Zimmerreise 1 – der Abstellraum

Das ist ein Text zum Projekt „Zimmerreisen“, das bei der Puzzleblume und bei Almuth von der Natur auf dem Balkon läuft. Worum es da geht, kann man dort auch nachlesen, aber „Zimmerreisen“ sagt eigentlich ohnehin alles.

Diesen Text habe ich gestern Abend geschrieben, ziemlich spät und ich finde man merkt ihm an, dass ich langsam flüssiger geworden bin und noch eine Weile hätte weiterschreiben können.

Ein Ticket kann ich jederzeit bei mir selbst lösen, das berechtigt mich dann, je nach Situation, zum Eintreten in den Abstellraum oder, falls das nicht möglich ist, zum Rundblick. Die Mäntel und Jacken, die hier hängen, brauche ich für diese Reise nicht. Es gehört zu den Annehmlichkeiten der Zimmerreisen, dass sowohl die Ausrüstung als auch das Gepäck wegfallen. Somit muss ich auch keine Auswahl unter den Schuhen treffen, die auch hier stehen. Wenn aufgeräumt ist, hat jedes Paar Schuhe Platz. Warum aber dürfen Schuhe und Stiefel, die doch sicherlich auch einen gewissen Freiheitsdrang haben, nicht wenigstens herumstehen, wenn sie schon nicht verreisen können? Ich stehe auch gerne herum, auf der Straße, im Park

In meinem Abstellraum lagern auch eine Menge Spiele, die leider viel zu selten zum Einsatz kommen. Ich wollte immer schon eine Spielerunde gründen, was mir aber bisher nicht gelungen ist. Wenn Projekte gerade nicht ausgeführt werden können, kann man sie doch im Kopf immer wieder herum wälzen. Wer käme denn dafür in Frage, wer unbedingt, wer nicht, wer auf gar keinen Fall. Wie lassen sich die Auf-gar-keinen-Fall-Kandidaten vermeiden ohne sie zu beleidigen? Wer könnte gut zu wem passen, wer würde sich mit wem gar nicht vertragen?

Die leere Kiste für die Biolieferung, einmal in der Woche Obst und Gemüse, lächelt mich an. vielleicht weil ich die Bestellung für diese Woche rechtzeitig gemacht habe. Vielleicht ist sie auch allgemein freundlich, oder einfach froh hier wieder auszuziehen. Bei der nächsten Lieferung wird eine volle Kiste vor die Tür gestellt und die leere wieder mitgenommen. Ich sehe also jede Woche einer anderen Biokiste ins Auge. Eine gewisse Abwechslung brauchen der Mensch und die Kiste.

Eine große Menge Leinwände sind da zwischen Kasten und Wand gequetscht, in zwei Etagen. Wenn ich alle Leinwände und Malutensilien ins Atelier befördert haben werde, wird insgesamt ein ganzes Zimmer frei. Ein zweites Arbeitszimmer für meinen Lebenspartner mit seinen 17 Computern? Nein, die letzten Wochen des Home-Office-Betriebs wird er schon noch durchhalten, lieber ein Lesezimmer mit allen meinen Kunstbüchern und Ausstellungskatalogen. Den blöden Home-Trainer, den ohnehin niemand benützt, könnte man auch dort hineinstellen. Vielleicht benützen wir ihn dann sogar?

Eine Werkzeugabteilung gibt es hier auch. Mein Partner steht auf dem Standpunkt, dass wir die Geschlechter-Klischees nicht nur in eine Richtung auflösen können. Im Klartext heißt das, er steht für handwerkliche Tätigkeiten nur unter großem Protest zur Verfügung. Allerdings hat er seiner Sache kürzlich sehr geschadet, weil er ohne irgendeinen konkreten handwerklichen Plan zu haben eine Sammlung von diversen Bohrern für den Schlagbohrer gekauft hat. Was mir ermöglicht hat darauf hinzuweisen, dass er ja offenbar große Freude an Bohrern habe, so eine Art natürliche Beziehung und es ihm doch daher direkt ein Bedürfnis sein würde Löcher und Dübel in die Wand zu hauen damit ich Bilder aufhängen kann. Leider sehe ich da die Bohrerkollektion unbenützt herumliegen. Ich muss mir eine neue Strategie einfallen lassen. Niemals aufgeben! Im äußersten Notfall  könnte ich den Schlagbohrer ja selbst schwingen.

Die vier Stück Wanderstöcke, die da auch in der Ecke stehen, habe ich kürzlich aus dem Auto herauf geholt. Das war ein Fehler. Seit sie hier im  Abstellraum stehen, hätte es schon mehrere Gelegenheiten gegeben, sie zu verwenden. Nichts ist so überflüssig wie Wanderstöcke im Abstellraum, wenn man irgendwo unterwegs ist. Zimmerreisen sind ja gut und schön, man sollte sie wohl aber nicht so weit treiben mit Wanderstöcken Löcher in die Teppiche zu stanzen.

