Projekt X – 2

Projekt X – 1 

Inzwischen hat der Protagonist X den Namen Carmo bekommen. Das Projekt behält den Namen „X“ das passt sehr gut.

Zu klären ist die Frage, ob ich Rückblenden wie diese, von denen es ja ziemlich sicher sehr viele geben wird, in einer Rückblendperspektive erzählen soll – so wie hier –  oder sie lieber in eine direkte Gegenwartsperspektive holen sollte. Es spricht ja auch nichts dagegen, beides und auch noch vieles andere auszuprobieren.

 

Ich saß im Flugzeug, auf dem Weg nachhause. Die Plastikbox, eingepackt in  altertümliches Geschenkpapier lag als Handgepäck im Gepäcksfach über mir. Der Pilot drehte die unvermeidliche enge Kurve über die Lissabonner Innenstadt. Wenn man am Campo Grande steht, hat man den Eindruck, dass die Flugzeuge so knapp über den Köpfen der Menschen liegen, dass es unmöglich noch einmal gut gehen kann. Schaut man hinauf, ist die geringe Entfernung zwischen Parkbäumen und Flugzeug noch erschreckender.

Ich habe einmal gehört, dass alle Piloten darauf trainiert werden in gefährlichen Situationen, wenn ein Abstürzen des Flugzeugs bevorsteht, aufs Meer hinaus zu drehen. Dafür wäre in Lissabon keine Zeit, zu tief sind die Flugzeuge im Anflug wenn sie über die Stadt fliegen. Dabei ist das Meer gar nicht weit. Und weiter im Westen liegt Madeira …

„Give me hope, Joanna, give me hope, Joanna, give me hope before the morning comes.“ Ich weiß nicht mehr, ob es das Lied jenes Sommers oder aus irgendwelchen Gründen mein Ohrwurm war, jedenfalls sehe ich die Ferienwohnung in Madeira wenn ich es höre und wenn ich an diese Zeit denke, höre ich „give me hope, Joanna.“

Es hatte mir imponiert, dass Carmo einfach irgendeinen Fußballfunktionär in Madeira anrief und daraufhin eine Ferienwohnung gratis bekam. Nicht nur er, ich auch, als eine Art Anhängsel. Die Wohnung war hübsch, lag in einem Haus mit Pool, in einem Vorort von Funchal. Tage verbrachten wir am Pool mit Sonnen, Schwimmen, Schmusen, Aufladen mit aphrodisierendem Jod, auch hier war das Meer nicht weit weg, das Bett auch nicht oder der Tisch und die kühlen Bodenfließen in der Ferienwohnung. Wahrscheinlich erwartete der Fußballverband von Madeira irgendeine Gegenleistung von einer eingeladenen Berühmtheit, bekommen hat er jedenfalls nichts, soviel ich noch weiß.

Irgendwann fuhren wir in die Stadt, es gab eine ganz gute Busverbindung und ich wollte unbedingt eine Schiffsrundfahrt entlang der Küste machen. Carmo wollte nicht. Ich wusste damals nicht, warum er kaum jemals in ein Boot zu bekommen war. Über seine Ängste sprach er nicht mit mir, ich war schließlich die junge Geliebte, die zu den finsteren Bereichen seines Lebens keinen Zutritt hatte. Leider blieb das nicht so.

Ich erinnere mich an die fantastische Steilküste, an der das Boot entlang fuhr und wie gut mir die Rundfahrt gefiel. Carmo war im letzten Moment wieder ausgestiegen, ich nicht. Das war noch ziemlich am Anfang unserer Beziehung. Nach ein paar Stunden kam ich dann zurück an den Pool, wo er hinter einer Zeitung verschwunden war. Er ging immer davon aus, dass alles nach seinem Kopf zu geschehen hatte, wenn ich mich aber widersetzte, nahm er das zur Kenntnis. Im Rückblick betrachtet, hatte ich einen großen Anteil daran, dass er soviel Macht über mich gewann. Hätte ich mich am Anfang unserer Beziehung nicht so träge verhalten, wäre vieles anders gekommen, wahrscheinlich besser, aber wer weiß schon, was genau sich verändert, wenn man eine andere Abzweigung nimmt.

