la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

Doch nicht Ausschwitz

10 Kommentare

Zufall, dass ich diesen Menasse-Roman gerade gelesen hatte, als sich herausstellte, dass eine der zentralen Szenen des Buches eine reine Erfindung von Robert Menasse war. Ihr ließ in seinem Roman den ersten Präsidenten der EU-Kommission, Walter Hallstein seine Antrittsrede 1958 im ehemaligen KZ Ausschwitz halten, an einem Ort, der symbolisch dafür stünde, wohin die Nationalstaaten geführt hätten. Hier gibt es eine Zusammenfassung der Polemik. Nun hat Robert Menasse gemeinsam mit anderen eine Bewegung gegründet, die sich die Abschaffung der europäischen Nationalstaaten  zum Ziel gesetzt hat und man kann ihm vorwerfen, dass er zum Vorantreiben oder zumindest zur Erklärung dieses Ziels in seinem Roman Geschichtsfälschung betrieben hat.

Zuerst meinte er, er sei weder Historiker noch Journalist sondern Dichter und man könne ihm somit gar keine Geschichtsfälschung vorwerfen. In weiterer Folge entschuldigte er sich aber für die Verwirrungen. Schade ist es allemal, dass es diese Rede in Ausschwitz nicht tatsächlich gegeben hat, ich habe ihre Argumentation und Inszenierung recht überzeugend gefunden. Nur stammt diese Rede eben von von Walter Hallstein, 1958 sondern von Robert Menasse 2018. Schade.

Man mag nun von Robert Menasse als Person halten, was immer man möchte, eine unumstößliche Tatsache ist aber, dass er großartig schreibt und dass auch seine Exkurse in die nähere und weitere Vergangenheit immer interessant sind. Bis jetzt hätte ich gesagt „interessant und seriös recherchiert“. Tja, die Sache mit der Ausschwitz-Rede weckt Zweifel an der historischen Richtigkeit vieler Passagen in vielen seiner Bücher. Daran hat er nicht gedacht, oder aber sein Umgang mit historischen Wahrheiten war immer schon ein dichterischer, der nur von niemandem überprüft wurde.

Wie dem auch immer sein möge, so ist sein Roman „die Hauptstadt“ ein hervorragend aufgebautes Panorama wenn nicht gar Panoptikum in und um die EU-Behörden, die Menschen, die dort arbeiten und über die erfundene Ausschwitzrede wird europäische Geschichte in die Gegenwart hereingeholt. Die einzelnen Figuren werden detailreich beschrieben: die junge zypriotische EU-Beamtin, die an ihrer Karriere feilt, der letzte Überlebende der Flüchtlinge aus einem KZ-Transport, der in ein Altersheim übersiedelt ist, der emeritierte Wirtschaftsprofessor, der zu einem think tank eingeladen wurde, ein Auftragsmörder, der sich in der Zielperson geirrt hat und last not least ein Schwein, das in den Straßen von Brüssel auftaucht und dessen Wege durch die Hauptstadt ein verbindendes Element der Geschichte sind. Die eigentliche Hauptperson aber ist die EU in vielen ihrer Ausprägungen. Wobei man sich nun leider fragen muss woher Robert Menasse seine genauen Kenntnisse von den EU-internen Abläufen bezieht …….

Lesenswert ist der Roman ohne Frage, schon wegen Menasses Schreibkünsten.

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10 Kommentare zu “Doch nicht Ausschwitz

  1. In der Frankfurter Rundschau von heute wird findet man neben einer Kritik an der Geschichtsklitterung von Menasse (Historisch falsch und moralisch anstößig) u.a. von Aleida Assmann auch einen interessanten Kommentar über die Entschuldigung und Rechtfertigung von Menasse. Die Frage bleibt schwer zu beantworten, inwieweit ein fiktiver Text bei den Fakten bleiben muss. Ich denke aber, das Thema Menasses kann man nicht mit Kehlmanns Tyll vergleichen, der zu einer ganz anderen Zeit auftritt als die historische Person.

