Flatternde E-mails – ABC-Etüde

Die ABC-Etüden

Wie immer bei  Christiane

Diesmal sind es meine Wörter, die Christiane aus mehreren Vorschlägen ausgewählt hat. 

Die 3 Begriffe sollen in einen höchstens 300 Wörter langen Text eingebaut werden

 

Seit es kaum mehr Flugzeuge und Kondensstreifen am Himmel gibt, kann man an manchen Tagen sehen, wie die Emails eintreffen. Ein ungewohnter Anblick. Selbstverständlich sieht man nur die eigenen, denn bekanntlich sind ja alle größeren und kleineren IT-Konzerne ganz besonders auf Datenschutz bedacht.

Ich sehe ihnen gerne zu. Dort kommt ein ganz freches Mail auf haarscharf kalkulierter Flugbahn um die Ecke des Teppichgeschäfts geschossen. Ein frühlingshaftes grünweißes Band flattert hinter ihm her. Es kommt sicher von Christine, die immer fröhliche Mails schreibt und weiß, dass ich allergisch gegen die blauen Frühlingsbänder bin. Gleich dahinter allerdings folgt eines, das sich durch würdevolles Wellen weiterbewegt, etwas langsam und in den Kurven ein bisschen wacklig. Wahrscheinlich ein amtliches Schreiben.

Über das Dach des Gebäudes gebummelt, die Aussicht genossen, dann im Sturzflug die gläserne Fassade hinunter und rund um jeden einzelnen Baum gejagt, bevor es die kirschroten Stacheln ordnet und dann ganz manierlich dem Ziel entgegenschwebt. Wo das wohl herkommt? Vielleicht ein Programm für eine Kreativwerkstatt?

Etwas flügellahm flattert aus der anderen Richtung ein Mail heran. Es wirkt etwas zerzaust und nicht völlig überzeugt, ob es auf dem richtigen Weg ist. Freundlich aber der transportierten Daten nicht ganz sicher. Das ist wohl eine Botschaft des Unterrichtsministers. Wesentlich weniger freundlich, mit gierig blickenden Zacken sind auch etliche magentafarbene Werbenachrichten unterwegs zu meiner Mailbox. Sie dürfen aber nicht rein, der Spamfilter wacht.

Da kommt noch ein ganz interessantes Exemplar: ein gefälschter Geldschein, der sich unter einem Gewand mit afrikanischem Muster verbirgt und einen Speer schwingt, zum Aufspießen der willkürlich gewählten Adressaten. Ah, das muss so eine „afrikanischer-Bankdirektor-hat-dich-zum-Millionenerben-auserkoren“-Nachricht sein.  

Da hinten kommt eine ganze Armee von grauuniformierten, exakt quadratisch geschnittenen Mails in einer V-Formation angeflogen. Zum Beweis ihrer Fähigkeiten zeigen sie einige synchron ausgeführte Flugfiguren. Eindeutig handelt es sich da um Rechnungen. Gut, das reicht für heute.

300 Wörter

20 Gedanken zu “Flatternde E-mails – ABC-Etüde

  1. Coole Idee!!! Ich wundere mich nur, dass du afrikanische Bankdirektoren immer noch in deine Mailbox lässt, nicht, dass die da Unheil anrichten – wo du doch schon magentafarbene Mails blockst.
    Neee, echt gut, ich habe mich gerade gefragt, welche Farbe meine Mails so hätten, die ich hereinlasse … macht Spaß, der Gedanke.
    Liebe Grüße, schönen Feiertag, habt ihr doch auch, oder?
    Christiane 😁⛅☕👍

    Gefällt 2 Personen

  2. Hehe … tolle Idee! Verlangt nach Illustrationen. Besonders die Zauselmail des Herrn Professor Lang-Schildkröt macht mir Spaß. Der erinnert mich ein bisserl ans Serapionstheater und den „Gaulschreck im Rosennetz“ (auch schon wieder 40 Jahre her …).

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      1. … Ist keine Pflichtlektüre. Ich hab irgendwo gehört öder gelesen, dass das wirre Zeug von dem Herzmanovsky-Orlando erst nach der Bearbeitung durch den Torberg lesbar geworden ist. Aber die Serapionstheater-Fassung des Gaulschrecks war großartig. Z.B. folgende Szene:
        Durch ihre Kostüme und Masken zu gebückten erdfarbenen Bürokratenwesen verwandelte Schauspieler bewegen sich langsam und anscheinend planlos um einen riesigen Stempel. Und da ist mir doch gleich der Unterrichtsminister eingefallen.

        derStandard:
        <>

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        1. Ja, es ist ein Jammer, weil er doch so besonders freundlich und nett wirkt und dann nicht einmal imstande ist, sich zwei Daten zu merken und überhaupt keine Vorstellungen hat von den hygienischen Verhältnissen in vielen Schulgebäuden. Bei einem Schlurftanz um einen Stempel kann ich ihn mir gut vorstellen …..

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  3. Ach, wie schön ist Deine Etüde. So wundervoll unernst und hübsch verpackt.
    Jede Menge Mails, die durch den frei gewordenen Luftraum heranfliegen.
    Extravagant, ihre Flugbahnen, und wie geschickt, daß sie nur für die Empfängerin sichtbar sind 🙂

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