9. November 2020

Heute kommt zu der allgemein wunderbar heiteren Stimmung bedingt durch Pandemie und Attentat noch der Faktor des Gedenktages an das Novemberpogrom 1938 hinzu. 82 Jahre ist das her und noch immer stehen überall auf der Welt aus gegebenem Anlass Polizei und Soldaten vor Synagogen und sonstigen jüdischen Einrichtungen. Bis vor wenigen Jahren sprach man noch in reinstem Nazijargon von der „Reichskristallnacht“. Ich werfe das niemandem vor, ich habe den eigentlich unsäglichen Begriff auch verwendet.

18 Gedanken zu “9. November 2020

      1. „unseres“, damit meinte ich tatsächlich unseren, den meine Geschwister, Mitschüler und ich genossen. Ich habe von 1948-1961 die Schule besucht, zuerst in Baracken meiner Heimatstadt, dann die Oberstufe im ehrwürdigen Gymnasium der Kreisstadt. Wir wurden mit Atlanten groß, wo Deutschland in seiner alten Größe prangte, darüber ein dicker Schriftzug: „Dreigeteilt, niemals“. Ich bin aufgewachsen in einer bleiernen Zeit des Verschweigens und Vertuschens, mit Globke u.a. als Politikmacher. Mein Bruder hatte einen SS-Mann als Geschichtslehrer. Mein Interesse für die wirkliche Geschichte war sehr früh wach, ich grub und suchte nach Kräften, aber ein Internet gab es noch nicht, nicht mal eine Buchhandlung, die mehr als Frauenzeitschriften und Groschenromane anbot.
        Wie man etwas nannte, war damals tatsächlich zweitrangig. Erstrangig war für mich, überhaupt die Wahrheit freizuschaufeln. Und das war schwierig. Bis heute ist mir rätselhaft, woher ich mein Wissen und meine klaren Urteile bezog. Ich wusste es einfach. Und als dann der Sawade-Heyde-Skandal aufflog (wer erinnert sich noch?), hatte ich endlich auch ein handfestes Indiz. Einer der führenden Euthanasie-Ärzte, der für die Ermordung einer Unzahl von Heilanstaltsinsassen und Konzentrationslagerhäftlingen verantwortlich war, war nach dem Krieg kurzzeitig in Gewahrsam genommen worden, konnte dann „entfliehen“ und begann mithilfe von Verbindungsbrüdern (Mediziner, Richter, Politiker) unter einem Pseudonym eine neue Karriere, erstellte bis 1959 etwa 7.000 „nervenärztliche“ Gutachten und wurde wohlhabend. Er flog auf, weil ein Nachbar seiner Villa sich über den Lärm der feiersüchtigen Verbindungsbrüder ärgerte. Von den Mitwissern wurde niemand verurteilt, wohl aber ein Journalist, der die Kieler Landesregierung als Mitwisser bezeichnete (was sie sicher war). Heyde wurde angeklagt, „heimtückisch, grausam und mit Überlegung mindestens 100.000 Menschen getötet zu haben“. Ankläger Fritz Bauer.

        Heyde schrieb vor seinem Selbstmord (wie praktisch!) einen 9-seitigen Abschiedsbrief, den er beendet mit „Vor Gott trete ich gefaßt und unterwerfe mich seinem Spruch. Ich habe nichts Böses gewollt, soweit ich dies als Mensch zu beurteilen vermag. Er wird entscheiden.“
        Diese und ähnliche „Affären“ haben mich geprägt, denn die Aufdeckung begann 1959, 1961 machte ich mein Abitur,begann zu studieren. Ich begriff und erfuhr es wieder und wieder, wie tief die, die uns regierten, aber auch die Medizin und die Justiz im verbrecherischen Geist der Nazizeit wurzelten, wie sie miteinander verbunden waren, sich gegenseitig stützten und halfen. Für mich hat sich daran bis heute nichts Grundsätzliches geändert. Heute nennt man Menschen, die den Finger auf solche Denkmuster und Seilschaften legen, gern Verschwörungstheoretiker. Und übergießt sie mit brauner Scheiße.
        Dies, liebe Myriade, zur Reichskristallnacht, die noch längst nicht vorbei ist. Herzliche Grüße aus dem Süden Europas.