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    • im Tyll wurde auch immer wieder darauf hingewiesen, aber auch ohne diese Hinweise war immer klar zu erkennen,
      daß es sich hier um eine fiktive Geschichte handelt. Die Einbindung des Tylls in die verworrenen Zeiten des 30jährigen Krieges ist eine gelungene Meisterleistung.

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  2. Ich habe mir das Buch notiert – danke dafür!

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  3. Ich bin neugierig geworden und werde mir das Buch holen. Danke für den Tipp.

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  4. Ich fand den Roman auch ausgezeichnet geschrieben und habe oft gelacht (zB wegen der „Parallelaktion“ a la Brüssel oder wegen des Schweinekopfhandels mit China) . Das ist schon sehr bizarr. Dagegen fand ich die Argumentation, die Nationalstaaten hätten zu Auschwitz geführt, sehr aufgesetzt und zudem auch noch grundfalsch. Mir ist zwar klar, dass das Überleben und die Emanzipation des Judentums aus den kleinstaatlichen Ghettos durch größere Staatsgebilde zunächst gefördert wurde (weshalb sich besonders viele Juden für den deutschen Einigungsprozess um 1848 eingesetzt haben), aber wenn es 1940 keine nationalstaatlichen Grenzen in Europa gegeben, sondern alles unter der Kontrolle der deutschen Machthaber gestanden hätte – dann hätte es auch kein vorübergehendes französisches oder holländisches oder spanisches Asyl und gar keine Rettung zB nach England gegeben – von einem Kampf gegen das „Vereinte faschistische Europa“ ganz zu schweigen.
    Schon in Zeiten der Kleinstaaterei war es für manche „Querulanten“ wie Schiller, Büchner, Marx, Börner ein Glück, dass sie sich vor der preußischen oder Habsburger Zensur in einen Kleinstaat retten konnten. Heute, in Zeiten der Supermacht USA, kann zB ein Assange nur in der Botschaft eines souveränen Kleinstaates überleben – und selbst das ist schwer genug.

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    • Andererseits ist die Begleiterscheinung der Nationalstaaten der Nationalismus und in seiner extremen Ausprägung der Rassenwahn der Nazis oder der Japaner und ohne Nationalismus hätte sich Europa und die Welt so viel erspart.
      Aber das wäre gewesen und hätte gehabt sind natürlich immer nur Spekulationen …

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      • Ich bin nicht der Ansicht, dass der Nationalismus durch Nationalstaaten erzeugt wird. Entsprehende Haltungen (man nennt sie dann nur anders) können sich immer und überall entwickeln – bei Minderheiten innerhalb von Nationalstaaten ebenso wie bei Supranationalen Gebilden (USA, Bastion Europa, Wertegemeinschaft, christliches Abendland, Jihad ….) . Immer handelt es sich um ein „Wir sind die Besseren“, das sich feindlich gegen „die anderen“ stellt.

        Ich finde es übrigens eine wichtige Frage, ob die Nationalstaaten immer noch und zu Recht eine wichtige Rolle spielen, und durchaus keine leere Spekulation. Sie ist sehr aktuell und wird nicht zu Unrecht von Manesse aufgeworfen. Denn eine Entwicklung geht ja dahin, sie im Namen der allgemeinen Menschenrechte, der multikulturellen Gesellschaft oder der ungehinderten Ausbreitung des neoliberalen Wirtschaftsmodells aufzulösen – mit all den Folgen, die wir auch in den abwehrenden Reaktionen (Protektionismus, Mauerbau, Betonung der eigenen „Werte“ und Lebensformen) grad beobachten können.

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        • Erzeugt wird der Nationalismus nicht durch die Nationalstaaten. Die Nationalstaaten bieten vielmehr die Plattform zum Erstarken und Ausleben des Nationalismus. Wenn ich alleine nur an Yugoslawien denke, welche Tragödien sich da abgespielt haben.
          Man kann jedenfalls nicht behaupten, dass wir in langweiligen Zeiten leben. Ich finde es auch recht schwierig eine eindeutige Position einzunehmen, auf fast allen Seiten gibt es Aspekte, die mir gefallen und andere, die nicht …..

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