la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

Mutation – SP1

4 Kommentare

MUTATION

Nicht jeder wohnt wie ich. Der Duft der Geschichte in jahrhundertealten Gängen bleibt wenigen vorbehalten, dieser ganz eigene Geruch des alten Holzes, die verschiedenen Stilrichtungen in denen meine Vorfahren die Gänge angelegt haben. Vor allem der Hauptgang des Urgroßvaters ist bemerkenswert.

Der Urgroßvater war eine Schlüsselfigur in unserer Familiengeschichte denn er hat allen seinen Nachkommen eine seltsame und ungewöhnliche Eigenschaft vererbt: er hasste Eicheln. Sie waren ihm so zuwider, dass ihr Geruch ihn dazu brachte sich tief in seine selbstangelegten Gänge zurückzuziehen. Diese Eigenschaft war so ungewöhnlich, dass sie zu einer regelrechten Abspaltung unserer Familie von der weiteren Verwandtschaft führte, die die besondere Wertschätzung der Eicheln seit Jahrhunderten hochhielt.

Es gibt einen alten Mythos, der besagt, dass die Verehrung der Eichen und Eicheln es unserem Geschlecht irgendwann erlauben wird, unsere Burgen in Frieden zu  verlassen, weil unser schlechter Ruf dann getilgt sein wird. Unser schlechter Ruf beruht aber auf Angst, der abergläubischen Angst  der Feinde.

Natürlich hat ein vornehmes altes Geschlecht wie das unsrige Feinde. Es gab sie immer schon, doch zu Zeiten meiner Großmutter begannen die Kampfhandlungen besonders intensiv zu werden. Zwar gelang es dem Feind nie in unsere Behausung einzudringen, aber die Belagerungstaktik wurde immer raffinierter, immer aggressiver. Aufgrund unserer Zwistigkeiten wegen der Eicheln kam keinerlei Unterstützung von der weiteren Verwandtschaft, die obendrein zu ihrem Unglück einen Ausfall aus ihren Burgen gemacht hatte. Viele starben, auch bei uns.  Meine Großmutter aber war stark. Obwohl sie unter  den feindlichen Angriffen sehr litt, überlebte sie und erholte sich immer wieder. In einer Zeit, in der unsere Familie fast ausgestorben war, gelang es ihr, einen Teil ihrer Nachkommenschaft aufzuziehen und so blieb unsere Burg, unbemerkt vom Feind, immer bewohnt.

Doch diese traurigen Zeiten sind überwunden. Meine Mutter war eine der neuen Generation, der der Feind kaum mehr etwas anhaben konnte. Trotz ständiger Angriffe, ist sie gesund und vital ebenso wie meine Geschwister und ich. Bisher war das Leben sehr ruhig, sehr beschaulich, doch heute hatte ich ein beunruhigendes Erlebnis.

 

 

Markus und Sabrina spazierten durch den Schlosspark. Seit Monaten arbeiteten sie an der Renovierung des alten Schlosses. Es gab kaum etwas an dem Gebäude, das nicht dringend restauriert oder erneuert werden musste. In den letzten hundert Jahren hatte es der Familie sowohl an Geld als auch an Motivation gefehlt. Markus hatte beides und war bereit, einiges zu tun um dem Familiensitz wieder zu Glanz zu verhelfen.

„Du reibst schon die ganze Zeit an deinem Finger herum“ sagte Sabrina

Markus betrachtete seinen Finger und sah, dass er noch weiter angeschwollen war und eine ungesunde Farbe angenommen hatte.

„Ich weiß auch nicht“ sagte er „irgendwas muss mich gebissen haben. Komisch, ich habe mir nur das  Tor zu den Stallungen angesehen. Das mit den Schnitzereien und den vielen Holzwurmlöchern.“

„Holzwürmer beißen nicht. Und nach den Tonnen von Eicheln, die wir gestreut haben um die Viecher herauszulocken und dem literweisen Gift, das wir in die Gänge gesprüht haben, kann da keiner überlebt haben. Außer vielleicht ein besonderer Held der Holzwürmer. Dass der dann was gegen dich hat, kann man ja verstehen.“

Sie gingen lachend weiter.

 

 

Ich kann gar nicht beschreiben, was mich im Außenbereich der Burg so anzieht und mich dazu drängt die geschützten alten Gänge zu verlassen. Ich bin viel größer als alle anderen, einige meiner Geschwister haben sich schon verpuppt und ich werde das wohl auch bald tun. Da ist dieser Traum, diese Vorstellung von der Umwandlung in der Larve und dann dem Hervorbrechen, dem Flug aus der Burg hinaus und dem Zusammentreffen mit dem Feind.

Ich habe ihn heute kennengelernt, er hat einen Teil seines Körpers über die Öffnung  eines Ganges gelegt und ich habe zugebissen als wäre es ein Stück junges Holz gewesen. Und dann verstand ich wohin es mich zog, ich verstand die Träume und den Drang nach außen. Dieses winzige Stück Feind, das ich abgebissen hatte, dieses winzige Stück Fleisch schmeckte so, dass ich nie wieder hätte aufhören können davon zu essen, wenn der Feind sich nicht wegbewegt hätte. Dieser Geschmack, der mich so stark machen würde und so klug, niemals wieder würde ich aufhören können, diesem Geschmack zu folgen und meinen Nachkommen würde es wohl ebenso gehen.

 

 

Sabrina ging unruhig auf dem Korridor der Intensivstation des  Krankenhauses auf und ab. Markus war in sehr schlechtem Zustand eingeliefert worden. Ein unbekanntes Gift überflutete seinen Körper, begann die Nerven zu lähmen. Seine Hand war angeschwollen und er fühlte sie nicht mehr. Die Ärzte waren ratlos.

 

(Anobium punctatum),

Permethrin Spray

4 Kommentare zu “Mutation – SP1

  1. Coole Geschichte, ganz nach meinem Geschmack, ich hatte recht lange an Ratten gedacht.
    Kennst du „Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln“ von Julian Barnes?
    Falls nicht empfehle ich es von Herzens, nicht nur weil du erfahren wirst wie es auf der Arche Noah WIRKLICH zuging (der Holzwurm war als blinder Passagier Noah nicht zu Dank verpflichtet…)

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    • Nein kenne ich nicht, es klingt aber höchst vielversprechend 😇 wie es auf der Arche Noah tatsächlich zuging, wollte ich immer wissen zb in der Abteilung Bakterien 😇

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  2. Man bin ich froh, das es nur eine Geschichte ist …:)

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