la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

Missbrauch in allen vorstellbaren Variationen

17 Kommentare

Die 14jährige Protagonistin Julia, die sich selbst Turtle nennt, lebt mit ihrem heißgeliebten und ebenso gehassten Vater ziemlich einsam in Nordkalifornien zwischen Wäldern und Küsten. Der Vater ist ein Waffennarr, der überzeugt ist, dass die Welt demnächst untergehen wird. Vielleicht sind amerikanische LeserInnen nicht ganz so schockiert wie ich, wenn sie von einer Vierzehnjährigen lesen, die sich mit allen möglichen Waffen in Theorie und Praxis bestens auskennt, sich täglich mit Schießübungen und dem Reinigen und Auseinandernehmen ihrer Waffen beschäftigt und einige davon auch in die Schule mitnimmt, ohne dass irgendjemand es bemerkt.

In weiterer Folge wird es schlimmer. Langsam kristallisiert sich heraus, dass es um extreme Gewalt, um sexuellen und psychischen Missbrauch geht. Der Text ist nicht leicht zu lesen, vor allem die Selbstgespräche von Turtle, die sich selbst als Schlampe, Fotze, Spalte beschimpft, muss man aushalten, wie auch die ebenso bedrückende wie schriftstellerisch hervorragende Charakterisierung der Personen. Die Interaktion und das Ineinandergreifen der Persönlichkeiten von Vater, Tochter und Großvater sind erschreckend realistisch beschrieben. Auch die anderen Personen der Handlung: Nachbarn und deren Kinder, eine Lehrerin handeln völlig plausibel. Es geht um Vernachlässigung und Gewalt , es geht auch um Liebe und ihre Pervertierung.

Die sehr einleuchtende Beschreibung der gegenseitigen Abhängigkeit von Vater und Tochter, der Mechanismen der Verschleierung der Gewalt und der Hassliebe der Tochter für den Vater hat mich sehr beeindruckt. Sowohl, was die literarische Qualität als auch was die glaubwürdige psychologische Charakterisierung betrifft. Es war mir aber auch etwas zu viel Gewalt dabei. Die seitenlange, in allen Details geschilderte Schießerei zwischen Turtle und ihrem Vater wäre auf ein Zehntel der Länge und der Details reduziert immer noch sehr brutal gewesen. Gefallen hat mir wiederum, dass das Ende offen bleibt. Es scheint mir sehr einleuchtend, dass solch eine Situation nicht innerhalb von ein paar Wochen in Normalität übergehen kann, auch bei noch so gutem Willen aller Beteiligten.

Insgesamt hat für mich die Qualität des Textes über die manchmal unnötig breitgetretenen Gewaltszenen deutlich überwogen.

17 Kommentare zu “Missbrauch in allen vorstellbaren Variationen

  1. Ich habe gelernt solche Beschreibungen, die in der Tat schockieren, sehr differenziert zu sehen. Da ich beruflich laufend solche Geschichten höre, musste ich lernen mich emotional zu distanzieren, da viele Betroffene am Ende- manchmal aus verständlichen Gründen – Realität und Prosa kaum selbst noch auseinander halten können. Vielleicht hilft das Buch „Die missbrauchte Erinnerung“ etwas Klarheit in den eigenen Umgang mit solch tragischen Schicksalen zu bringen.

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    • Ah, danke für den Buchtipp. Bei einem Roman ist die emotionale Distanzierung nicht schwierig, bei wahren Geschichten, die echte Menschen erzählen, sieht die Sache sicher anders aus. Da braucht man als Zuhörende wohl auch eine Menge Erfahrung um erinnert und erfunden unterscheiden zu können, wenn schon die Betroffenen Schwierigkeiten damit haben.

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      • Ich denke nicht, dass Zuhörende diese Unterscheidung treffen können. Der wahre genaue Tathergang bleibt ganz oft im Dunkeln, weil es schlicht an unbeteiligten Zeugen mangelt.

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        • Ja, das ist wohl so bei allem, was sich nur zwischen zwei Menschen abspielt. Aber es ist wohl schwer für die Opfer von Gewalt sich sicher zu sein, ob die Vorgänge tatsächlich so waren, wie sie sie in Erinnerung haben.
          Schön, dass du wieder da bist. Heute oder morgen hätte ich mal per mail nachgefragt …..

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          • ….. Das freut uns, danke. Wir sind noch nicht ganz da. …… Suchen uns irgendwo im Chaos.
            ….. Hinsichtlich der Erinnerung geht’s nicht um den detaillierten Tathergang, meiner Meinung nach. Aber man/frau erinnert keine Vergewaltigung, wenn sie nie stattgefunden hat. Allerdings hat es uns enorm gut getan, als eine entfernte Verwandte uns letztes Jahr bestätigt hat, dass unsere Mutter dem Vater hörig war und dass das offenbar Thema in der Verwandtschaft war. Dabei kann ich mich an diese Verwandte gar nicht erinnern, sie als Kind je gesehen zu haben. Aber sie 85jährig erinnerte das. (Wir trafen sie im Zuge der Verlassenschaftssache.)

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  2. Es muß ein schwierig zu lesendes Buch sein. Ich glaube, ich mag es nicht lesen, liebe Myriade

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  3. Das glaub ich dir sehr gerne, liebe Myriade

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  4. Hallo, da ich ja momentan kaum etwas anderes mache als essen, schlafen und lesen, habe ich mir den Titel aufgeschrieben und inmeiner Bibliothek für den Tolino gesucht. Gestern konnte ich ihn mir herunterladen. Bisher bin ich gerade mal auf Seite 30 und ich weiß noch nicht, ob ich es wirklich durchhalte. Bei mir selbst war Missbrauch nie eine Option, da ich so gut wie männerlos als Kind aufgewachsen bin. Aber ich kenne Menschen, die es miterlebt haben – meist in der Verwandtschaft. Harmlose Menschen wie ich es bin, wollen es kaum glauben, dass es diese Grausamkeiten für ein Kind gibt.
    Gerade vor kurzem in der Presse: „Väter vergehen sich an ihren Kindern und tauschen diese dann mit anderen Vätern aus“.
    Ich glaube, es ist gut, dass ich nicht in der Justiz arbeite – ich würde zu „Selbstjustiz“ neigen.
    Und tschüss!

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    • Ja, das Buch ist hart zu lesen. Wenn man aber von den zahlreichen Skandalen in Kinderheimen, Internaten, kirchlichen Einrichtungen hört, so muss man leider feststellen, dass es all diese Brutalitäten tatsächlich gibt und dass man nicht einmal sagen kann, dass das seltene Einzelfälle wären.
      Geht es dir schon besser? Ich hoffe, der Fortschritt ist schon merkbar und du kommst bald wieder einmal aus der Wohnung raus ❤

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