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        1. Da habe ich das „unser“ tatsächlich missverstanden. Entschuldige. Danke für diesen interessanten Zeitzeuginnenbericht. Die Namen sind in Ö andere, aber es gab ähnliche Skandale zB mit einem KZ-„Arzt“, der noch jahrelang Gerichtsgutachten erstellte.
          Die Leute, die heute Verschwörungstheoretiker genannt werden, sind aber die, die meinen, dass Hillary Clinton in unterirdichen Höhlen Kinder foltert, Bill Gates und Britney Spears unter dem Vorwand von Corona-Impfungen gemeinsam allen Menschen Chips implantieren wollen und das Donald T ein Held ist, der die Menschheit retten will. Da kann ich keinen Zusammenhang zum Anprangern von Nazi-Verbrechen erkennen.
          Wir wollen uns darüber nicht streiten. Wir wissen ja beide, dass wir diesbezüglich auf keinen grünen Zweig kommen…
          Einen angenehmen Abend wünsche ich dir. Kann man in der Mani tatsächlich im November noch im Meer baden? Das ist aber schon außergewöhnlich in diesem Jahr, oder?

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          1. Ich will mich auch gar nicht streiten mit dir, Myriade. Doch meine ich, du hast einen allzu verqueren Begriff von „Verschwörungstheorien“. Wenn du die Diskussion verfolgen würdest, wüsstest du, dss inzwischen alle, die an dem Sinn der MaßnahmenZweifel äußern bzw sie für kontraproduktiv und gelegentlich auch für verbrecherisch halten, oder die die Transformation der Demokratie in eine „Hygiene-Diktatur fürchten, in den Genuss dieses Titels kommen. Das können gestandene Ärzte, Wissenschaftler, Juristen, Ökonomen, Psychologen sein – egal, und wehe sie äußern sich in einem der Kanäle, die „Verschwörungstheorien verbreiten“. (Andere Kanäle haben sie freilich nicht).
            Die von dir genannten Varianten (die hast die hohle Erde und die Erde als Scheibe vergessen) sind völlig absurd und offentsichtlich geeignet, alle Menschen, die sich Gedanken über die Herren dieser Welt und die Gründe und Folgen von Regierungshandeln zu machen, zu diffamieren. Es enttäuscht mich ein bisschen, dass auch du auch zu diesem Mittel greifst.
            Es gibt inzwischen etliche zusammenfassende Darstellungen, was im Laufe der Jahrhunderte als Verschwörungstheorie galt. Es ist interessant, sich da einzulesen. ZB wurden die „Whistleblower“, die behaupteten, dass im „Deutschen Reich“ Juden systematisch umgebracht werden , als Verschwörungstheoretiker lächerlich gemacht. Dummes Zeug, dass sich die Juden ausdachten, um Visen für die USA zu erhalten. Keiner wollte es glauben. Und 1945 rieben sich dann alle die Augen.

