la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

Umfärbung – ABC-Etüden

23 Kommentare

Die ABC-Etüden bei Christiane

Es soll ein Text entstehen mit einer Länge von  maximal 300 Wörtern, in dem die 3 vorgegebenen Wörter vorkommen.

Die Art des Textes kann frei gewählt werden. 

Schäbige Tische, Holzbänke und Thonet- Sessel, plüschige Vorhänge, der mit „Herr Ober“ zu betitelnde Kellner in einem auch etwas abgewetzten schwarzen Anzug, die Stimmung aber voller Funken des Geistes. Zwar fehlten heute die Maler; weder Klimt noch Kokoschka und schon gar nicht Schiele waren erschienen. Aber Sigmund Freud und Theodor Herzl politisierten in einer Ecke, die von einer prächtigen Pflanze abgeschirmt wurde. Friedrich Torberg unterhielt sich mit einer älteren Dame, die ich auf den ersten Blick für die Tante Jolesch hielt, was ja wohl nicht sein konnte. Beide bissen gelegentlich in die vor ihnen stehenden Torten, wobei die Tante Jolesch, die ja nicht die Tante Jolesch sein konnte, dreinsah als wäre das Tortenstück verdorben. Vielleicht dachte sie an ihr berühmtes Schinkenfleckerl – Rezept. Auch Arthur Schnitzler befand sich in Damengesellschaft, in zahlreicher Damengesellschaft. Sie saßen alle um ihn herum und erweckten den Eindruck irgendetwas Wichtiges von ihm zu wollen, das er aber nicht bereit war zu geben.

Dann wurde mir aber endgültig klar, dass es sich hier nicht um reales Leben handeln konnte, denn Karl Kraus und Helmuth Qualtinger standen in einer verrauchten Ecke und rezitierten abwechselnd Passagen aus „die letzten Tage der Menschheit“.

Szenenwechsel.

Nun war das Café von einer großen Gruppe von Burschenschaftern bevölkert, die Ger– mania, mit Narben im Gesicht, mittelalterlicher Kleidung  und bunten Kappen mit Bändern auf den Köpfen. Sie brauchten keine Liederbücher, sie beherrschten alle ihre Lieder textsicher, auch das über die siebte Million.

Die Stimmung hatte sich völlig verändert, jede Spur von Humor und Lebensfreude, von Klugheit und Talent hatte sich in den Nebel der Geschichte zurückgezogen. Es wurde gesoffen, gegrölt, gekämpft und es wurden die Zeiten der totalen Machtübernahme in Europa heraufbeschworen.

Leider kein Szenenwechsel, sie sind noch immer da, zahlreich und geschäftig.

23 Kommentare zu “Umfärbung – ABC-Etüden

  1. Deine Etüde stimmt mich sehr nachdenklich, toll geschrieben ist sie wirklich und macht mir auch ein wenig Angst …

    Liebe Grüße in deinen Sonntag,
    Anna-Lena

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  2. Gerade hatte ich mich bei Deiner kleinen Zeitreise so richtig wohlgefühlt und ZACK bin ich auf dem Boden der Tatsachen gelandet! Sehr eindrücklich, aber auch ich hoffe auf bessere Zeiten!
    Liebe Grüße
    Nicole

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  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 14.19 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

  4. Ich liebe den ersten Teil, in dem das Caféhaus so ist, wie es sein sollte, liebénswert von Dir so bildreich beschrieben und dann der Szenenwechsel, ob Schreck und Graus… Meine Haare beginnen mir zu Berge zu stehen.
    Ach wärs doch wieder anders. Dusseliger Optimismus, der sich diesmal nicht durchsetzt.

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  5. Ah – gut in den Kommentaren gibt es etwas Erklärung – Das mit der Burschenschaft hab ich erst nicht so verstanden….Ein beeindruckender Szenenwechsel. Vorallem die Bemerkung, dass sich daran wohl erstmal nichts ändern wird.

    Danke für den Beitrag.

    Liebe Grüsse

    Gefällt 2 Personen

  6. Hier bei uns rücken wir auch immer weiter nach rechts. „Rechts von der Mitte“ ist das neue CDU Glaubensbekenntnis. Mir stellen sich schon langsam die Haare.