Abends rief er immer seine Frau an. Damals gab es noch keine Mobiltelefone, man musste von einer Telefonkabine aus sprechen und dazu brauchte man Münzen, viele Münzen, je mehr Lügengeschichten umso mehr Münzen. Manchmal streckte er nur beredt die Hand aus, er konnte ja nichts sagen, jemanden, der nicht existiert, kann man auch nicht auffordern Münzen heranzuschaffen. Ich weiß, dass ich die Rolle der Münzenbesorgerin für diese Gespräche als sehr demütigend empfand und nach ein paar Tagen verweigerte. Ich hörte dann lieber im Kopf „give me hope, Joanna“ ohne mich weiter um die verlogenen Gespräche zu kümmern. Den ganzen Text weiß ich nicht mehr. Irgendwann kommt vor „… in the black Soweto ….. „

Es gibt eine typische Süßigkeit in Madeira, eine Art Honiglebkuchen, der uns beiden sehr gut schmeckte und von dem wir immer einen auf dem runden, weißen Tisch in der Ferienwohnung liegen hatten. Das Bett war, glaube ich, auch weiß und auf der Seite auf der ich meistens schlief, gab es ein schmales, hohes Fenster durch das man über eine Landschaftsterrasse bis zum Meer hinuntersehen konnte. Carmo schlief viel mehr als ich, schließlich war er annähernd zwanzig Jahre älter und lebte in einer permanenten Sexorgie, daher hatte ich viel Gelegenheit aus dem Fenster zu schauen.

Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube ich las damals „Erdsee“ von Ursula K Le Guin. Auf jeden Fall einen Fantasy-Flucht-Roman in dieser Art.

Wir waren mehrmals in Madeira und einmal auf der Nachbarinsel Porto Santo deswegen weiß ich nicht mehr genau, welche Ereignisse welchem Besuch zuzuordnen sind. Ich erinnere mich an den Besuch einer Messe für lokale Produkte, das könnte bei diesem Aufenthalt gewesen sein. Ich trug ein beiges Kleid mit handgehäkelten Spitzen. Seltsames Detail, an das ich mich da erinnere. Einmal waren wir im Botanischen Garten, das muss aber ein andermal gewesen sein.

An den Anflug kann ich mich gut erinnern. Als wir das erste Mal in Madeira waren, war die Flugpiste noch ganz kurz und Piloten, die diesen Flughafen anfliegen wollten, mussten eine Spezialausbildung machen. Die Piste endete abrupt ein paar Meter vor den Klippen, was ein irrwitziges Bremsmanöver erforderte, das das gesamte Flugzeug zum Vibrieren brachte. Man hatte den Eindruck, das Flugzeug würde jeden Moment auseinander brechen, in tausend Stücke oder ganz über die Klippen fallen. Beim nächsten Besuch war die Piste schon verlängert, der neue Teil steht auf tragenden Pfeilern im Meer. Damals war ich aber hauptsächlich verliebt und interessierte mich nur am Rande für solche Details.

20.5.20

12 Gedanken zu “Projekt X – 2

  1. Ob linear chronologisch oder in Rückblenden hängt für mich davon ab, was du hauptsächlich erzählen willst.
    Wenn die Entdeckungen über Carmo für die Erzählerin in der Zeit nach dem Tod von X eine wesentliche Rolle spielen und das die eigentliche Geschichte ist, finde ich die Rückblendentechnik ok.
    Wenn die Geschichte der Beziehung der Plot ist, finde ich so ein funktionsloses Hinundher eher nervig.

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    1. Danke für den anregenden Kommentar ❤ Ja, ich sehe schon, so einfach drauflos schreiben hat seine Tücken.
      Ich denke der Gegenwartsstrang der Ich-ERzählerin braucht sehr viel mehr Substanz um die Rückblenden halten zu können. So rein statisch betrachtet 🙂

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  2. Beides ist natürlich möglich. Aber die Rückblende muss im Haupttext gut verankert (motiviert) sein, situativ und auch, was die Länge betrifft. Beim schwierigen Anflug eines Flughafens mag einem zwar das eine oder andere durch den Kopf gehen, aber sicher nicht in dieser erzählerischen Breite. Man kann sich das so vorstellen:: Der Leser sitzt ebenfalls im Flugzeug, sieht Lissabons Flughafen näherkommen, und seine Nachbarin erzählt ihm lang und breit von einem Liebesabenteuer auf Madeira. Das interessiert ihn aber momentan überhaupt nicht, anderes hat Vorrang. Das rzähllerische Tempo sollte durch den Anglug bestimmt werden.

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    1. Vielen Dank auch für deinen konstruktiven Kommentar ❤ . Es war mir noch nicht so klar, welches der Haupttext sein sollte, weil ich mir einen Erkenntnisprozess der Erzählerin durch die Rückblenden vorstelle. Ja, das erzählerische Tempo ist auch ein Punkt über den ich nachdenken muss …

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  3. Oh ja, ich war zu der Zeit auch einige male auf Madeira, als die Flugpiste noch ganz kurz war.
    Beim Abflug….
    Wir wären das letzte mal fast im Wasser gelandet.Er der Pilot bekam es nicht hoch..
    Aber dann im letzten Moment konnte der Pilot es „hochreisen“…
    Alle dachten, das wäre *Adios* zum Leben.
    Und bei einer Landung flog der Pilot mehrmals rund, bevor er landen konnte.
    Immer wenn ich heute dran denken wird mir flum im Bauch.
    Klar nach all den Jahren danach bin ich dann ja sehr viel geflogen (überall hin)

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