la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

Novembergedanken

16 Kommentare

Diese Tage sind so geschichtsträchtig, jeder Stein, jede Wand scheint ihre Erinnerungen abzustrahlen, verstärkt durch die unbewegliche Düsterheit des Wetters. Noch nie habe ich das so intensiv erlebt wie in diesem Jahr. Die menschlichen Abgründe erscheinen bodenlos und meine Gedanken darüber, wie ich selbst mich wohl verhalten hätte, kreisen in einer Endlosschleife, die sich nicht auflösen lässt. Wohl gab es Menschen, die sich menschlich verhalten haben, die ihre Überzeugungen nicht der Angst geopfert haben, selbst in Gefahr zu geraten, quer durch alle Gesellschaftsschichten hindurch gab es sie. Aber es waren so wenige, so wenige im Vergleich zu jenen, die entweder feige oder auch völlig verführt, verblendet und verroht waren.

Ich war nur einmal in Israel, im Februar 2000 und natürlich haben wir Yad Vashem besucht. Warum tut man sich das an? Aus Interesse oder doch aus einem diffusen Sippen-Schuldgefühl heraus? Es war genauso schrecklich, wie ich es mir vorgestellt hatte, wie es sich wohl alle Mitglieder der Reisegruppe vorgestellt hatten. Wir waren, ich weiß nicht mehr genau, zehn, zwölf Leute und ausnahmslos alle waren mit großen Sonnenbrillen erschienen. Als ließen sich die heftigen Emotionen, die an einem solchen Ort unweigerlich entstehen hinter Sonnenbrillen verbergen. Einmal ganz abgesehen davon, dass es gar nicht verständlich ist, warum man sie verbergen möchte. Welche Österreicher, welche Deutschen könnten sich ungerührt an so einem Ort aufhalten, wo immer die Möglichkeit besteht, die eigenen Väter, Großväter, Brüder, Onkel, Cousins als Schlächter auf irgendeinem Foto wiederzufinden, die Orte an denen man lebt, als Orte eines Massakers, eines Pogroms, eines Mordes oder der massiven Erniedrigung von Menschen zu entdecken. Wer da nicht weint …

Zwei Dinge sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Ein kleines Gebäude. Man geht hinein, es ist völlig finster und es werden die Namen ermordeter Kinder vorgelesen in einer endlosen Abfolge; es scheint als wäre die halbe Welt schon im Kindesalter ermordet worden, man taumelt wieder hinaus, ans Licht. Persönlich sehr berührt haben mich auch einige ganz andere Ausstellungsstücke; vergilbte Hefte, in denen die ersten Schreibversuche in hebräischer Schrift von nach Israel  Eingewanderten zu sehen sind. Viele Menschen, die sich von ihrer Herkunft her als Juden fühlen, sind ja gar nicht religiös. Damals wie heute. Ich kenne einige solche „jüdische Atheisten“, die sich alle mit der Frage auseinandersetzen, was denn  jüdische Identität ausmacht. Allerdings ist mir noch niemand begegnet, der/die seine Zugehörigkeit zum Judentum prinzipiell in Frage gestellt hätte. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der europäischen Intelligenz wurde ihrer Heimat, ihrer Menschenrechte, ihrer Sprache und Schrift beraubt und musste ganz von vorne beginnen: sie mussten eine für viele völlig neue Sprache und Schrift lernen.

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16 Kommentare zu “Novembergedanken

  1. Habe zufällig schon länger einen Artikel zum Thema. Jetzt kann ich ihn auch loslassen.
    Ich beschäftige mich seit Jahren intensiv mit dieser Zeit, vielleicht, weil ich es die Jahre zuvor NICHT getan hatte.

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  2. Ich fürchte, ich wäre zu feige gewesen, in den Widerstand zu gehen.

    Um so wichtiger, jetzt zu verhindern, dass solche schlimmen Zeiten wiederkommen. Noch geht es, ohne dass wir unser Leben riskieren.

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    • Die Frage, was man wohl gemacht hätte, ist nicht zu beantworten. Manchmal überrascht man sich selbst, im positiven wie im negativen Sinn

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      • so denke ich es mittlerweile auch. In jungen Jahren war ich die heroische Widerständlerin, dann kamen mir die Zweifel, später wurde mir klar, dass man es einfach nicht wissen kann.

        Wann immer ich an Orten der Erinnerungen gewesen bin war ich fassungslos, still und in mir ward es beklommen, kein freier Atem mehr für eine Weile, so erlebt in Theresienstadt und im Frauen KZ Ravensbrück, in Israel war ich noch nie.
        Man darf nicht aufhören zu erinnern!

