la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

ABC- Etüden – Sommerpausenintermezzo 2

21 Kommentare

Bei Christiane, wie immer, auch im Sommer

Beim letzten Text habe ich irrtümlich 11 der 15 Wörter verwendet und daher bei diesem Text ein Wort gestrichen (Ablenkungsmanöver), sonst sind es die gleichen Wörter wie beim ersten Text.

„Wir müssen auch über unsere Kirchturmspitze hinaus sehen, in die Welt“ rief Udo, der neugewählte Vorsitzende des Jungchristenvereins mit viel Pathos „Die Ärmel müssen wir aufkrempeln in dieser Pfarre und so viele Missstände beseitigen“. Dem Pfarrer, es muss gesagt werden, ging der junge Mann auf die Nerven. Zum dritten Mal in zwei Wochen war er zu einer Versammlung geladen worden, auf der dieser Udo lang und breit und ausschweifend dozierte und gar kein Ende fand. Der Pfarrer war dazu übergegangen im Geiste die Intarsien auf dem Biedermeierschränkchen im Pfarrsaal neu zu arrangieren und zu anderen Mustern zusammenzusetzen. Das half ein bisschen. Diesmal hatte er den Organisten gebeten seine Chorprobe während der Versammlung der Jungchristen anzusetzen und so wurde Udos Rede von einem schallenden „Lobet den Herrn …..“ unterbrochen. Der Pfarrer breitete entschuldigend die Arme aus – er konnte das fast so gut wie Don Camillo – und entschwand erleichtert in Richtung Kirche.

Der Pfarrer, seine Haushälterin und deren Kind saßen beim Abendessen im Garten. Der Pfarrer hatte die 50 lange hinter sich gelassen und wirkte auch älter als er war. Die Haushälterin war sehr jung, ungemein tüchtig und obendrein eine engagierte Mutter. Sie sprachen über den Verein der Jungchristen, vielmehr hielt der Pfarrer einen Monolog zum Thema, wie ungemein arrogant und selbstherrlich diese jungen Leute wären und wie oberflächlich und verzichtbar ihr Engagement. Irgendwann glaubte die nicht mit voller Konzentration zuhörende Haushälterin sogar das Wort „Firlefanz“ gehört zu haben. Aber sie kannte diese Tirade so gut, dass sie das eine oder andere neue Wort auch nicht zu größerer Aufmerksamkeit motivierte. Es war dem Pfarrer schon aufgefallen, dass sie in letzter Zeit überhaupt etwas verwirrt schien und ihren vielfältigen Pflichten nicht mit der gewohnten gelassenen Perfektion nachkam.

Udo war nicht nur ein pathetischer Redner, er war auch ein Mann der Tat. In wenigen Wochen war es ihm gelungen, einen Besuchsdienst für die Alten des Orts auf die Beine zu stellen. Er hatte auch den Besitzer der lokalen Fischkonservenfabrik zu einem substantiellen Sponsoringbeitrag für die zweimal wöchentlich stattfindende Tafel überredet. Die Menschen in der großen Gemeinde waren begeistert und beteiligten sich, plötzlich motiviert, an Udos Projekten. Sogar einige von jenen, die seit Jahren nicht in der Kirche vorbeigekommen waren, sogar die wenigen bekannten Atheisten im Ort. Es herrschte eine echte Aufbruchsstimmung an der der Pfarrer aber keinen Anteil hatte.

Eine junge Frau begleitete und unterstützte Udo. Er sagte, sie sei seine Zwillingsschwester und manche glaubten das auch, schließlich müssen sich zweieiige Zwillinge nicht besonders ähnlich sehen. Sie arbeitete mit an den Projekten, machte aber manchmal den Eindruck nur halbherzig bei der Sache und  in manchen Dingen mit Udo nicht einverstanden zu sein. Bei den nachfolgenden Ereignissen blieb ihre Rolle immer ein bisschen unklar und schwer zu fassen.

Eines Tages sah man sogar die Haushälterin des Pfarrers mit ihrem Kind aus dem Haus kommen, wo Udo und seine Schwester wohnten. Das Kind weinte und seine Mutter war auch sichtlich aufgewühlt. Man wunderte sich und die Stimmung hätte durchaus kippen können, aber Udo war zu einem so beliebten Mitbürger geworden, dass der Vorfall schnell in Vergessenheit geriet.

Die Zeit verging, es wurde Sommer. Der Pfarrer saß in seinem Garten und sah undurchdringlichen Blicks dem Kind der Haushälterin beim Spielen zu. Er hatte nicht viel zu tun. Wenn es darum ging Ratschläge einzuholen, um Hilfe zu bitten, ja sogar wenn es sich um ein religiöses Thema handelte, gingen die Leute zu Udo während der Pfarrer unbeliebter war als je zuvor. So unbeliebt war er anfangs gar nicht gewesen, erst als er kaum jemals im Pfarrhaus anzutreffen immer unterwegs war und insgesamt als wenig hilfreich empfunden wurde, begannen die Menschen sich von ihm abzuwenden.  Die Situation hatte sich mit dem Einzug der jungen tüchtigen Haushälterin zwar verbessert, aber die Menschen hatten den Pfarrer längst abgeschrieben und in den von ihm zelebrierten Messen saßen weniger als ein Dutzend Unermüdliche.

