Vorläufig abschließende Betrachtungen zum Thema „Triggerwarnung“ bei den ABC-Etüden

Muss ich jetzt nach hunderten Kommentaren (nachzulesen bei Christiane) auch nochmals meinen Senf dazugeben ? Müssen nicht, aber wollen.

Christiane – die Etüdenchefin – erfuhr, dass jemand von einem der Etüden-Texte getriggert worden war und dass es der betreffenden Person dabei ziemlich schlecht ging. Christianes Betroffenheit darüber hat die Debatte ausgelöst. Die Sache tut mir natürlich leid und ich wünschte auch, es wäre nicht passiert. Wäre es aber zu verhindern gewesen? Nur wenn allen Beteiligten bekannt gewesen wäre, wie genau dieser Trigger beschaffen ist. Und es wäre doch wohl eine heftige Zumutung für die Betroffene, ihre privaten Ängste und Traumata aufzuzählen damit bei einem Schreibprojekt niemand diese Bereiche thematisiert. Genau so eine Zumutung wäre es für die Schreibenden ihre Texte zensurieren zu müssen.

Es war und ist ein langes Hin und Her. Von allgemeiner Triggerwarnung zu Stichwörtern, die den Text zusammenfassen. Die dahinterstehenden Absichten gehen von „behüten“ bis zu „retten“. Damit kann ich wenig anfangen. Ich möchte mir nicht anmaßen, traumatisierte Menschen wie Kinder zu behandeln bzw dafür verantwortlich zu sein, was sie lesen oder nicht lesen sollen und ob sie eine Therapie machen sollten oder nicht. Rücksichtnahme ist eine Sache, Bevormundung eine andere.

Dazu lasse ich jetzt Sofie zu Wort kommen:

Hallo ihr Lieben,
ich bin durch die Verlinkung meines Beitrages von Myriade auf diese Diskussion aufmerksam geworden und selbst Gewaltbetroffene. Ich habe zu Triggerwarnungen für mich eine recht eindeutige Sicht: Für mich braucht es die nicht und es gibt sie auch auf meinem Blog zu 99,9% nicht. Bislang hat das immer gut geklappt. Man kann Trigger leider nicht verhindern und die Krux daran ist, dass sie sich auch in scheinbar völlig harmlosen Texten finden können, wenn der Auslöser gerade an ein Traumafragment anknüpft. Im Grunde könnte man da auch schreiben: „Die Sonne strahlte warm“. Wenn’s blöd läuft sitzt jemand danach in einer alten Situation, weil es ein Fragment davon anstuppst. Um‘s möglichst kurz zu fassen: Ich finde ihr seid nicht für die Emotionen euerer LeserInnen verantwortlich. Wenn ich auf einer Seite schmökere, dann muss ich damit rechnen auf einen Trigger zu stoßen und mich ggf. dann auch entsprechend selbst versorgen. Wenn ich Tage habe, an denen ich das nicht kann, lese ich nicht auf fremden Seiten und in unbekannten Texten. Die Verantwortung kann ich nicht den Autoren übergeben. Das verlange ich im Grunde auch von meinen LeserInnen. Ich bin auch dafür klare Worte zu finden und nicht um den heißen Brei zu reden oder aus zu viel Rücksicht zu spoilern. Das macht schwierige Themen noch schwammiger und undurchsichtiger, als sie es ohnehin meistens sind. Aber das ist nur meine Meinung dazu. 😊
Eins wollten wir auch noch zurückmelden: Wir wahren sehr positiv gerührt, dass ihr euch an sich mit dem Thema „Trigger“ beschäftigt und euch so empathisch damit auseinandersetzt. Zu merken, dass es grundsätzlich ein Bewusstsein dafür gibt, dass manche Dinge für andere Menschen schwierig sein können, bedeutet für uns mehr, als eine Triggerwarnung vor einem Beitrag. Danke dafür!
Liebe Grüße,
Sofie

Von „Verantwortung“ wurde viel geschrieben, eher wenig von „Selbstverantwortung“ außer von den Betroffenen, die das Thema notgedrungen für sich geklärt haben. Ich finde, dass „Verantwortung“ und „kreatives Schreiben“ miteinander nicht gut vereinbar sind. Verantwortung ist in einem journalistischen Text zu einem bestimmten Thema gefragt, in einer wissenschaftlichen Studie, aber nicht in einem im weitesten Sinn literarischen Text.

