ABC-Etüden – Gedanken-Vögel

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Ludwig Zeidler

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Eigentlich wollte ich diesen Text in der Ich-Form schreiben, das hätte ihn theoretisch eindringlicher gemacht, praktisch aber ohne innere Logik. Nicht erst beim letzten Satz hätte man sich gefragt, wessen Gedanken da von wem präsentiert werden.

Die Ich-Erzähler versus auktoriale Position beschäftigt mich nach wie vor

Die Vögel waren alle verschieden, in Farben und Größen auch ihre Stimmen unterschieden sie. Sie hatten verschiedene Augen und Schnäbel und verschieden lange … Dingsbums, Finger, Faden, finden, nein Federn, ganz verschiedene Federn.

Bis vor kurzem konnte sie die Vögel noch manchmal fassen, die Erinnerung, den Gedanken, die Idee, die die Fliegenden mit sich trugen. Sie konnte kurz den Eindruck haben, über Erinnerungen und Gedanken zu verfügen, sich anderen Menschen verständlich machen zu können. Doch nun wurde das Geflatter immer hektischer und wirrer. Immer schneller flogen die Gedanken nun weg. Mancher Vogel war schwer zu fassen und schwer zu verstehen gewesen, blieb nicht lange bei ihr und nahm seinen Gedanken mit sich. Nun aber waren manche einfach verschwunden, verschollen, vergraben. Die Auswahl und Anzahl der Vögel in ihrem Kopf, die sie noch wenigstens für kurze Zeit fassen konnte, wurde immer kleiner.   

Bis vor kurzem waren manche Momente so klar, dass ihr bewusst wurde, wie wenige Vögel es noch gab, die sie manchmal fing aber oft auch dann nicht mehr verstehen konnte. Das waren ihre besten Momente, auch die verzweifeltsten.

Die Welt um sie herum war erst unverständlich geworden, dann ganz verschwunden. Nur manchmal drangen Farben und Bewegungen zu ihr durch. Geräusche konnte sie noch manchmal richtig verstehen, wenn die Vögel nicht zu wild waren und Berührungen konnte sie fühlen.

„Schau wie engelhaft sie lächelt“ sagte der Pfleger

39 Gedanken zu “ABC-Etüden – Gedanken-Vögel

  1. Also ich hänge noch immer in Deiner Geschichte, die mich echt gepackt hat (wahrscheinlich weil das Thema Demenz – wegen einer jahrzehntelangen Freundin, die so langsam verschwindet – mich derzeit sehr beschäftigt) und ich auch schon den Gedanken hatte, ob man irgendwann sie – die Freundin – in einen lächelnden Zustand hinübergleiten sieht…. Jetzt ist es noch eine Qual – oft für beide Seiten – sie hält noch fest, verbirgt, kämpft und ich ringe mit meiner Hilflosigkeit.

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    1. Für die Betroffenen ist das die härteste Phase: wenn sie noch merken, wie ihre Fähigkeiten verschwinden. Für die „Zuseher“ ist glaube ich jede Phase gleich schlimm. Solange es ein lächelnder Zustand ist, ist das noch viel besser als ein depressiver, verzweifelter

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  2. Dieser Text begeistert mich sehr. Das Bild der Vögel zu wählen nimmt komplett das Pathos aus der Situation, das sonst fast unvermeidbar scheint.
    Dich ich-Form wäre gerade bei diesem Thema unglaubwürdig, denn der Text würde ein Vermögen repräsentieren, über das der/die ErzählerIn nicht mehr verfügt, was hier ja gerade thematisiert wird. Deine Entscheidung halte ich hier für die einzig Mögliche.
    Sehr stark fühle ich mich erinnert an „Elisabeth wird vermisst“. Da wird allerdings in der ich-Form sehr stimmig geschrieben, aber die Autorin bleibt immer im Moment und wechselt mit der Protagonistin die sich wandelnden Fähigkeiten. Dein Text ist aber reflektierter, darum ganz anders.

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          1. Ich bin für solche Hinweise immer dankbar, aber ich sehe es einfach nicht.
            Da steht doch „Eigentlich wollte ich diesen Text in der Ich-Form schreiben“. Vielleicht gab es eine frühere Version, die du siehst und die ich dann aber verbessert habe. Daran kann ich mich allerdings nicht erinnern. Oje, das werden doch nicht die ersten Anzeichen sein 😉

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    1. Hier nochmal etwas zum „Reflektierten“:
      Bis vor kurzem konnte sie die Vögel noch manchmal fassen, die Erinnerung, den Gedanken, die Idee, die die Fliegenden mit sich trugen.
      Dein Erzähler weiß Dinge, die deine Protagonistin im Moment schon nicht mehr weiß. Daher rührt seine Authentizität aus seiner auktorialen Allwissenheit, nicht aus einem inneren Monolog.

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    2. Vielen Dank für die Gedanken dazu.
      Dieses Vogelbild ist daraus entstanden, dass ich von einer Frau gelesen habe, die im ersten Anfangsstadium von Alzheimer noch sehr gut über ihre Krankheit sprechen konnte und die schrieb, dass sie oft den Eindruck hätte, dass ihre Gedanken im Kopf herumwirbeln und sie keinen zu fassen bekommt.
      „Elisabeth wird vermisst“ hat mir sehr imponiert. Ein Erstlingsroman von einer noch ziemlich jungen Frau und so ein Einfühlungsvermögen in die Situation. Wobei man ja immer nur vermuten kann, dass die Betroffene die Dinge tatsächlich so sieht.