Udos angebliche Schwester organisierte ein Sommerfest am nahe gelegenen Baggersee. Es wurde ein großes Event, an dem die Menschen aus der ganzen Umgebung teilnahmen. Mehrere Musikgruppen traten auf und es wurde bis in den frühen Morgen getanzt. Der halbe Ort hatte es als Ehrensache betrachtet, Essen und Getränke nicht nur zur Verfügung zu stellen sondern persönlich zu verkaufen, wobei die Erlöse des Verkaufs und der Spenden in eines der Projekte einfließen sollten. Es gab eine Tombola und einen Verkleidungswettbewerb unter dem Motto „Federkleid“. Den ersten Preis des Tauchwettbewerbs bei dem der Unterwasserkönig oder die Unterwasserkönigin gekürt wurden, hatte wiederum die Fischkonservenfabrik gesponsert . Es handelte sich um einen silbernen Ohrring in Fischform. Nach amerikanischem Vorbild gab es auch einen Torten- und Kuchenwettbewerb. In aller gebotenen Heimlichkeit hatte sogar die Haushälterin des Pfarrers eine ihrer Kreationen, eine abgewandelte Sachertorte eingereicht. Die Einnahmen aus all diesen Aktivitäten überstiegen die Erwartungen bei weitem und es wurde in einer nachfolgenden Sitzung des Jungchristenvereins beschlossen damit ein weiteres Projekt zu realisieren: eine Gratisbetreung für Schüler. Der Pfarrer ließ sich nicht blicken, was auch niemand erwartet hatte.

Immer noch war es Sommer, immer noch waren die Gespräche im Pfarrhaus die gleichen, immer noch boomten Udos Projekte, als es aus kirchlicher Sicht zu einem regelrechten Skandal kam: der Pfarrer war zur letzten Ölung einer der wenigen treuen Kirchgängerinnen zu spät gekommen, ohne nennenswerte Begründung, ohne irgendeine Entschuldigung. Vielleicht wäre man in der Gemeinde achselzuckend darüber hinweg gegangen, aber das ließen die Jungchristen nicht zu. Die Kampagne gegen den Pfarrer begann. Reden, Plakate sogar ein Protestmarsch wurde abgehalten und Udo gelang es, einen Termin beim Bischof zu bekommen.

Der Showdown fand im spätsommerlich idyllischen Garten des Pfarrhauses statt. Vieles blühte noch, die Insekten wagten halsbrecherische Flugmanöver und das Kind spielte auf dem Rasen. Wer Udo hereingelassen hatte, blieb unklar. Es waren in diesen schwierigen Zeiten sämtliche Eingänge zum Pfarrhaus geschlossen, was nicht weiter problematisch war, weil ohnehin niemand den Pfarrer sehen wollte. Udo also stand plötzlich im Garten, wo der Pfarrer in einem Liegestuhl saß und tröstliche Worte aus einer Publikation las, die er bei Udos Anblick reflexartig unter dem Gartenmöbel verschwinden ließ. „Nun junger Mann, haben Sie endlich das Verwerfliche an Ihrem Tun eingesehen?“ fragte der Pfarrer salbungsvoll.

Udo ging ein paar Schritte über den Rasen und nahm das herumkrabbelnde Kind auf den Arm. Er lächelte es an und sagte „Hallo, kleiner Bruder“. Der Pfarrer zog sauer eine Augenbraue hoch. „Meine Mutter, Katharina, ist vor einem Jahr gestorben und hat uns, meiner Schwester und mir einen Brief hinterlassen in dem sie uns mitteilt, was wir zu ihren Lebzeiten nie erfahren haben, wer unser Vater ist. Der Mann, der im Namen seiner angeblichen Liebe zu Gott nie irgendetwas für seine Kinder und deren Mutter getan hat, der in einer Nacht- und Nebelaktion verschwunden ist und nie wieder von sich hören ließ. Angeblich wusstst du gar nichts von uns. Das kann man glauben oder auch nicht. Meine Mutter jedenfalls hat alles getan um deiner Karriere nicht im Weg zu stehen. Damit ist es ja wohl jetzt vorbei, jedenfalls habe ich das zwischen den Worten des Bischofs verstanden.“

Der Pfarrer sagte nichts, er schien in sich zusammengeschrumpft zu sein. „Meine Schwester und ich, wir hätten dir vielleicht verziehen, uns selbst gewissermaßen als deine Jugendtorheit betrachtet in einem unmenschlichen System. Wir wollten dich ursprünglich nur kennen lernen. Aber, dass du mit diesem Kleinen hier das ganze wiederholst und noch zwei Menschen in deine Hölle mit hineinziehst, das kann ich nicht einfach so mit ansehen.“ Er legte der inzwischen zu ihnen getretenen Pfarrhaushälterin ihr Kind in den Arm und sagte: „du kannst jederzeit zu uns kommen, wir überlegen dann gemeinsam, wie es weitergehen kann.“

Der Pfarrer schwieg. Was hätte er auch sagen können.

