Behindert

Ich habe nicht viel zu tragen und bin pünktlich. Das die Straße Hinaufgehen tut weh, aber nicht sehr. Im Bus ist jede Menge Platz frei und wir brauchen knappe zehn Minuten bis zu meiner Umstiegstelle. Die Niederflur-Straßenbahn kommt ein paar Minuten später. Auch hier ist ein guter Platz frei und ich lehne mich erstmal entspannt zurück. Solange ich nicht selbst gehbehindert war, konnte ich auch nicht nachvollziehen wie das ist, ständig zu befürchten, dass sich unterwegs irgendwelche Hindernisse auftun.

Ich steige in der unterirdischen Station aus und sehe schon von weitem, dass der Aufzug nicht funktioniert. Das passiert nicht oft, aber doch immer wieder und manchmal dauert es zwei oder gar drei Tage bis er wieder geht. Zum Glück bin ich recht gut drauf, trotzdem sind drei Stiegen immer mit einem Bein voran eine mühsame Angelegenheit. Rund um mich herum hüpfen und rennen dutzende Schülerinnen und Schüler die Stiege hinauf. Ich sage mir, dass ich mich an solche Situationen zumindest für das nächste halbe Jahr gewöhnen muss und schaue möglichst unverbissen drein. Viele von den Jugendlichen kenne ich, habe sie aber vier Monate nicht gesehen. Sie kommen mich begrüßen, ich plaudere mit ihnen und auf die Frage wie es mir geht, sage ich auf zwanzig verschiedene Arten“na, ja“. Die Vorteile eines großen Wortschatzes erschließen sich ja immer wieder.

Am Ende der Stiege angekommen, bin ich aber noch nicht am Ziel. Die Jugend ist schon weit voraus. Ich bin froh, dass niemand beschlossen hat, mit mir in meinem Tempo zu gehen. Solche Freundlichkeiten kann ich gar nicht leiden, weil sie mich unter Stress setzen, schneller zu gehen als ich eigentlich kann. Gut, es bleibt die Strecke von vielleicht 250 Metern, davon die Hälfte bergauf. Geschafft. Und nun noch zehn sehr hohe Stufen von der Straße in das Gebäude hinein. Tolle Barrierefreiheit ist das für ein öffentliches Gebäude. Der Portier schaut mir lächelnd zu, das habe ich genau gebraucht. Aber ich bin ungerecht, er ist ein wirklich netter Mensch, nicht im mindesten gehbehindert und kann daher wahrscheinlich nicht nachvollziehen wie wenig es mich freut, wenn er mir lächelnd oder nicht dabei zusieht die Stufen immer mit demselben Bein voraus hinauf zu gehen.

Während des Tages funktioniert der schulinterne Lift klaglos. Das tut er praktisch immer und es gibt eigentlich keinen Anlass zu befürchten, dass er gleich am ersten Tag ausfällt. Als ob man nur Dinge befürchten könnte, deren Eintreten unwahrscheinlich ist. Im schlimmsten Fall kann ich schon in den dritten Stock hinaufgehen, auch mehrmals, aber wie viele Tage hintereinander das gut gehen würde, kann ich nicht beurteilen. Es sind noch Monate bis zur OP und ich möchte nicht damit anfangen müssen Schmerzmittel zu nehmen.

 

14 Gedanken zu “Behindert

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