Ein Blick in den Abstellraum ist keineswegs langweilig, stelle ich fest, er eröffnet vielmehr eine Menge Perspektiven für das nachher, für das nach den Zimmerreisen.  

28 Gedanken zu “Zimmerreise 1 – der Abstellraum

  1. Eine Abstellraum ist ein Ort voller Tore in viele Möglichkeitswelten.
    Das Phänomen, etwas lange nicht Benutztes dorthinzutragen, um es prompt doch zu brauchen – endlich wurde es beschrieben.
    Danke für diese Vielfalt an Eindrücken. Unmittelbar habe ich Visionen von solchen Räumen meiner eigenen Vergangenheit und das ist auch ein Effekt, den ich an solchen Zimmerreisen schätze.

    Gefällt 3 Personen

    1. Ja, ich denke, sie könnten mir auch ans Herz wachsen. Nachdem mir anfangs gar nichts eingefallen ist, sehr ich schon diverse Möglichkeiten. Die haben nur alle den falschen Anfangsbuchstaben. So was wie A für „An der Wand hängen“ oder B für „beidseitig“ 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Wortgeschöpfe wie „Andiewandhängerle“ (bereits bekanntes Pendant zu „Herumstehchen“) oder „Beidseitigkeit“ genauso gut taugen wie Duden-konformere Worte, und viel Spass machen obendrein. 🙂

        Gefällt 1 Person

  2. Wie Puzzleblume gefällt mir besonders der innere Widerspruch deiner Abstellkammer-Reise : dass der verschließbare Raum virtuell in Bewegung und offen zur Welt ist. Das Motiv einer ins Stocken geratenen Bewegung beginnt bereits in der Ausgangssituation (Schuhe, die eigentlich rauswollen) und steigert sich bei den Wanderstöcken, die anderes suggerieren, als rumzustehen, und die bei falscher Nutzung zu Löchern im Teppich führen, Dann geraten sogar der ganze Raum und seine Nutzung in virtuelle Bewegung: Leinwände, die auf Abtransport warten, zu schaffende Leere, die zu neuer Nutzung einlädt – wobei die Hoffnung auf ein Ende der Stagnation als Thema hineinspielt (Ende des Home-Office). Wird sich der Raum verwandeln und sich die Abstellkammer in einem späteren Monat unter S als Studierzimmer oder unter K als Kunstbuch-Leseraum wiederfinden? Ein durch und durch lebendiger Raum – ganz anders als der,verschlossene dunkle, kaum betretene geheimnisvolle und irgendwie auch mit Kindheitsschrecken verbundene Raum, den wohl die meisten mit Abstellraum assoziieren – weshalb er zum Sinnbild des Unterbewusstseins wurde, in das gefährliche oder unbrauchbare Erinnerungen abgeschoben werden.

    Gefällt 7 Personen

    1. Herzlichen Dank für die wunderschöne Würdigung meines Abstellraums, der ja tatsächlich eigentlich ein Schrankraum mit Zusatzfunktion ist. So eine Art Schleuse zwischen innen und außen.
      Ja, ja, meine Aufbruchsstimmung siehst du ganz richtig. Aber zwischen mir und der größeren Bewegungsfreiheit steht noch die Covid-Impfung, die ich sehr ungeduldig erst am mittelfristigen Horizont sehe.

      Gerade fällt mir ein Zitat eines österreichischen Psychiaters ein, Erwin Ringel, der schrieb, dass die österreichische Seele aus einem prachtvollen Wohnzimmer und einer dunklen Abstellkammer besteht. Zu dieser Art Abstellraum gehört meiner zum Glück nicht.
      Herzliche Grüße in die Mani. Wie ich gesehen habe, herrscht in Griechenland Badewetter

      Gefällt 1 Person

  3. Viel ergiebiger vielleicht als die üblichen Wohnräume sind Abstellkammern, wenn sie unter touristischem Aspekt betrachtet werden. Das Schweifende, das Zimmerreisen oft an sich haben, finde ich bei dir auch auf sehr schöne Weise wieder.

    Gefällt 1 Person

  4. Eine schöne Zimmerreise, oder eher noch Abstellraumreise? 🙂
    Wir hatten früher zuhause ein sogenanntes Kämmerchen, ein Abstellräumchen und mit den Jahren wurde es zu einem Raum mit schönem modernen Waschbecken und Bidet, weil für eine Dusche angeblich kein Platz war 🙂

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s