Dienstagsmarathon

Mein Stundenplan ist sehr fein, aber die Dienstage sind unendlich. Ich bin um 8:00 aufgestanden und um 22h15 nachhause gekommen. Dazwischen habe ich unterrichtet und einen Berg Administratives erledigt, eine Menge neuer Schüler*innen und Studierender kennengelernt und natürlich auch eine Pause gehabt in der ich zur Abwechslung vom asiatischen Essen gebackenen Parasol gegessen habe. Sehr ungewöhnlich, dass es diese Pilze in Lokalen oder auch auf dem Markt gibt. Meist muss man sie selbst im Wald pflücken, falls man denn Gelegenheit dazu hat.

Heiß und stickig ist es in unserem derzeitigen Schulgebäude. Im dritten und vierten Stock Saunatemperaturen. Alle Fenster und Türen sind offen. Der Unterricht in einem Raum wird oft vom Unterricht in einem anderen gestört, aber die Hitze und die stehende Luft wären noch unangenehmer. Mittwoch soll es wieder 30 Gad haben.

Trotz der klimatischen Bedingungen plätschert der Unterricht angenehm dahin, vormittags wie abends. Die interkulturellen Highlights gibt es in den Pausen zu erfahren. Zum Beispiel die Debatte darüber ob Tätowierungen haram sind oder nicht. Es gab unter den Studierenden zwei Meinungen dazu: die einen sagen, dass sie erlaubt seien, weil sie ja unter der Haut liegen und daher den Körper nicht verletzen, die anderen meinen, man müsse sie auf jeden Fall bei der Gebetswaschung entfernen, was nicht möglich ist, daher sind sie verboten. Ich habe dazu keine Meinung. Lustig fand ich die Information, dass es schnell abwaschbaren Nagellack geben soll, der sich bei der Gebetswaschung schnell entfernen lässt.

Ich genieße solche Überlistungen der eigenen Religionsvorschriften. Sie zeigen so eine grundvernünftige Einstellung zum irdischen Leben. Vor allem bei nicht ganz so orthodoxen Juden gibt es ja da die skurrilsten, sophistisch erdachten Strategien, wie man Vorschriften, die das Leben schwierig machen umgehen kann. Dass sich solche Dinge auch bei den Muslimen entwickeln, finde ich äußerst positiv. Vorschriften zu hinterfragen und sich Möglichkeiten auszudenken, wie man sie umgehen kann ohne sie wirklich zu brechen, lässt sich mit der Unflexibilität und Humorlosigkeit des Fanatismus nicht vereinbaren. Nun ist der abwaschbare Nagellack noch kein großes Zeichen, aber immerhin.

 

23 Gedanken zu “Dienstagsmarathon

  1. Schön, wie du die vielen Veränderungen in der Schule wahrnimmst und gelassen beschreibst.
    Das trickreiche Umgehen von Religionsvorschriften ist eine in allen Religionen geübte Kunst. ZB was die Fastvorschriften bei den Christen – oder das fleischlose Essen bei buddhistischen Mönchen – oder die Shabatfrauen – oder das Alkoholverbot bei Moslems, oder das Zinsverbot bei Juden und Moslems…. Auf die Frage, warum man denn diese Vorschriften, die aus anderen Zeiten stammen, überhaupt noch ernst nimmt, kann man vielleicht mit dem Fiddler on the Roof antworten: „It’s tradition“

    Gefällt 3 Personen

        1. Oh! Also die Maultaschen sind salzige Teigtaschen, in denen Mönche angeblich fleischbrät reingetan haben, weil sie die fleischlose Fastenzeit nicht aushielten. Und ein Pharisäer ist Kaffee mit Rum, und Sahne obendrauf, damit man den Rum nicht so riecht. Auf irgendso einer norddeutschen Insel im Meer kam mal ein Pastor angefahren, der den Alkohol verteufelt hat, aber den inselbewohnern war so schiete-kalt, die wollten ihren Rum trinken, also haben sie den in den Kaffee getan. Der Pfarrer sollte puren Kaffee trinken, aber die Tassen würden vertauscht, oder der Pastor hat sich gewundert dass die immer lustiger wurden, die Leute und dann gemerkt, dass Rum drin ist und hat ausgerufen :Ihr Pharisäer! Mit dem schönen rollenden norddeutschen R und und dem breiten Abgang der Ä’s bei dem Wort Pharisäer ist eine toll erzählte kleine Geschichte. Und schmecken tut es auch wenn der Wind heult und draußen ist es echt schietwetter, dann passt das! Leven groot! Katrin

          Gefällt 2 Personen

    1. Ja, bei allen Herausforderungen und positiven und negativen Überraschungen, die Arbeiten und Leben in einem interkulturellen Umfeld mit sich bringt, ist es doch auch sehr interessant.
      Meine beiden Favoriten aus dem Bereich der Religionsvorschriftenumgehungen sind einerseits die christlichen Mönche im Mittelalter, die Wildschweine zu den Wassertieren zählten um sie in der Fastenzeit essen zu dürfen und jüdische Geschäftsleute der Moderne, die am Shabbat das Reiseverbot umgehen indem sie im Flugzeug auf einem mit Heimaterde gefüllten Kissen sitzen. Beides finde ich ungemein kreativ 🙂

      Gefällt 5 Personen

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