Hüftchroniken #12 – Kein Aufstieg ohne Rückfälle

Sehr gut unterwegs war ich schon, als ich gestern zur Kontrolluntersuchung zum Orthopäden fuhr. Sogar den Aufzug habe ich links liegen lassen und bin zu Fuß die Stiege hinaufgegangen. Nachher wollte ich ein bissl bummeln und essen gehen, aber leider kam alles anders.

Der Chirurg lies mich diverse Bewegungen machen, alles bestens, doch dann brachte er das Bein in eine Position, die mir noch etwas weh tut und plötzlich schoß mir ein heftiger Schmerz ein, totale Panik, ich war überzeugt, dass das Gelenk herausgesprungen war. Schließlich war das bei meinem Vater auch passiert, was ich natürlich ständig im Hinterkopf habe. Der Arzt hat sich wohl auch erschreckt, hat mir beim Aufstehen geholfen. Zum Glück konnte ich aufstehen und auch gehen, aber eine bestimmte Bewegung tat höllisch weh. Der Arzt war sichtlich erleichtert und meinte – wenig empathisch – wenn es das Gelenk wäre, würde ich nicht stehen sondern am Boden liegen, aber wir können ja zur Beruhigung ein Röntgen machen. Kommen Sie morgen früh vor 8:00 ins Krankenhaus. Nun war ich nicht nur schwer geschockt sondern bin auch ein absoluter Nicht-Morgen-Mensch und die Perspektive nach einer wahrscheinlich grauenhaften Nacht in aller Früh ins Krankenhaus zu fahren, hat mich überfordert.

Zum Glück hat der gute Doktor wieder einen Zipfel Empathie erwischt und hat mir eine Notfall-Röntgenüberweisung geschrieben. Gut, Taxi mit hohem Einstieg bestellt. Das erste war zu niedrig, das zweite hat gepasst. Ins Auto einsteigen hatte ich mich nach der OP noch gar nicht getraut. Es ist schwierig, dabei den magischen 90Grad-Winkel des Hüftgelenks nicht zu unterschreiten. Zu dem Zeitpunkt dachte ich mir, wenn es bis jetzt nicht rausgesprungen ist, passiert das sicher jetzt gleich. Nein, ich habe auch den Taxi-Einstieg überstanden, ebenso wie den gar nicht witzigen arabischen Fahrer, der meinte, wir würden noch schnell bei der hiesigen Al-Qaida vorbeischauen, er müsste noch was abholen. Ich konterte mit „ich habe ohnehin schon einen Sprengstoffgürtel um“. Er fand das lustig, ich nicht. Immerhin muss ich ihm zugute halten, dass er sehr schnell und ortskundig unterwegs war und ich nur eine Viertelstunde nach dem Schließen der Röntgenabteilung im Spital ankam. Außerdem hat man es wahrscheinlich als friedlicher Araber derzeit nicht leicht.

Die beeindruckende Organisation und Freundlichkeit dieser Klinik hat sich bewährt, wahrscheinlich auch die Hierarchie, die die Überweisung von einem Abteilungsleiter nicht ignorieren wollte. Wie auch immer, innerhalb von ein paar Minuten hatten sie jemandem aus einem OP-Saal geschickt um das Röntgen zu machen, auch nach dem Röntgen habe ich nur ein paar Minuten gewartet bis ein Arzt vorbeikam, der sich die Bilder ansah und die beruhigende Feststellung machte, dass das Gelenk perfekt sitzt und die Schmerzen nur muskulär sein könnten. Er telefonierte dann auch noch mit „meinem“ Chirurgen und schickte ihm die Bilder, die sie sich gemeinsam ansahen. Inzwischen war ich auch schon überzeugt, dass es ein Muskelschmerz war, der auch schon nachgelassen hatte. Fast kam bei mir schon schlechtes Gewissen auf, dass so viele Leute gearbeitet hatten obwohl es keine große Sache war. Vielleicht sollte man sich von Chirurgen nicht angreifen lassen, wenn man nicht in Narkose ist.

