Mittwoch, 30. September 2020

Über Psychotherapien denke ich nach. Mir kommt vor, dass nach Meinung ihrer Klienten, viele Therapeuten, ebenso wie die Lehrer*innen übrigens, an praktisch allem schuld sind, was ihren Klienten so widerfährt, teilweise sogar an den Dingen, die ihnen widerfuhren  lange bevor die Therapeuten in ihrem Leben auftauchten.  Vielleicht bin ich da etwas übersensibilisiert, weil ja Lehrer*innen auch an praktisch allem schuld sein sollen, nicht nur im schulischen sondern auch im allgemein gesellschaftlichen Bereich. Das ist ein Thema im Schulbetrieb, das ich nicht in absehbarer Zeit loslassen sondern weiterverfolgen werde.

Aber zurück zu den Therapeuten. Sehr zentral scheint mir das Thema der Abgrenzung. Es herrscht der Ansatz vor, dass sich Ärzte und Therapeuten abgrenzen müssen vom Leiden der Patienten bzw Klienten. Dass es schlichtweg nicht  zu ertragen ist, mit Dutzenden, mit Hunderten Menschen mitzuleiden. Die Abgrenzung dient der Psychohygiene der Ärzte und Therapeuten, dient letztlich aber auch jenen, die Hilfe und Unterstützung brauchen. Niemand hat unendlich viel zu geben, jede/r muss seine eigenen Batterien immer wieder aufladen. Das kommt mir vernünftig und ausgewogen vor.

Kürzlich sprach ich mit einem buddhistisch orientierten Arzt über das Thema der Abgrenzung in medizinischen und helfenden Berufen. Er vertrat die Theorie, dass Mitgefühl keine Grenzen kennen dürfe, dass man sich keineswegs abgrenzen dürfe vom Leiden anderer, sondern sich vielmehr voll auf alle Mitmenschen einlassen müsse. Sagt er, tatsächlich ist er selbst ein höchst empathieloser, unfreundlicher, selbstherrlicher Mensch und der Graben, der zwischen seiner Selbsteinschätzung und der allgemein vorherrschenden Fremdeinschätzung liegt, ist sehr tief.

Es ist auch sehr schwierig, das eigene Glück im Auge zu behalten und sich gleichzeitig auf das Leid anderer einzulassen.

25 Gedanken zu “Mittwoch, 30. September 2020

  1. Wahrscheinlich kann er das nur so behaupten, weil er denkt, dass er es selber vorlebt. Solche Fehleinschätzungen entstehen oft, weil Menschen zu allererst sich selbst und ihr Verhalten falsch wahrnehmen und für einen Maßstab halten, der sie einfach nicht sind, weil sie das, was sie propagieren, selber gar nicht auf die Reihe bekommen. Ich habe in Person meines Ex-Partners ein prima Beispiel vor der Nase. Bei ihm ist es das Thema nachhaltig leben. Er predigt das ständig, aber wer sich sein eigenes Verhalten etwas genauer anschaut, merkt schnell, dass da ein riesiger Graben klafft. Ich glaube, sich das Leid und die Probleme aller Menschen zu Herzen zu nehmen und sich überhaupt nicht abzugrenzen, kann eine Person zwar kurzfristig zu einer*m tollen Therapeut*in machen, aber die Ressourcen dieser Person sind dann sehr schnell aufgebraucht und dann funktioniert er oder sie nicht mehr und kann den Anderen nicht mehr helfen. Insofern halte ich eine gewisse Abgrenzung für wichtig, um sich selbst vor dem Ausbrennen zu bewahren und die eigene Fähigkeit zu erhalten, Anderen gut zu tun.

    Gefällt 3 Personen

  2. Ich denke in diesem Beruf Emphatie mitzubringen ist sehr hilfreich.
    Aber anders herum lernen sie auch wie sie sich innerlich distanzieren um all den Ballast nicht mit sich herum zutragen. Wobei es bestimmt nicht in jedem Fall möglich sein wird. Dies gilt aber auch in vielen anderen Berufen. Denk nur einmal an die Feuerwehr, Polizei, Sterbebegleiter, usw…
    Da braucht es schon eine stabile Seele.