Wiederum Sofie:

Ich weiß nicht, ob ihr euch mit der Betroffenheit über die Schilderungen der Betroffenen, dass euere Beiträge etwas furchtbares oder sogar retraumatisierendes ausgelöst hätten, nicht vor einen Karren spannen lasst, der nicht euere Baustelle ist, sondern Ihre. Das meine ich jetzt ganz und gar nicht unempathisch. Dass euere Beiträge überhaupt triggern konnten, liegt nicht an euch, sondern an der Geschichte hinter den jeweiligen Lesern. Wenn es nun schon so blöd gelaufen ist, dass ein Text vollkommen umhaut, dann habt ihr es dennoch mit erwachsenen Gegenübern zu tun, die ihrerseits die Verantwortung für sich haben, das erlebte entsprechend aufzuarbeiten und sich Hilfe zu holen. Nicht ihr habt Ihnen weh getan, sondern die Geschichte in Ihnen tut immer noch weh. So grausam sich das manchmal auch als Betroffene anfühlen mag, man kann darauf auch reagieren, indem man es als Hinweis sieht dringend für sich nochmal daran zu arbeiten. So halte ich das zumindest. Manchmal stolpert man eben über Texte und Begebenheiten, die einen lange sehr tief bewegen. Dafür kann man nun einen Schuldigen im Außen finden und sich von der eigenen Verantwortung distanzieren, weil der böse, böse Autor (der im Grunde nichts dafür kann, sofern er nicht bewusst gewaltverherrlichend textet) einen so verletzt hat oder man packt an und sieht zu, dass man Hilfe bekommt, den Ursprung dahinter anzuschauen und zu verarbeiten. Ich finde es reicht vollkommen ehrlich zu signalisieren, dass das beim Schreiben überhaupt nicht seine Absicht ist. Man kann dem Trauma nicht gänzlich ausweichen. Wenn es nicht irgendwelche Texte sind, lugt es eben an anderer Stelle um die Ecke, solange, bis es verarbeitet ist. Ich kann ja beispielsweise die Mitarbeiter im Einkaufsladen auch nicht fragen, ob sie sich was anderes anziehen, nur weil mich das ins Nirwana schießt…

Ausschlaggebend für mich sind nun die übereinstimmenden Meinungen von Sofie und einer weiteren Bloggerin, die beide selbst an gewaltinduzierten Traumata leiden. Beide weisen darauf hin, dass die Verantwortung für eventuelle Trigger nicht bei den Schreibenden liegt, dass es unmöglich ist, genau zu definieren was wen triggern könnte und obendrein, dass die Warnungshinweise selbst zum Trigger werden können.

Das bestärkt mich in meiner Meinung und ich habe beschlossen so weiter zu machen wie bisher, also eine oder mehrere Etüden zu schreiben, wenn aus den jeweiligen Wörtern ein Text werden möchte. Gewaltverherrlichungen habe ich nie geschrieben und bin auch bisher bei anderen Etüdenschreiber*innen nicht auf solche gestoßen.

Ich fand die Diskussion in vielerlei Hinsicht interessant, für mich ist das Thema aber einmal abgeschlossen. Sollten neue Aspekte auftauchen,  würde ich nochmals darüber nachdenken.

33 Gedanken zu “Vorläufig abschließende Betrachtungen zum Thema „Triggerwarnung“ bei den ABC-Etüden

        1. Ich finde es positiv, dass du, liebe Myriade, mit Sofie jemanden zitierst, der betroffen ist. Zwar kenne ich auch den ein oder anderen Trigger, der ein unangenehmes Gefühl bei mir hinterlässt, aber das ist in keiner Weise vergleichbar mit diversen Traumata. Ich kann also nur das Ausmaß vermuten.

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          1. Das Problem habe ich auch, ich kann aus eigener Erfahrung zu dem Thema nichts beitragen. Nicht dass ich das bedaure, aber es erschwert die Beurteilung der Sache. Deswegen bin ich so froh, dass „Benita“ und Sofie sich so freimütig und allgemein verständlich dazu geäußert haben

            Gefällt 3 Personen

  1. Liebe Myriade,
    ich habe die Triggerdebatte teilweise mitgelesen und bin bei Dir und Anderen.
    Alles kann für irgendeinen Menschen ein Trigger sein, wie Du auch Sophie zitierst.

    Vor langer Zeit wahr ich mal mit einer Frau zusammen, die als Kind auch sexuelle Gewalt erlebt hat. In vielen Bereichen, auch in lustvollen, haben wir gute Wege gefunden, miteinander zu sein.

    Wie bei allen Paaren, gab es auch Hakelzeiten zwischen uns. Dann konnte ein banaler Satz beim Essen, wie „Gibst Du mir bitte das Salz.“ zum Mienenfeld werden zwischen uns, den sie im Nachhinein als Trigger benannte und sich von mir wünschte, ich möge in ihrer Gegenwart nie mehr „Salz“ sagen, weil sie das triggern kann. Das ist nur ein Beispiel, das zu unserer Trennung führte.

    Ich halte es für exemplarisch und ähnliche Kommunikationswege in Bloggistan auch.

    Danke für Deinen Text.

