la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

Sonnenwende – ABC-Etüden

21 Kommentare

Die ABC-Etüden bei  Christiane

Es soll ein Text entstehen mit einer Länge von  maximal 300 Wörtern, in dem die 3 vorgegebenen Wörter vorkommen.

Die Art des Textes kann frei gewählt werden.

Durch den Eiswald gingen sie, durch das niedrige Unterholz,  in der rituellen Bekleidung für die Sonnwendfeier, in der von alters her vorgegebenen Prozessionsordnung. Ihr Ziel war die heilige Höhle des Stamms. Die mit Kaninchensehnen vernähten Bärenfelle, die sie trugen, wurden vom leichten Schnee durchnässt.

An diesem Tag hatte es um die Mittagszeit leicht getaut und daher trieften auch die mitgetragenen uralten Banner vor Nässe, teilweise waren die alten Stoffe aber auch fest gefroren. Die meisten hingen in Fetzen und man konnte kaum mehr die Farben erkennen. Auch die ursprüngliche Bedeutung der Banner kannte niemand mehr. Mit wenigen Ausnahmen bestand die Prozession aus ganz jungen Menschen, die energisch ausschritten und einen unmelodischen Singsang angestimmt hatten, der der Ausgangspunkt für das nachfolgende Ritual war.

In der Höhle angekommen, gruppierten sich alle feierlich im Kreis. In Halterungen steckten Fackeln, die die Wände schwärzten  und ein flackerndes Licht auf die versammelten Menschen in ihrer rituellen Bärenfellbekleidung warfen. Nun traten die fünf Menschen vor, die an diesem Tag der Sonnenwende ausgezeichnet wurden und den Stein bewegen durften. Sie traten nacheinander in den Kreis, die Versammlung stimmte ein tiefes Brummen aus vielen Kehlen an, und nacheinander hoben sie den massiven Stein an und verrückten ihn jeweils ein kleines Stück, bis das darunterliegende Loch sichtbar wurde. Die Stammesanführerin öffnete die Metallkassette und entnahm ihr die heilige Schriftrolle. Niemand konnte die stark verblassten Zeichen deuten, niemand konnte noch lesen. Sie hob das Schriftstück zum Himmel ohne es entziffern zu können.

„Heute am 21. Juni, dem fünfzigsten  Sonnwendtag nach Verschwinden des Golfstroms, versuchen wir bei Raureif zu feiern und unser Schicksal anzunehmen. Während große Teile der Welt bei extremer Hitze verdorren, wird es in der Alpenregion immer kälter. Immer mehr Zulauf haben die Fundamentalisten, die unsere Lage auf sündige Gedanken zurückführen. Wir haben der extremen Kälte nicht mehr viel entgegenzusetzen.

300 Wörter

21 Kommentare zu “Sonnenwende – ABC-Etüden

  1. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 49.50.18 | Wortspende von Elke H. Speidel | Irgendwas ist immer

  2. Wir kommen zurück auf die uralten Gegensätze: Feuer und Wasser, Hitze und Kälte …

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  3. Wundervoll hast Du mich von meinem Glatteis zurückgeführt, liebe Myriade,
    aber in eine düstere Welt in der Zukunft,
    in der wir nicht enden möchten, denn so viele Rückschritte verkraftet kaum einer
    von uns wirtschaftswunderweichgespülten Menschlein

    Gefällt 1 Person

  4. Schön, wie du die Kurve genommen hast und wir Lesende plötzlich in der unwirtlichen Zukunft sind, auch wenn diese Zukunft nicht gerade eine Vision ist, die ich nähren möchte.
    Toll geschrieben, mag ich sehr.
    herzliche Grüße
    Ulli

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  5. Schluck. Ich habe ja geahnt, dass Du hier nicht auf eine romantische Steinzeitidylle hinaus willst. Ganz schön düster, aber wenn wir so weiter wirtschaften, dann durchaus realistisch …

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  6. Chapeau über deine Vielseitigkeit!

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  7. Wie diese Menschen wohl leben, wenn sie gerade keine Rituale vollziehen?
    Also noch einen warmen Pulli an, statt die Hezung häher zu knallen – fällt mir immer wieder schwer.
    Aber bei solchen Aussichten…
    Natalie

    Gefällt 5 Personen

    • Ich hoffe doch sehr, dass die Menschheit da nicht hinkommt und im letzten Moment alle diese Charlatane und Idioten, die gerade an der Macht sind entthronen…… Wie leben die, naja, primitiv, in Höhlen mit Feuer, aber sparsam, weil das Holz kostbar ist. Von der Jagd, weil für die Landwirtschaft ist es zu kalt und sämtliche Glashäuser wurden von den religiösen Fundamentalisten zertrümmert, ebenso wie die Industrie. Lesen und Schreiben ist auch des Teufels ganz zu schweigen von sonstigen Wissenschaften …. Brrrrrrr,

      Gefällt 3 Personen

  8. Ach du Sch… Schön aufs Glatteis geführt hast du mich, nie und nimmer hätte ich gedacht, dass deine Etüde in der Zukunft spielt. Prima! (Dystopien hätte ich eher bei Bernd vermutet 😉).
    Gefällt mir sehr.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

  9. Was für eine dystopsche Vorstellung!

    Gefällt 2 Personen

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