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  7. sehr stark, in dem Kontrast hast du schockartig den Epochenwechsel eingefangen. Vielleicht aber ist der letzte Satz doch zu pessimistisch? Man kann doch das heutige Wien nicht mit dem kurz nach der „Angliederung“ gleichsetzen, finde ich.

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    • Nein, natürlich nicht, da hast du ganz recht. Aber die Burschenschafter bilden den Kern der sich an der Regierung befindlichen FPÖ und es gibt regelmäßige Auswüchse und Skandale. Siehe Kommentar bei Christiane.
      Allerdings verliert die FPÖ erfreulicherweise zumindest in den Umfragen.

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  8. Szenenwechsel, der bedrückend auf mich wirkt. Eine gelungene Etüde, liebe Myriade! Und ja, ich habe mich auch gefragt warum den den zweiten Absatz als Zitat markiert hast.
    liebe Grüße
    Ulli

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  9. Milieuschilderung gelungen. Geht es um eine existierendes Café mit einer wechselhaften Geschichte, das ich nicht kenne?
    (Und warum ist der zweite Teil als Zitat formatiert?)
    Irritierte, aber faszinierte Grüße
    Christiane

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    • Ich habe das ganze als Zitat formatiert, aber aus unerfindlichen Gründen hat WP nur die Hälfte genommen. Vielleicht – oder auch nicht – sieht man es jetzt wie gedacht …. Nein, es ist kein bestimmtes Kaffeehaus gemeint. Es gab aber mehrere Literatencafés in Wien, in denen mehr oder weniger die gesamte Kulturprominenz des beginnenden 20, Jahrhunderts verkehrt hat.
      Das 7 Millionenlied gehört zu einem besonders widerwärtigen Burschenschafter-Skandal. Der Text lautet „….. wir schaffen auch die 7.Million“, gemeint sind zu ermordende Juden. Dieser Text stand in einem Liederbuch der Burschenschaft und wurde als Reaktion auf die öffentliche Empörung geschwärzt.

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      • das ist ja schändlich! Burschenschaftler waren, als ich mit dem Studieren begann (1961 in Tübingen, dann auch in Berlin und Kiel) allgegenwärtig , ich hasste sie aus ganzem Herzen und gehörte zu denen, die ihre Vorherrschaft im studentischen Milieu kippten. Erst stürzten wir den AStA der FU, der grad von einem Mitglied einer schlagenden Verbindung übernommen worden war, dann dasselbe in Kiel. Aber es sind Seilschaften, die im Dunklen weiterwirkten und nun wieder ans Tageslicht getreten sind. (Auch die, die damals übernahmen, haben leider Seilschaften ausgebildet, und wenn sie auch gesellschaftlich angenehmer sind, so ist ihr Opportunismus genauso widerwärtig).

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        • Ohhh, muss das ein schönes Gefühl gewesen sein, diesen ……. Personen Paroli zu bieten. Zu meinen Studentinnenzeiten, als die extreme rechte weit wweit von der Macht war, wurden die „Couleur-Studenten“ von den anderen als lächerliches Randphänomen wahrgenommen. Wie wir uns da doch getäuscht haben. Die Troglodyten haben sich unterirdisch vermehrt …..

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      • Jetzt ist es korrekt komplett als Zitat.
        Woher die „7. Million“ kam, wusste ich, widerwärtig, wie du schon sagst.

        Gefällt 3 Personen

        • Ja, unter vielen „Vorkommnissen“ sticht die Liederbuchaffäre als besonders widerwärtig hervor. Aber der Herr Landbauer wegen dessen Kandidatur zum Landtag die ganze Sache an die Öffentlichkeit kam, ist wieder zurück in der Politik, reingewaschen, weil er ja nichts wissen konnte von den Liederbüchern und ihrem Inhalt. Er war ja nur der Leiter dieser Burschenschaft und hat eben nie mitgesungen, weil er nicht gut singen kann und deswegen auch von den Texten nichts wusste. Es ist zum Kotzen.

          Gefällt 3 Personen

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