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  3. Puuh … auch wenn man Verdachtsmomente während des Lesens der Geschichte hat – ein Ende wie gehabt erwarte ich mir eher bei alicens Krimis – die Hoffnung stirbt zuletzt … 😉 Aber gut zu wissen, daß es Pfleger mit sensitiver Gefühlslage gibt, die nicht bloß einen Job machen. Hoffentlich erwische ich auch einen solchen. Obwohl…
    Die übergeordnete Erzählform, die das ‚Subjekt‘ nicht verwaltet, sondern journalistisch beschreibt, halte ich für eine gute und finde sie sympathisch – hier. Daß die Ich-Form bei längeren Texten glaubwürdiger erscheint und in dieser Geschichte die auktoriale, wäre denkbar – ich glaube, es kommt letztlich auf das Vermögen des Autors und/oder den Tiefgang des Erzählstiles an, welcher einem Leser die beschriebenen Momente näher oder bloß nahe bringt.
    Den an sich logischen Einwurf von Ule Rolff, die Person ‚könne nicht wissen‘, der sich in unserer Wahrnehmung aufdrängt, halte ich für nicht erwiesen – WIR können nicht wissen, was die Person der Geschichte weiß bzw wie sie ihre Situation tatsächlich versteht – denn nur, weil sie die wirbelnden Gedanken, die sie erzählterweise hat, nicht fassen und sie ihrer Umgebung allein aus diesem Grunde nicht mitteilen kann, heißt das nicht zwingend, daß sie deren Bedeutung für sie selbst nicht erkennt. So ergeht es zB Betroffenen mit Asperger-Syndrom ebenfalls, die sich in ungestreßten Momenten erklären können und keineswegs dement sind – allenfalls noch nicht … 😉

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    1. Zu deinen Überlegungen bezüglich empfindsamer Pfleger in der Zukunft sage ich jetzt einmal gar nix 😉
      Ja, man weiß ja schon nicht wirklich, was im Kopf „normaler“ Menschen vorgeht, wie soll man es da bei Menschen mit Demenzerkrankung oder Asperger-Syndrom und und und wissen. Eine gewisse Annäherung, Phänomene, die bei allen Betroffenen gleich oder zumindest ähnlich sind, aber mehr nicht.
      Vom schreibtechnischen her finde ich Ules Standpunkt auch sehr logisch und das war auch für mich der Grund die Ich-form nicht zu benützen, obwohl ich das sehr gerne tue.
      Herzliche Grüße in den grünen Innenhof 🙂

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      1. Danke für deine vorsichtige Formulierung ‚in Zukunft‘ – doch er scheint nett zu sein. Eben verabschiedete er sich mit einem Wangenküßchen und zog sich zurück, nachdem er mir das Tonband mit der Gute-Nacht-Geschichte in den Kassettenrekorder eingelegt hatte.
        Ules Gedankengänge fand und finde ich ebenfalls anregend sowie zielführend gleichermaßen – so gelingt es mir eher, meine eigenen Widersprüchlichkeiten zu formulieren und mich zu artikulieren: ich kann die kreuz und quer einherflatternden Vögel so besser erkennen und ihre Namen nennen !
        Dem grünen Hof werde ich deine Grüße gerne ausrichten – von oben halt. Er beginnt sich ohne meine ständige Nachhilfe bereits zu verändern … das Dornröschen ist halb eingebrochen, weil es niemand nach den Regengüssen abgeschüttelt bzw abgestützt hat, die fast mannshohen Herbstgelb-Lilien sind großteils umgefallen aus dem gleichen Grund und der Bambus liegt flach auf dem Boden herum… eine Freude ist es nicht, bloß eine Entscheidung – in etwa 14 Tagen wird die hochoriginelle Bank ihren Standort nach NÖ verlegen und der Müll wird an ihrer Stelle wiederauferstehen. Mein neuer Hofgarten wird kleiner sein, doch werden ihn offenere Menschen durchwandern im Wortsinn, zu Fuß oder auch mit dem Fahrrad und dieser Gedanke läßt zu, daß ich ruhig halte angesichts des provozierten, redundanten Zerfalls…

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        1. Ziehst du um oder nur die Bank? Na jedenfalls muss es ziemlich frustrierend sein, die eigenen Kreationen vergammeln zu sehen. Und ein grüner Hof, der gar nicht mehr betreut wird, sieht nach dem vielen Regen, den wir hatten wahrscheinlich ziemlich traurig aus …

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  4. Erstmals zieht nur die Bank um. War es Heller, der vom Hosenträgereffekt sprach ? Je weiter weg, umso heftiger wird der Rückzug nach Wien 😉
    M macht Schadensbegrenzung, wo es geht. Aber sie ist bloß einen Tag/Woche hier … und vorgestern hab ich alle Erdbeeren gefressen und die bereits reifen Lampionfrüchte.
    Beim nächsten Besuch im Domizil nehme ich bereits Gartenschere und Schauferl mit und umgekehrt ein paar Brennesseln 😉

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      1. Ja. Und vor dem ZumDüngerWerden sind sie Nahrung für Schmetterlinge bzw deren Raupen wie zB dem Kleinen Fuchs, dem Admiral und dem Tagpfauenauge – im Waldviertel hatte ich jede Menge davon und Dutzende überwinterten auf dem Dachboden jedes Jahr, da waren ganze Marinen vertreten … hier hab‘ ich leider noch keinen jener 3 prächtigen Falter gesehen, doch auch Nachtschwärmer, die Beute des hier in der Nähe nistenden Fledermauspärchens, mögen sie…

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