 

 

 

 

21 Kommentare zu “ABC- Etüden – Sommerpausenintermezzo 2

  1. Jetzt habe ich doch beim Lesen die ganze Zeit erwartet, dass sich dieser Udo als der „Böse“ entpuppen würde – und reingefallen! Der Pfarrer hat den Dreck am Stecken! Ich bin überaus erheitert.
    (Das Intermezzo ist auf „mindestens“ 10 ausgeschrieben, du hättest also nicht kürzen müssen.)
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

  2. Ich bin nicht glücklich. Der Pfarrer ist schließlich nicht allein der Grund, warum das dritte Kind da ist, auch die Haushälterin hat ihren Teil getan …

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    • Schon, aber die ist ja noch ganz jung und verführt 🙂

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    • Nur die Haushälterin hat nicht das Gelübde der ewigen Keuschheit abgelegt. – Ich kannte in der kleinen Stadt Görlitz in meiner Jugend drei „Pfarrerskinder“ – wo nur ein Priestervater den Mut hatte, zu seinem Kind und dessen Mutter zu stehen. – Und die Frauen waren alle keine Aufreißertypen.

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      • Wenn der Pfarrer zu den Kindern steht, ist er draußen. Kein Job. Kein Geld.

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        • Vielleicht sollte sich da die katholische Kirche mal Gedanken darüber machen. Ich habe aber auch schon erlebt, dass sie in der Verwaltung weiter gearbeitet haben. Und außerdem geht es Hunderttausenden so, dass sie keinen Job und kein Geld haben. Das ist kein Privileg der Priester

          Gefällt 2 Personen

          • Natürlich ist es kein Privileg, aber es ist so, dass Mutter und Kinder von der Kirche Geld erhalten, wenn der Vater nicht öffentlich gemacht wird. Es ist ganz eindeutig ein Fehler der Kirche.

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            • Das ist ja interessant – da will die Kirche das genau so vertuschen wie die unzähligen Missbrauchsfälle in Internaten oder Pfarreien. Spätestens zu der Zeit wäre ich aus der katholischen Kirche ausgetreten, wenn ich das nicht schon früher gemacht hätte. Bis Anfang 30 war ich treue Katholikin.
              In meiner Jugend hätte mir das auch passieren können, dass ich mit einem Kind wahrscheinlich sitzen gelassen wäre. Der potenzielle Vater war zwar kein geweihter Prister, sondern Theologiestudent am Erfurter Priesterseminar im 4. Studienjahr – er 22, ich 17. Mein Anteil an der Verführung war sehr gering, da ich absolut keine Erfahrung auf dem Gebiet hatte. – Er hörte aber mit seinem Studium auf, das muss ich ihm zu Ehren sagen.
              Als er dann später 6 Monate zwei Eisen gleichzeitig im Feuer hatte, mich also nach Strich und Faden betrog, wurde mein Glaube an die Glaubwürdigkeit von Theologiemenschen zum ersten Mal bis in die Grundfesten erschüttert. – Es war sicher gut, dass er das andere „Eisen“ geheiratet hat, die praktischer Weise den gleichen Vornamen hatte wie ich.
              Wann endlich lernt die katholische Kirche, nicht nur auf Ehrwürdigkeit zu achten, sondern auch auf Ehrlichkeit.

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  3. mir gings wie Christiane. Spannend erzählt und unerwartet aufgelöst-

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  4. ja, es war sehr spannend, ansonsten frage ich dich, ob man sich an diese Hitze gewöhnen kann?

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  5. Liebe Myriade, lange bevor du über dieses Thema schreibst, hatte ich mir diesen Satz von dir kopiert: „Eines Tages sah man sogar die Haushälterin des Pfarrers mit ihrem Kind aus dem Haus kommen“ Ich kleiner Antichrist und mit vielen Beispielen in meiner Jugend konfrontiert, dachte sofort daran, ob da nicht der Pfarrer seine Finger (oder eher anderes) mit im Spiel hat.
    Und dann kam es – ich muss deine Gedanken also vorausgesehen haben.
    Die Katholen mit ihrem blöden Zölibat – sollen sie das doch nur für höhere Würdenträger (vom Bischof aufwärts über Kardinal bis zum Papst) vorschreiben – aber nein, jeder muss sich offiziell daran halten.

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