Nummer 28 der Bücherchallenge

Nr. 28

EIN HELD /EINE HELDIN, DIE DEIN HERZ BERÜHRT HAT

Unter den literarische Figuren bzw den in der Literatur beschriebenen Figuren und auch den selbst schreibenden Menschen, die mein Herz berührt haben, sticht eine immer wieder hervor. Dieses junge Mädchen im Teenageralter, das mit ihrem Tagebuch ein Mahnmal gesetzt hat. Dieses kluge und begabte Kind, das keine Chance hatte, lange genug zu leben um erwachsen zu werden und ihre Anlagen zu entwickeln. Opfer einer Diktatur, deren führende Köpfe und verhetzte Massen sich aufgrund einer wirren Herrenrassen-Ideologie anmaßten, über Leben und Tod anderer zu entscheiden.

Anne Frank hat ein Tagebuch geschrieben, das durch reinen Zufall erhalten blieb. Als die SS das Versteck der Familie Frank und vier weiterer Menschen stürmte und alle auf den Weg ins KZ brachte, interessierten sie sich nicht für Bücher und Papier. Es ist das Tagebuch eines notgedrungen sehr reifen jungen Mädchens, das sich aber auch mit den typischen Themen von Mädchen ihres Alters beschäftigt. Und es ist ein sehr gut geschriebenes persönliches Zeitdokument. Wer es nicht gelesen hat, hat etwas versäumt.

Anne schrieb ihr Tagebuch an eine fiktive Person namens Kitty:

„Stell dir vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman vom „Hinterhaus“ veröffentlichen würde. Bei dem Titel allerdings würden sich die Menschen denken, es handelt sich um einen Detektiv-Roman. Aber nun im Ernst, wird es nicht Jahre nach dem Krieg, vielleicht nach zehn Jahren, unglaublich erscheinen, wenn wir erzählen , wie wir Juden hier gelebt, gesprochen, gegessen haben?“

Es wäre schön, wenn es heute unglaublich erscheinen würde. Wie könnte es aber gelingen, die aktuell noch oder wieder existierenden menschenverachtenden Regime zu ignorieren?

Das zweite kleine Buch, folgt den Spuren Anne Franks und der anderen Menschen, die im gleichen Versteck lebten. Es beschreibt aus der Sicht der Augenzeugen, die Verhaftung der Gruppe Menschen, die Jahre im „Hinterhaus“, in Amsterdam versteckt lebten. Dieses Hinterhaus gehörte zu der Firma von Anne Franks Vater. Der Autor hat auch in den verschiedenen KZs, durch die Anne Frank getrieben wurde, recherchiert. Er hat Menschen befragt, die Anne in den Lagern gekannt haben und er hat Menschen befragt, die rund um die Lager lebten und von denen viele behaupteten nichts von den KZs gewusst zu haben. Wenn man aber die Schilderungen jener Menschen hört, die erzählen, dass sie natürlich wussten, was in den Lagern vorging, allein der Geruch der Krematorien und der aufgeschichteten Leichenberge war allgegenwärtig, dann ist es wohl nicht möglich, nichts gewusst zu haben. Obwohl der menschliche Geist stark ist im Verdrängen.  Das Buch wurde 1958 zum ersten Mal veröffentlicht. Man kann in 13 Jahren viel verdrängen …

Ich habe für diesen Beitrag Stunden gebraucht, weil ich der Versuchung des Lesens sowohl des Tagebuchs als auch des Recherche-Buchs nicht widerstehen konnte. Falls jemand nach einer Möglichkeit sucht bei 36 Grad im Schatten zu frösteln, so kann ich diese Lektüre empfehlen.

Vielen Dank  an Ulrike von Blaupause7, von der die Aufgaben für diese Challenge stammen und die auch eine Teilnehmerliste führt

13 Gedanken zu “Nummer 28 der Bücherchallenge

  1. Das Tagebuch ist ein wunderbares Buch, dass wir auch bereits öfter gelesen haben.
    Zum zweiten Buch, das ich nicht kenne, denken wir nicht, dass das Verdrängen erst 1945 eingesetzt hat. Wir sind sogar überzeugt, dass es ein Überlebensmuster war, den Geruch abzuspalten und auch alles was ganz leicht wahrzunehmen gewesen wäre. Ich möchte niemanden verteidigen, nichts läge mir ferner, aber leider weiß ich zuviel von Trauma. In der Nachbarschaft eines KZ zu leben und sich selbst auch dadurch bedroht zu fühlen und es eigentlich nicht ertragen was geschieht und eben kein/e Held/in zu sein, …. Wir wollen nicht in der Situation sein, wirklich nicht. Und dreizehn Jahre danach sind zu früh sich all diesen Wahnsinn, auch die Mitschuld und das Grauen einzugestehen. Es wundert uns nicht, dass niemand etwas „wusste“. So grausam und erschreckend das klingt.

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    1. Hmmm, das ist ein sehr interessanter Gedanke, dass das Vergessen auf Traumata zurückzuführen ist…… Das würde auch erklären, dass Menschen mit derartiger Überzeugung behaupten, sie hätten von nichts gewusst

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      1. Naja, manche sind mutig genug hinzusehen trotz Trauma, andere eben nicht. Die müssen an dieser verschobenen Wahrnehmung bis an ihr Lebensende festhalten und reagieren abwehrend und aggressiv auf bedrängende Fragen. Es geht scheinbar gut, sich die eigene Wahrheit zusammen zu lügen.

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          1. Ja, aber haben sie es zugegeben? Kam das nicht dadurch heraus, dass Opfer mehr Gehör fanden und historische Quellen zugänglich wurden? …… Hier in NÖ ist noch kein Gewitter mit Hagel, sondern nur ein recht gemütlicher Sommerregen. Mal sehen was die Nacht noch bringt. Donnern tut’s schon ordentlich. 😁

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    1. Ich finde es besonders eindrucksvoll, weil es zeitlich noch so nah an den Geschehnissen ist und der Autor sich offenbar große Mühe gegeben hat, Menschen zu finden, die Anne Frank gekannt haben und über die Zustände in den verschiedenen KZs Bescheid wussten.

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