la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

Wie mein Oktober roch und schmeckte

9 Kommentare

Es ist wieder einmal soweit Fräulein Read On lädt ein zu olfaktorischen Betrachtungen des vergangenen Monats und ich habe beschlossen auch den Geschmackssinn einzubeziehen, schließlich liegen riechen und schmecken eng aneinander.

Anfang Oktober roch bei mir nach viel Arbeit. Altes Papier hat einen charakteristischen Geruch, neues Papier dagegen riecht nach nicht viel,  auch Bildschirme haben keinen charakteristischen Geruch und so roch der Anfang meines Oktobers sehr stark nach nicht viel. Er roch ein bisschen nach warmen Nächten, nach noch immer blühenden Blumen und einem neuen Waschmittel, das sich in der Bettwäsche geruchlich ausgebreitet hatte.

Der Anfang des Monats roch und schmeckte asiatisch: Huhn mit Nudeln, Nudeln mit Huhn, Huhn mit Reis, Reis mit Huhn, hin und wieder eine Bento-Box und viele Liter Miso-Suppe. Das asiatische Lokal liegt einfach so günstig für die Mittagspause und für den Kolleginnenplausch. Auch zuhause schmeckt es nach Algen mit Ingwer, scharf aber nicht zu scharf und unendlich gesund. Und es riecht so angenehm danach, dass F immer das Geschirr wäscht. Auch das ist ein Geruch-Geschmack, jener des Zusammenwachsens und der Freundlichkeit und der Zartheit. Meine Gefühle für F sind das zarteste in meinem Leben,  vorsichtig und doch verlässlich.

Immer stärker versuchte die Natur nach Herbst zu riechen, es gelang nur schlecht und streckenweise. Die unpassend hohen Temperaturen verschlangen den erwarteten Modergeruch der nassen Blätter, den Geruch nach feuchten Mauern, durchnässtem Leder und streunenden Katzen. Hinter der Kulisse der lauen Sommernächte, die dazu einluden den Herbst völlig zu vergessen, lauerten Regen und kalter Wind. Sie waren zu spüren, schafften es aber nicht hervorzubrechen hinter den Bühnendekorationen des ewig währenden Scheinsommers.

Fast jeder Augenblick vor dem Fernseher schmeckte nach Trump, Orban, Salvini, Strache, Chemnitz, ein eintöniger, bitterer, alter Geschmack, ein undefinierbares und unverdauliches Plastik-Schlamm-Gemisch, das Brechreiz und Verzweiflung weckt. Im Hintergrund der Geruch von Obdachlosigkeit, Armut, und unendlicher Ignoranz. Dieser Geruch-Geschmack zieht sich ja nun schon durch das ganze Jahr, im Oktober angereichert durch den Rauch brennender Lokale und gar einer brennenden Synagoge.

Der feinste, angenehmste Duft des Oktobers aber war mein wochenlang blühender Orangenbaum. Ein Geruch, der durch die ganze Wohnung zog und von dem ich gewollt hätte, dass er auch über die Welt ziehen möge.

 

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9 Kommentare zu “Wie mein Oktober roch und schmeckte

  1. (Irgendwie war dein Blog aus meinem Reader verschwunden und ich fing an dich zu vermissen …)
    „es roch stark nach nicht viel“, ja das beklage ich auch, wenn es Zeiten gibt , in denen ich zu wenig nach draußen komme, wobei mein Computer irgendwie so einen ganz bestimmten Plasik-Wärme-Geruch hat.
    Um den Orangenbaum beneide ich dich. Wir haben einen Zitronenbaum, den der Student der Geowissenschaften im zarten Alter von vier Jahren aus einem Zitronenkern zog, der einen guten Teil der Fensterbank einnimmt, riesige Stacheln hat und noch nie eine einzige Blüte trug,von Zitronen gar nicht zu reden (ist halt nicht veredelt worden) Irgendwie gehört der Baum zu uns, aber wenn mein Sohn endlich eine eigene Wohnung findet, werde ich ihm nahe legen seinen Baum mitzunehmen …

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    • Schön, dass du mich vermisst hast ❤ Mir passiert es auch immer wieder, dass jemand verschwindet und ich mich wundere, wieso da nix mehr kommt und dann hat der reader selbstherrlich beschlossen einen blog zu entfernen …..
      Ja, der Orangenbaum ist eine Freude. Ich habe ihn geschenkt bekommen, vor Jahren und er war immer ein Prachtstück. Er ist veredelt, hat aber noch einen wilden Ast mit Stacheln, der auch immer wieder wächst, obwohl ich ihn abschneide.

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  2. Mit dem Beitrag hast Du ein feines Näschen bewiesen. 😉

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  3. was für eine poetische beschreibung eines monats und was für eine schöne idee. ich spüre es – mit allen sinnen!

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  4. Dein Geruchssinn für die Welt wird immer ausgefeilter, liebe Myriade.

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  5. Oh,wie schön. So ein intensiver Oktoberduft zum Riechen und Schmecken.

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