    Gefällt 3 Personen

  3. Was ich in diesen Berufen oder auch in meinem Beruf wichtig finde, ist eine handlungsoriebtierte Empathie, also sehen, fühlen, behutsam rausbekommen was das Gegenüber braucht(und nicht dem Regelwerk nach zu brauchen hat) und einen Weg finden, es zu ermöglichen, auch wenn er u.U. unüblich sein sollte.
    Die Distanz und damit auch den Überblick zu verlieren ist in diesen Berufen nicht nur für einen selbst, sondern auch für die Klienten schlecht. Viele suchen ja gerade deswegen professionelle Hilfe, weil ihre Liebsten zu verstrickt sind, um wirkliche Lösungen zu finden.

    Gefällt 5 Personen

  4. An allem Schuld ist die Mutter (und Lehrerin, Therapeutin nur, wenn sie Mutter sind) 😉
    Aber zum Thema: Was heißt Mitleiden? Dasselbe empfinden wie der Klient? Sicher nicht. Es heißt, das Leiden wahrnehmen, ernstnehmen. Die Abgrenzung besteht vor allem darin, sich am Ende der Therapiestunde von dem Klienten zu verabschieden, in jeder Hinsicht. Und zu vergessen. Bis zum nächsten Mal.

    Gefällt 6 Personen

  5. Die Frage, in wieweit Schule/Lehrerinnen an „allem“ Schuld sind, scheint ewig. Aber ob man das verlässlich untersuchen kann?
    Wir Menschen neigen doch sehr dazu, uns selbst auf die Schulter zu klopfen, wenn etwas gut läuft, und sobald was schiefgeht, einen Sündenbock zu suchen.
    Aus der Sicht der „Schuldhaber“ muss ich sagen, dass ich oft gefühlt habe, tatsächlich großen Einfluss auf das weitere Leben „meiner“ Kinder zu haben, aber mich genauso häufig machtlos gefühlt habe.
    Und gerade Kolleginnen, die sich nicht so engagieren wollten, neigten zu der Selbstberuhigung, man könne ja letztlich sowieso nichts ändern.
    Ich glaube, je jünger die Erzogenen sind, um so mächtiger sind die Erzieher – und darum so nötig ist Verantwortungsbewusstsein.
    Im therapeutischen Kontext kenne ich mich wenig aus, dazu haben hier Kundigere schon kommentiert.

    Gefällt 2 Personen

    1. Mir gefiel einst ein Buch über zufällige therapeutische Interventionen. Also zufällige positive Einflußnahmen von Dritten. Das kann ein Satz, ein Hinweis sein, von einem Gespür, daß das hilfreich sein könnte. Und oft istr es das, wenn es haargenau den Punkt trifft.

      Selbstverständlich haben Eltern ihre eigene Geschichte. Meine Mutter und mein Vater waren schwierig, vermutlich auch durch die Zeit, durch die sie gehen mussten.
      Und es ist einfach so, daß viele Kinder einfach irgendwann Probleme bekommen, egal wie das Elternhaus war. Vielleicht kommt es zur Krise erst im Erwachsenenalter.
      Leben ist nicht einfach und unbeschadet psychisch durchkommen auch nicht immer gewährleistet.

      Es gab früher auch Schläger unter den Lehrern, selbst einen erlebt, der mir das Ohr einriss. Also das gab es auch.

      Gefällt 2 Personen

  6. Es ist eine Gratwanderung. Mit t!

    Mit einem Bild gesagt: um einen Ertrinkenden zu retten, muß ich ins Wasser. Ich darf mich aber nicht von ihm unter Wasser ziehen lassen. Und es ist oft hilfreich, eine gute Verbindung zu einem Fixpunkt außerhalb des Wassers zu haben.

