Sonntag 6.Dezember 2020 – G´wandln und ausgeblendete Tragödien

So ein trister, düsterer Tag mitten im Hochnebel eignet sich zum Weitertreiben von Endlossprojekten wie dem Ausmustern von Kleidung. Wenn ich so in meinen Schrankraum schaue, habe ich den Eindruck, dass ich mir in diesem Leben eh nie wieder irgendetwas kaufen muss/soll. Aber die Weltordnung verhindert das. Ich finde ein halbes Dutzend Sakkos aus wunderschönem Stoff, bestens geschnitten, ja, aber man sieht ihnen von weitem an, aus welcher Zeit sie sind. Wenn sogar ich das sehe, obwohl mir modische Trends ziemlich wurscht sind, dann kann man die wirklich nicht mehr anziehen. Einmal ganz abgesehen davon, dass sich die Gelegenheiten, bei denen ich mich in ein Sakko hüllen möchte/muss in letzter Zeit extrem in Grenzen halten.

Üblicherweise verschenke ich noch brauchbare Kleidung an Obdachlosenprojekte. Was aber soll eine obdachlose Frau mit einem Sakko dieser Art anfangen, noch dazu mit einem, das absolut unmodisch ist und dann gar noch mit einem halben Dutzend davon? Also in einen Container damit. Irgendeinen, nur keinen von Humana, die gehören Scientology und diese verbrecherischen Ausbeuter bekommen von mir nicht einmal altes G´wandl gespendet.

Unkonventionelle Kleidungsstücke und Freizeitlook sind dem Modediktat nicht so unterworfen. Da kann man anziehen, was immer einem gefällt. Nachdem ich mich ja nun in Dauerfreizeit befinde, eröffnet das durchaus Perspektiven. Ein Schwung langer Röcke bekommt noch eine Chance. Und diese vielen wunderbaren selbstgestrickten Stücke …

Bei meinen Langzeitprojekten höre ich meistens Radio und erfahre dabei die kuriosesten Dinge. Gestern habe ich gehört, dass Kaiser Josef II (Mitregent mit seiner Mutter Maria Theresia von 1765 bis 1780, dann bis 1790 Alleinregent)  die Aufführung von Theaterstücken ohne happy end verboten hatte. Damals nannte man das happy end „Wiener Ende“ und verunstaltete notgedrungen so manches Stück. Was diese Vorgabe aus Stücken wie  „Othello“ , „Hamlet“, „Romeo und Julia“ gemacht haben wird? Ich stelle mir den verzweifelten Regisseur vor, der zur Desdemona sagt „und nachdem er dich erwürgt hat, stehst du auf und singst ein Liedchen“.  Auch griechische Tragödien mit happy end waren wohl eher gruselig. Zum Beispiel könnte Ödipus erfahren, dass Iokaste nur seine Adoptivmutter war und am Ende des Stücks tanzt der Chor Walzer und Ödipus wird in Theben zum beliebtesten König aller Zeiten erklärt oder so …

Das erinnert mich an so manche gutgemeinte Aktion, bei der nicht berücksichtigt wird, dass die Betroffenen von Armut und verzweifelten Lebenssituationen nicht zwangsläufig gute Menschen sind. Bei Joseph II war es gerade umgekehrt, er war ein großer Reformator, ein aufgeklärter Herrscher, aber beim Volk sehr unbeliebt. Tja…

15 Gedanken zu “Sonntag 6.Dezember 2020 – G´wandln und ausgeblendete Tragödien

  1. Kiek an, wat’n Ding! Über diesen Joseph II. bzw. dessen Zeit habe ich mal eine Hausarbeit geschrieben; ist schon laaange laaaange her. Dass seine aufklärerischen Ambitionen auch mit dem Verordnen von Happy Endings auf der Bühne einhergehen, ist mir neu. Wahnsinn, was sich Herrscher so alles einbildeten, zu wessen wohl auch immer regeln zu müssen/dürfen/können.
    Liebe Grüße
    Ines

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich finde es auch unglaublich. Für Kunst und Literatur hatte er offenbar nichts über. Habe gerade nachgelesen, dass er auch ein sehr wildes Strafgesetz eingeführt hat, dass die Sträflinge zu schwerster Arbeit zwang auch wenn sie in Folge ohnehin hingerichtet wurden

      Gefällt 2 Personen

  2. Wiener Ende:
    Ich würd‘ als Regisseur am Ende immer den Kurzen als Deus ex Machina einfliegen lassen, damit der die Gemeuchelten im Rahmen eines Awakenings ins Leben zurückholt und aus der Tragödie noch eine Farce macht.

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  3. In deiner Beschreibung sehe ich meine eigene Bekleidungshistorie inklusive Schrankergebnis. Wenn ich doch bei den alten, edlen Schätzchen nicht immer denken würde: „Kaum hast du es weggegeben, kommt es groß in Mode …“ obwohl, was soll mir Mode?

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