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      • Eins ist jedenfalls klar, dieses Mal wären wir verraten und verkauft, dafür haben wir zu viele digitale Spuren hinterlassen… Also rechtzeitig auswandern. In einem Blog, ich hab es mir leider nicht in die Favoriten gepackt, hat eine österreichische Schriftstellerin berichtet, dass sie eine Mail von einem Journalisten bekommen hätte, der ihr sagte, er würde ihr Buch normalerweise positiv rezensieren, das sei aber jetzt in seinem Zeitungsverlag nicht mehr gern gesehen.
        Das sind schon Alarmzeichen, finde ich …

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        • Das sind sehr unerfreuliche Dinge, ja. Aber Alarmzeichen, wofür? Ich glaube nicht, dass Geschichte sich wiederholt, was natürlich nicht heißt, dass es nicht jede Menge von neuen möglichen Horror-Szenarien gäbe.
          Ich halte sehr viel von Besonnenheit. Man muss sich ja nur ansehen, wie das bei du weißt schon welchem blog funktioniert. Die Dame schreibt irgendetwas völlig unbewiesenes und/oder auf ihre Art interpretiertes und dann kommen andere und schreiben Dinge wie ach wie schrecklich, man kann nicht mehr auf die Straße gehen, wie sollen wir uns nur schützen, diese Regierung ist eine Schande etc. Genauso kommunizieren solche Menschen ja auch im Leben: irgendetwas wird behauptet und interpretiert, andere empören sich und am Ende steht da ein gewaltbereiter Mob. Darauf, ob dieses Ereignis überhaupt stattgefunden hat, kommt es gar nicht an. Und alle Beteiligten an der Empörung denken von sich, dass sie selbstverständlich keine Randalierer und keine Extremisten sind, nein, sie sind Bürger, die sich über unhaltbare Zustände empören. Ob es diese Zustände tatsächlich gibt, ist sekundär. Und falls es sie gibt, will man aber nicht darüber reden, weil man schon im Vorhinein weiß, dass alle an einer möglichen Diskussion beteiligten ja keine Ahnung haben.
          Entschuldige, dass mein Ärger bei dir landet, du hast ja damit gar nichts zu tun, aber diese Art von Manipulation, ob sie nun bewusst erzeugt oder das Ergebnis einer Neurose ist, geht mir heftig auf die Nerven und ist auch ziemlich gefährlich ……

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          • Geanu wie du hier habe ich es gerade bei Agnes kommentiert – aber OHNE dass ich das vorher hier bei dir gelesen habe.
            Wie sagt man: Zwei Kluge, ein Gedanke!
            Ich war zwar nicht in Israel, Auschwitz und Buchenwald haben vollkommen gereicht, um OHNE Sonnenbrille meine Trauer zu zeigen. Was Menschen anderen Menschen antun können, ist einfach unfassbar hoch drei.
            Out of topic:
            Nachdem ich dir heute einen Link spendiert habe, suchte ich schon deinen Kommentar im Spam – aber da ist nichts. Na ja, Ungeduld war schon immer meine große Masche!

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          • Alarmzeichen dafür, dass die Angst stärker wird — und das auch noch bei der Presse. Ein gutes Zeichen ist das nicht.

            Ja, ich habe so eine Ahnung, an welches Blog Du denkst…

            Gerade wieder bei Facebook etwas gelesen, da könne doch was nicht stimmten, dass die Grünen auf einmal so viele Stimmen bekommen (Richtung Verschwörungstheorie). Darunter ein Kommentar der Marke „Der Deutsche ist dumm … lässt sich alles gefallen … wenn man seine Meinung sagt ist man ein Nazi … “
            Wenn man es mal mit ein paar sachlichen Argumenten statt immer diesem Mimimi probieren würde, ergäbe sich vielleicht auch mal eine fruchtbare Diskussion. Es ist so, wie Du sagst, sie selbst halten sich nicht für Extremisten, sondern für die wahren Demokraten und die Bewahrer der Kultur und des Friedens.
            Und da blubbern sie dann in ihren Filterblasen vor sich hin. Ist in dem besagten Blog ja mittlerweile auch meistens so.

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    • Auch ich habe unendlich oft darüber gegrübelt, wäre ich z.B. Mitglied bei der „Weißen Rose“ o.ä. geworden? Hätte ich ein jüdisches Kind versteckt?
      Sicher eine Frage des Alters. Bevor ich selbst Kinder hatte, hätte ich es VIELLEICHT riskiert, danach wahrscheinlich nicht. Aber ich hoffe ganz, ganz sehr, dass mein anderes ICH wenigstens fair geblieben wäre.

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  3. Danke für diesen außerordentlich berührenden Beitrag. Schalom.

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