53. Station der Literaturweltreise – Südkorea

                                              Meine Literaturweltreise

Ein ungewöhnliches Buch. Ein sehr ungewöhnliches Buch. Es ist die Geschichte einer Frau, die beschließt kein Fleisch mehr zu essen, was ungeahnte Konsequenzen hat. Gerne wird der erste Satz dieses Romans zitiert. „Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar“. Ein genialer erster Satz, der den Auftakt für einen bemerkenswerten Roman bildet.

Warum die Hauptfigur kein Fleisch mehr isst, bleibt für ihren Ehemann unverständlich, aber wir Leserinnen erfahren es durch Einschübe in den Text, in denen die Protagonistin in der Ich-Form erzählt. Was ich übrigens für ein sehr brauchbares Stilmittel zur Ergänzung des auktorialen Erzählens halte. Abgesehen davon, dass sie keine tierischen Produkte mehr isst, trägt sie auch keinen BH mehr, was auch als kaum verzeihlicher Verstoß gegen die gesellschaftlichen Konventionen betrachtet wird.

Wegen der totalen Veränderung in ihrer Ernährung nimmt die Protagonistin extrem ab wodurch ihr neuer Lebensstil auch für andere sichtbar wird und das Unglück nimmt seinen Lauf. Weitere wichtige Personen dieser Geschichte sind neben dem Ehemann die Schwester und der Schwager der Hauptfigur. Aus der Sicht dieser drei, aber in auktorialer Form wird die Geschichte erzählt und der Roman dadurch in drei Teile geteilt. Im ersten ist die Perspektive die des Ehemanns mit Einschüben in Ich-Form, in denen die Protagonistin erzählt. Der zweite Teil berichtet über den Schwager, der Künstler ist und seine ganz eigene Sicht auf die Protagonistin hat, über deren Innenleben wir nun nichts mehr erfahren. Der dritte Teil schließlich ist aus der Sicht der Schwester geschrieben. Bei der Lektüre dieses Teils war ich mir nicht sicher, ob es sich um die Beschreibung psychischer Krankheit oder um einen Einbruch des Surrealen in den Text handelt.

Die Personen stehen wohl für recht typische Vertreter der südkoreanischen Gesellschaft. Der Ehemann, ein unendlich konventioneller, langweiliger Mann; wobei konventionell die absolute Hingabe an den Beruf einschließt. Er arbeitet  von frühmorgens bis spätabends und das Nachhausekommen um Mitternacht an vielen Tagen hintereinander wird nicht als ungewöhnlich empfunden. Wirklich schockiert hat mich die Szene in der der Ehemann bei seiner Firma anruft und sagt, dass er zwei Stunden später kommt, weil er seine Frau ins Krankenhaus bringen muss und dann bemerkt, dass es ungemein großzügig sei, dass diese zwei Stunden nicht als Grund für eine Kündigung genommen werden, was durchaus möglich und nicht ungewöhnlich wäre. Der Schwager, ein Videokünstler, der sich wegen eines körperlichen Merkmals in obsessiver Weise von seiner Schwägerin sexuell angezogen fühlt. Schließlich die Schwester, die durch das Betreiben eines Schönheitssalons die Familie ernährt und ohne nennenswerten Beitrag ihres Manns den Haushalt und die Betreuung des gemeinsamen Kindes übernimmt. In weiterer Folge übernimmt sie auch die Betreuung der Protagonistin bevor und nachdem diese in ein psychiatrisches Krankenhaus eingeliefert wurde.

Nicht nur eine gut geschriebene, interessante Geschichte sondern auch ein Einblick in die südkoreanische Gesellschaft.

5 Gedanken zu “53. Station der Literaturweltreise – Südkorea

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