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            1. Wir waren doch bei Anti-Semitismus und Nazizeiten. Mit der Wendung zu „Coronamaßnahmen“ hast du mich überrumpelt 😉 Entschuldige Ich mag einfach nicht schriftlich darüber diskutieren.
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              Nur einen Gedanken dazu: es mag ja sein, dass einige der auf obskuren Kanälen auftretenden Personen durchaus auch vernünftige Dinge äußern, was mich aber immer wieder wundert, ist, dass Menschen, die den Regierungen die wüstesten Dinge unterstellen ( Diktaturbestrebungen etc) niemals an dem zweifeln, was von nicht-anerkannten (Pseudo)wissenschaftlern und Gurus diverser mehr oder weniger seltsamer Heilstheorien gesagt wird. Weder die Inhalte noch die Motivation werden bezweifelt. Einfach dadurch, nicht zu Regierungen und offiziellen Stellen zu gehören, qualifiziert schon? Menschen, die nicht die geringste Ahnung von Medizin, Virologie, Mikrobiologie, Pharmazeutik haben, nicken zustimmend, wenn jemand über Dinge spricht, die sie gar nicht beurteilen können.
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              Natürlich trifft das auch auf die Maßnahmen der Regierungen zu, keine Frage. Aber es leuchtet mir wirklich nicht ein, wieso alles was von offiziellen Stellen kommt immer zweifelhaft ist, das Hinterfragen der Kompetenz und Motivation der „Inoffiziellen“ aber nicht stattfindet.
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              Und – entschuldige, dass ich das so schnörkellos sage – ich finde es kindisch und unreflektiert reflexartig alles, was von Autoritäten jeglicher Art kommt abzulehnen mit Betonung auf reflexartig. Natürlich ist es sinnvoll und wichtig Dinge zu hinterfragen!! Aber mit dem Stil eines rebellischen Halbwüchsigen, dem es nicht um Inhalte geht sondern nur um das Dagegensein ?
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              Mich irritiert die Verknüpfung von Freiheit mit Maßnahmen zur Eindämmung einer Seuche. Freiheit ist doch nicht dadurch definiert, dass man staatliche Maßnahmen, egal wie vernünftig sie sein mögen, egal ob es sich zB um den Schutz vor Ansteckung handelt prinzipiell ablehnt. Gut, natürlich kann man auch AnhängerIn der Anarchie sein, dann dürfte man aber keinerlei staatliche Einrichtungen in Anspruch nehmen.
              Sicher ist jeder frei sich anzustecken, krank zu werden, zu sterben. Aber ist auch jeder frei dann aufgrund seiner selbstverschuldeten Erkrankung Intensivbehandlung in den Spitälern zu beanspruchen und dazu beizutragen, dass andere nicht behandelt werden können ? Ist auch jeder frei andere anzustecken, die das nicht wollen? Dass fällt für mich nicht in den Bereich der individuellen Freiheit sondern in jenen der Rücksichtslosigkeit. und des Asozialen.
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              Natürlich gibt es Verschwörungstheoretiker, die diesen Namen verdienen und andere, die zB innerhalb von Diktaturen Wahres verbreiten und dafür im Extremfall hingerichtet werden, diese Menschen meine ich nicht, wenn ich von Verschwörungstheoretikern spreche.
              Das ist jetzt ganz lang geworden obwohl ich mich zu dem Thema ja gar nicht äußern will 🙂 Daher bitte ich um Entschuldigung, wenn ich mich in weiterer Folge dazu nicht mehr äußere, zumindest nicht so ausführlich.

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                1. Ja, Gerda, so sehe ich das auch. Sparen wir das Thema einfach aus. Vielleicht ergibt sich irgendwann eine Brücke und wenn nicht, ist das auch kein Grund für kriegerische Auseinandersetzungen. Man muss nicht in allem und jedem einer Meinung sein und kann sich doch in anderen Bereichen gut verstehen.

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  1. Aus der Hoffnung, die Menschen hätten etwas gelernt und solche rassistischen Gewalttaten seien heute nicht mehr vorstellbar, ist leider nichts geworden, es scheint eher, dass der braune Pöbel wieder auftrumpft. Es ist so deprimierend …

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        1. Wenn man aber genau hinsiehst, muss man feststellen, dass es nie eine Zeit gab, in der die Mehrheit der Menschen über diese Tugenden verfügte. Wann sollte das gewesen sein? und dass es andererseits bei den Jungen diese Tugenden durchaus gibt, nur leben sie sie unter anderen Gesichtspunkten und Bedingungen

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