Ja- Nein ……. geht es – geht es nicht ……. will ich – will ich nicht

Man stelle sich vor: ein großes, schön gestaltetes Meditationszentrum in einer breiten, offenen Straße, umgeben von Wiener Innenstadt. Zweimal in der Woche open-house zur Meditation. Vielfältige Seminare rund um den Buddhismus finden dort statt, von allgemeiner Philosophie über speziellere Themen bis zur Vajrayana-Gruppe  Es gibt auch verschiedene Kunstprogramme, weil der Gründer der Linie sehr kunstinteressiert war, daher wird von Ikebana bis kontemplativer Fotografie (Miksang) vieles praktiziert. Nicht wenige der Menschen, die in engerem oder weiterem Verhältnis zu dieser Organisation stehen, sind mir sehr lieb und wert und ich habe den Kontakt zu ihnen nie abbrechen lassen. Viele gehören der Organisation nicht mehr an, aber auch darunter gibt es Menschen mit denen ich nach wie vor Freundschaften pflege.

Worin besteht also das Problem? Darin, dass es sich um tibetischen Buddhismus handelt, das heißt, dass der „Linienhalter“, also gewissermaßen der Chef der Organisation von großer Bedeutung ist. Und der derzeitige Linienhalter ist ein Mensch, der – wie vor wenigen Jahren publik wurde – ein höchst dekadentes Leben führt und sich von der Organisation dabei finanzieren lässt. Als sich herausgestellt hat, dass es zu sexueller Belästigung unter Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen gekommen ist und der von seiner Lehrtätigkeit zurückgetretene Linienhalter sich aus den USA nach Nepal abgesetzt hat, bin ich wie viele andere ausgetreten.

So weit, so schlecht. Tatsächlich halte ich sehr viel von der buddhistischen Lebensphilosophie und auch der eine oder andere Ansatz aus der Mystik bringt bei mir Saiten zum Klingen. Die Meditation für sich genommen, abseits von Philosophie oder Religion ist einfach ein starkes Instrument der eigenen Psycho-Hygiene und viele der buddhistischen Lehren sind für das alltägliche Leben äußerst hilfreich. Ich habe in diesem Zusammenhang sehr viel gelernt. Nicht die mindeste Sympathie habe ich für die hierarchische Organisationsstruktur dieser Organisation. Geradezu lächerlich finde ich, was in den USA rund um den Linienhalter betrieben wird. Es mangelt mir auch völlig an der Bereitschaft und vor allem an der Sehnsucht mich irgendjemandem zu unterwerfen, weder in spiritueller noch gar in sonst irgendeiner Hinsicht. Das nahezu blinde Vertrauen in den Lehrer ist aber notwendig wenn man Vajrayana, auch Tantra genannt, praktizieren möchte.

Blindes Vertrauen liegt nicht nur nicht in meiner Natur, ich halte es sogar für höchst bedenklich, wenn nicht gefährlich.

Seit zwei Jahren wälze ich nun in unterschiedlicher Intensität die Frage, was ich mit dieser Situation anfangen soll. Wie kann ich mein Interesse befriedigen ohne mich den Regeln, die für mich nicht akzeptabel sind zu fügen.Ich betreibe regelmäßig Miksang-Fotographie und treffe mich auch in privatem Rahmen mit einigen von denen, die aus der Organisation nicht ausgetreten sind und jedes Mal genieße ich es sehr und jedes Mal versuche ich zu analysieren, was es denn ist, was ich in dieser Gruppe genieße, was ich anderswo nicht bekomme.

Es sind einfach die Lehren, die mich faszinieren und die Tatsache, dass man diese philosophischen Grundlagen menschlicher Existenz auf verschiedenen Ebenen begreifen kann. Man kann viele dieser tiefgründigen Sichtweisen in ein westliches Leben integrieren, man muss weder an Wiedergeburt glauben noch tantrische Rituale praktizieren um von buddhistischen Lehren zu profitieren.