    Gefällt 4 Personen

  7. Ich finde ja Therapien wichtig – und empathische Therapeut*innen sind für mich ein MUSS. Sie müssen sich einfühlen können, was soll es sonst bringen? Das heißt natürlich nicht, dass sie mit den Klienten „mit leiden“ sollten. Das ist sicherlich eine Gratwanderung, das sehe ich wie Wolfram.

    Gefällt 3 Personen

  8. Ein großes Thema, liebe Myriade.
    Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass eine Therapeutin, die an unseren Erfahrungen leidet uns nicht helfen kann, eine, die sich nicht einfühlen kann ebenso wenig. Es geht darum, das Leid wahrzunehmen aber nicht in die Überheblichkeit zu verfallen, zu glauben es auflösen zu können! Es ist in Therapie nur möglich mit der Klientin/dem Klienten ihren bzw. seinen Weg zu finden das Problem zu lösen, den Schmerz zu transformieren. Es geht darum, den Kilient*innen zu vertrauen, dass sie diesen Weg finden werden, den selbst beste Therapeut*innen niemals kennen können. Sie können Techniken vermitteln, begleiten, und durch ihr Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der Klient*innen Mut machen diesen Weg zu gehen. Wichtig ist, das Problem des Gegenübers nicht zum eigenen zu machen, sondern dort zu lassen und der Person zu vertrauen, dass sie ihren Weg finden wird und das Fingerspitzengefühl zu besitzen, diesen Weg mit den Klient*innen zu finden, aus dem Inneren verborgenen, wo es ja vorhanden ist, zu entdecken. Wir denken, dass Erziehung als Eltern ähnlich laufen sollte. Pädagogik ist je nach Altersstufe vielleicht auch ähnlich? Da kennen wir uns aber nicht so gut aus.
    Herzliche Grüße
    „Benita“

    Gefällt 4 Personen

  9. Die Schuld bei anderen zu suchen ist zutiefst menschlich und dient vornehmlich der Entlastung. Es kann äußerst schmerzhaft sein sich seiner Fehler bewusst zu werden. Eine persönliche Weiterentwicklung ist allerdings nur möglich wenn man lernt eigene Fehler zu erkennen. Viele Menschen bleiben leider im Strudel der Schuldzuweisungen hängen. Grenzenloses Mitgefühl ist nur was für Heilige. Zu denen gehöre ich leider nicht. Nach meiner Erfahrung ist Verlässlichkeit und Transparenz von Helfenden zielführender.

    Gefällt 1 Person

  10. Die Fähigkeit, mitzuleiden, macht uns zu Menschen. Was ist Abgrenzen? Wer zum Beispiel sind „toxische“ Menschen? Machen wir es uns da nicht jedes Mal zu leicht? Ich kann natürlich nicht jedem Menschen um mich herum ein Ohr leihen, ein Essen ausgeben und mit Rat und Tat zur Seite stehen. Aber ich kann es immer wieder. Wir helfen niemandem weiter, den wir sich bei uns einnisten lassen. Andererseits können wir Menschen über eine Krise helfen, wenn wir eine Weile für sie da sind. Das ist ein Balance-Akt zwischen Mitleid und gleichzeitigem Respekt. Denn auch ein/e Alkoholiker/in zum Beispiel, dem/der ich helfe, verdient meine Hilfe, selbst wenn er oder sie weiter trinkt.Als Helfende oder Mitleidende bin ich moralisch nicht besser. Wenn ich das verstehe, und die Tatsache, dass ich mein Mitleiden oder auch meine Liebe gar nicht ausschöpfen kann, wenn ich damit großzügig umgehe (d.h. wenn ich auch mir immer wieder eine dicke Portion zukommen lasse), bleibe ich vermutlich auf einem gangbaren Weg. Die Schuldfrage ist – wie in den meisten Fällen – überflüssig. Es geht um Verantwortung. Und die hat jede/r in erster Linie für sich selbst.

    Gefällt 1 Person

        1. Dass das Mitgefühl kein eigenes Leiden ist. Es geht um Verständnis, Toleranz, Freundlichkeit, Liebe, Unterstützung, aber nicht um Überwältigung durch das Leid anderer. Das hilft ja auch niemandem

          Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s