Heute ist es wesentlich besser und ich betrachte es als Erinnerung daran, dass ich mehr turnen sollte. Dafür ist die Heizung ausgefallen und ich sitze zuhause und warte auf den Techniker von der Fernwärme. In den Heizkörpern blubbert es gewaltig, aber sie bleiben kalt. Hoffentlich bleibt es eine kurze Pechsträhne

23 Gedanken zu “Hüftchroniken #12 – Kein Aufstieg ohne Rückfälle

    1. Leider ist Empathie keine geforderte Eigenschaft fürs Medizinstudium. Die Eingangs-Prüfungen sind nur auf analytische Logik ausgerichtet. Wobei ich die mangelnde Empathie bei Chirurgen eher verzeihlich finde, schließlich trifft man ihn/sie ja selten in wachem, bewussten Zustand 🙂

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  1. Schock! aber eigentlich ist es keine klare , sondern eine mit Gold durchwirkte Pechsträhne. Die Muskulatur schmerzt, aber das Hüftgelenk sitzt wie es soll, die Heizung heizt nicht, aber blubbert immerhin. Also Kopf hoch! Der Monteur wird sie richten, mit oder ohne Empathie – so hoffe ich für dich.

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      1. Nicht wahr? Nicht jeder braucht Empathie. ZB dein Taxifahrer. Hatte er Empathie? Nein. Der Intallateur? Nein. Aber vom Chirurgen verlangen wir sie und sind sehr kritisch, wenn er sie nicht aufbringt. Dabei ist er doch auch nichts anderes als ein Installateur.

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  2. Du: „Vielleicht sollte man sich von Chirurgen nicht angreifen lassen, wenn man nicht in Narkose ist.“ Köstlich, aber leider nicht immer zu befolgen.
    In Görlitz war der beste Chirurg – sowohl im Krankenhaus als auch in einer eigenen Praxis – ein Mensch mit einem sehr ausgeprägten schwarzem Humor.
    Kam man zu ihm – viele aus der Familie bestätigten meine Erfahrung – und ließ sich untersuchen, war sehr oft sein Kommentar: „Abschneiden, da hilft nur abschneiden!“
    Hatte man das schon erlebt, reagierte man gelassen – aber beim ersten Mal möchte ich nicht mein Gesicht gesehen haben.
    Mantra: „Alles wird gut – ommmmmmmmmmmmmmmm“

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  3. Das war ein Schock, liebe Myriade. Ich hab mit Hochspannung gelesen und war heilfroh, als ich vom perfekten Sitz des Gelenkes las..
    Vielleicht war da auch eine Verkrampfung im Spiel – die Angst vor dem, was bei Deinem Vater passierte?
    Egal, der Sitz ist perfekt und auch die Heizung wird wieder laufen, perfekt, so wie Du demnächst!

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    1. Entlüften war dann der Abschluss der Operationen, das Problem lag bei irgendeiner Zwischenstation der Fernwärme-Leitungen, wo der Druck nicht groß genug war. Entlüften ist im obersten Stock aber immer ein guter Tipp 🙂 Ja, die Röntgenbilder waren sehr erleichternd obwohl der Muskel nach wie vor weh tut, aber was ist das im Vergleich zu einem herausgesprungenen Gelenkskopf ……

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  4. Ärzte und Empathie – nicht gerade eine vorhandene Kombi, leider. Ich habe mir angewöhnt, es diesen Weißkitteln ins Gesicht zu sagen, wenn solche nicht empathischen Äußerungen und Situationen auftreten. Meistens sind sie ganz betroffen. Ich glaube, sie stumpfen einfach ab in ihrem Beruf, im Umgang mit Patienten. Alles Gute weiterhin und viele Grüße, Nele

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    1. Sie müssen sich natürlich auch abgrenzen, dass verstehe ich schon, sonst hält man den Beruf nicht aus, aber in meinem Fall ging es ja nicht um eine besonders schwierige Situation. Darauf hinweisen – wie du das machst – kann schon sehr gut sein

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