Und so habe ich beschlossen, wieder mit der einigermaßen regelmäßigen Meditation zu beginnen und habe mich gestern Abend einer Gruppe angeschlossen, die sich mit dem Thema Freundlichkeit beschäftigt. Die Gruppe besteht hauptsächlich aus Menschen, die ich kenne und mag und es wird eine abgewandelte Form des Bodhichitta praktiziert. Bodhichitta ist eine Praxis bei der allen Menschen Gutes gewünscht wird, denen, die man liebt, denen, die einem gleichgültig sind und denen, die man nicht leiden kann.

Meine Herausforderung besteht darin, die Existenz der Organisation und des Linienhalters zu ignorieren und mich ausschließlich mit der Essenz der Sache zu beschäftigen. Ich habe gestern bemerkt, dass ich das viel besser kann als früher. Ich muss nicht jedesmal, wenn mir ein Wort aus dem Text nicht gefällt lange darüber reden, warum es mir nicht gefällt. Ich habe bemerkt, dass es tatsächlich eine Form der Freiheit ist, eine an sich spontane Reaktion bewusst anders zu gestalten.

Es ist mir aber auch bewusst, dass, es eine sehr feine Grenze ist zwischen Loslassen und Unehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber.

8 Gedanken zu “Ja- Nein ……. geht es – geht es nicht ……. will ich – will ich nicht

  1. Tja, so ist es in vielen Institutionen, zB den kirchlichen, den anthroposophischen, vielleicht sogar bei Parteien: man mag einige der Leute, man mag einige der Ideen und einiges dessen, was praktiziert wird, man mag die Geselligkeit, man nutzt gern die Räumlichkeiten, aber man möchte sich nicht mit Haut und Haaren ausliefern. Man möchte auch nicht identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden für das, was von Mitgliedern oder Leitern verzapft wird. Ist ein solcher eklektizistischer Umgang zu rechtfertigen? Ich finde, ja.

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    1. Ich finde auch, aber es gibt auch viele, die meinen, dass man entweder die „reine Lehre“ oder gar nichts nehmen kann und das führt dann zu ständigem Streit oder zu einer gewissen Verstellung. Beides mag ich nicht besonders. Aber ich mache einen Anlauf und versuche doch mir herauszuholen, was mir gefällt und zu lassen, was ich nicht möchte. Man wird sehen.

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  2. Liebe Myriade, meine erste Frage hierzu wäre: was suchst du: Kontakt zu Menschen, oder was sucht du in der Meditation , zu dir selbst zu finden, oder um was geht es dir genau. Frage dies mit dem Hintergrund, da ich lange als Yoga- Lehrerin tätig war und und den Buddhismus lange studiert.
    Da es Unterwanderungen jeglicher Art gibt, sorgsam auswählen. Die Freiheit liegt immer in jeder Person selbst, nicht in Abhängigkeit neuer Art von irgendwelchen Gruppen. Der Buddhismus ist keine Religion, eher eine Weltanschauung aber ohne Ideologischem Hintergrund.

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    1. Sich zu fragen, was man sucht, ist ein wichtiger Ansatz, ja
      Ich sehe den Buddhismus auch nicht als Religion sondern als Lebensphilosophie, als sehr brauchbare Lebensphilosophie. Von Abhängigkeiten bin ich nicht gefährdet, eher im Gegenteil …
      Von Yoga hast du ja noch nie geschrieben auf diesem Blog. Schade

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  3. Yoga Übungen und Meditation bedingen die Kenntnis des Buddhismus und bauen aufeinander auf, heute pickt sich jeder nur etwas raus, es hat mit einer geistigen Ebene zu tun, es gehört alles zusammen.Meine Frage nochmals: was sucht du wirklich, nur einem Trend folgen, ist nicht die Lösung.

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    1. Wie kommst du darauf, dass ich einem Trend folge ? Ich beschäftige mich seit 15 Jahren mit Buddhismus. Was ich suche oder nicht suche, hat aber in der Kommentarspalte eines öffentlichen blogs gar nichts verloren.

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