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    1. Ja, das kann ich nachvollziehen, wenn in der Kommunikation – noch dazu bei einem Paar – ein Wort der Alltagssprache nicht vorkommen darf, wird es sehr schwierig. Und wenn die Betroffene nicht an diesem Tabu arbeitet, kann dabei wohl nur eine Trennung herauskommen. Ich kann mir vorstellen, dass man zB bei einer Burgbesichtigung ohne auch nur darüber zu reden den Folterkeller auslässt oder sich niemals gemeinsam Filme mit Gewaltinhalten ansieht etc. aber „Salz“ nie erwähnen und womöglich auch nicht verwenden zu dürfen, kommt mir bei aller Liebe undurchführbar vor.
      Genauso wie das Vermeiden aller möglichen Trigger für alle möglichen Lesenden ……..

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  2. Ich stimme Gerda hier sehr gerne zu und finde, Sofie hat wundervoll ausgesprochen, was mir immer im Kopf herumging, ich aber als Nichttriggerbetroffene für mich behalten habe.
    Liebe Grüße von mir

    Gefällt 5 Personen

    1. Es ist sehr schwierig, weil man sich ja gleich ganz „böse“ und rücksichtslos vorkommt. Wenn aber zwei Betroffene die Sache ebenso sehen, dann beruhigt mich das. Ich möchte anderen gegenüber nicht rücksichtslos sein, aber auch nicht mir selbst gegenüber.

      Gefällt 4 Personen

  3. Ich brüte über einem Beitrag dazu und bin ein wenig in Zeitnot. Du bist ungeduldiger als ich und mir zuvorgekommen – was ich allerdings verstehen kann. Wie immer, hab Dank für den Anstoß und für deine Stellungnahme sowieso.
    Liebe Grüße zur Nacht
    Christiane 🙂

    Gefällt 6 Personen

    1. Liebe Christiane, ich sehe das jetzt aber nicht als Wettrennen miteinander und mit der Zeit.. Ich habe nur für mich denNebel gelichtet. Die Stimme der Etüden bist du und falls sich noch irgendwas neues ergeben sollte, denke ich nochmals nach 🌹💐

      Gefällt 3 Personen

      1. Alles gut, ich denke, ich weiß eh, wie du es meinst. Ich habe zu einem Trick gegriffen und mich in zwei Rollen aufgeteilt, bin bei meinem Text gerade mit dem Kopfrauchenlassen durch und schleife Unebenheiten glatt.
        „Gewaltverherrlichungen“, wie du es nennst, wären in D übrigens strafrechtlich relevant. Darum ist es bei den Etüden noch nie gegangen – und ich würde da sehr heftig intervenieren bzw. die Etüde nicht zulassen.
        Liebe Grüße
        Christiane

        Gefällt 3 Personen

  4. Liebe Myriade, liebe Etüdenschreiber*innen,
    Als Frau mit Gewaltvergangenheit möchte ich euch allen danken für die Auseinandersetzung mit dem Thema Trigger und was es bedeuten kann.
    Darüberhinaus schließen wir uns allem hier in diesem Beitrag geschriebenen an. Danke auch Sofie für die klaren Worte.
    Alles Liebe 😀💖🌺
    „Benita“

    Gefällt 7 Personen

    1. Liebe „Benita“, es freut mich, dass du dich auch hier zu Wort meldest. Du hast ja 50% zu meiner Meinungsfindung beigetragen. Ich wollte nur nicht ohne deine Zustimmung einen privaten Austausch veröffentlichen und dachte du wärst wahrscheinlich auch noch mit der Wiederniederlassung in Wien beschäftigt. Nachdem Sofie nun aber ganz unabhängig von dir die genau gleiche Position vertritt, komme ich mir nicht mehr „böse“ vor und bedanke mich dafür nochmals bei beiden ❤ ❤

      Gefällt 5 Personen

  5. Liebe Myriade, du hast die Diskussion klar auf den Punkt gebracht und ich kann mich nur dir und auch Sofie anschliessen und mich bei dir/euch bedanken.
    Mir ging das Thema auch nach, obwohl es bei mir selten Etüden mit Triggermöglichkeiten gab oder geben wird, so weiss ich dann eben nicht wirklich was genau alles triggern kann und hat mich in dieser Runde erst einmal verstummen lassen. Aber dann kam es doch noch zu einer lyrischen Miniatur, mal schauen, wie sie aufgefasst wird (erscheint am Mittwoch). Sollte ich aber einmal eine Etüde mit klarem Triggerhintergrund schreiben (Gewalt, sexueller Missbrauch o.ä.), dann werde ich das vorher benennen.
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 6 Personen

  6. Ich Danke dir für diese Betrachtung. Nach dem ich etwas nachgelesen und nachgedacht habe, teile ich deine Meinung.
    Sogern wir jeden Leser mit einem guten Gefühl zurück lassen möchten….es wird nicht möglich sein.

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