Ansteckung bei allen Personen zu verhindern, welche die Windpocken nicht bereits in ihrer Kindheit durchgemacht haben.“

                Gefällt 1 Person

                1. Ich weiß natürlich nicht, wie/ob die Impfung gegen Windpocken in der Schweiz allgemein durchgeführt wurde nach dem WW II. Ich jedenfalls wurde als Kleinkind dagegen geimpft, das war Usus in Österreich, ich glaube, sogar Pflicht – bist du denn nicht geimpft worden ? Ob ich danach ein Krankheitsbild gezeigt habe, kann ich mich nicht erinnern 😉 … Gürtelrose hab ich auch noch nicht gehabt soweit mir das bewußt ist, trotz fallweise großem Streß über längere Zeitabschnitte … vllt kommts ja noch.

                  Gefällt 1 Person

  3. Ahh, gefunden … 😉
    Kein Wunder, daß die arme so viel zu erzählen hat nach dem schockierenden Unfall, der ihr passiert ist. Wie man lesen kann, sind Spinnen weder bösartig noch nachtragend, es ist eine Erfindung der Archaen ! Sie hatte, wahrlich, ich sage euch, natürlich genug Zeit zum Überlegen, wie die Sache mit dem Leben, der Schöpfung samt Urknall und den schwarzen Löchern ist – schade, daß sie (wahrscheinlich) nicht mit telepathischen Fähigkeiten aufwarten kann und so unsere Spekulationen erfährt, die wir zu ihrem Vorhandensein und Vorliebnehmenmüssen im goldenen Käfig haben; ihre Meinung dazu wäre bestimmt interessant zu hören…

    Gefällt 1 Person

    1. Wieso der Archaen? was haben die im makrobiologischen Bereich verloren ?
      Ja, ja, sie hat vieles gesehen, die Gute. Leider mangelt es auch mir völlig an telepathischen Fähigkeiten und so können wir nur hin- und herstarren 🙂
      Ich habe mich bemüht, sie abwechselnd sympathisch und unsympathisch zu gestalten….

      Gefällt 1 Person

      1. Die Archaen haben mir die Urangst in die Wiege gelegt, wie eben daß Spinnen giftige Stacheln haben und daher gefährlich sind (von der Tarantel geSTOCHEN ;-)), also insgesamt zu den wenig streichelbereiten Tierchen gehören – wie natürlich auch Schlangen 😉 …

        Gefällt 1 Person

          1. Ja, schön sind sie natürlich, keine Frage, bis auf die otterartigen. Ich fing auch schon schwachgiftige mit der Hand – doch die Scheu, ihnen vor allem nicht nahezu’treten‘ ist nicht zu leugnen; und beim Klettern liegen Vipern manchmal ausgerechnet in jenen Mulden, in welche man, haltsuchend, hineingreift … 😉 Skorpione wiederum sitzen häufig gerade unter jenen Steinen, die man nicht gewendet hat *kicher* … aber das ist trotzdem ein anderes Gefühl – lediglich reale Gefahr wie ein Löwe, ein Büffel oder ein Keiler.

            Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s