Meditatives Schwitzen im Sturm

Sonntag Nachmittag, der bisher heißeste Tag des Jahres. Ich bin weder in einem Bad noch an einem See oder in einem kühlen Wald. Ich schaue auf das Thermometer schräg hinter mir an der Wand und sehe 30.2. Mir ist extrem heiß, aber ich bedauere es doch nicht hier zu sein. Ich sitze mit 17 anderen Verrückten im Schreinraum des Meditationszentrums, in dem ich seit Jahren nicht mehr war und beteilige mich an einem Diskussionssetting, das sich „speaking from the heart“ nennt. Bei dieser Form des Austauschs soll man nicht nur seine Gefühle ungeschminkt mitteilen, man soll auch so offen wie möglich allen anderen zuhören und es wird nicht kommentiert, was andere sagen. Letzteres habe ich immer sehr schwer gefunden, heute aber ziemlich problemlos geschafft. Vielleicht war es auch einfach zu heiß. Jedenfalls habe ich es sehr genossen, mir gar kein Blatt vor den Mund zu nehmen und „from the heart“ alles gesagt, was ich schon vor Jahren sagen wollte, alles was mir nicht gepasst hat, alles was ich unehrlich und unecht gefunden habe, alles was ich nicht bereit war, zu akzeptieren und mitzutragen. Ein bissl schwer ist es schon, mir das „immer habe ich es schon gesagt“ zu verkneifen, wahrscheinlich ist es eh zwischen den Zeilen zu hören und naja, es ist ja auch wahr.

Nach einem großen Skandal, der träge und genüsslich vor allem durch die amerikanischen Medien gerollt ist, wurde die ganze community so heftig erschüttert, dass die eventuelle Möglichkeit eines völligen Neubeginns besteht. Wenn der Sturm der Aufdeckung und der Wahrheit alle Mauern eingerissen oder zumindest ins Wanken gebracht hat, ist der Moment gekommen die Trümmer zu sichten und zu sehen, ob Wertvolles übrig geblieben ist woraus anderes und Neues gebaut werden könnte. Und es gibt hier eine Menge Wertvolles zu bergen und neu zu polieren. Unter bestimmten Bedingungen möchte ich da vielleicht dabei sein. Vorläufig ist alles noch ungewiss, aber es tut mir nicht leid, diesen Nachmittag mitgefühlt, mitgeredet und mitgeschwitzt zu haben. Weiteres wird sich finden oder auch nicht. Es wurde von vielen beklagt, dass sie sich „groundless“, ohne Bodenhaftung fühlen, weil ihre spirituellen Halteseile zerschnitten wurden. Ich habe es da leichter, weil ich nie an diesen Seilen gehängt bin und mich darüber freue, dass sie wahrscheinlich fallen, durch anderes ersetzt werden.

Dennoch habe ich gewisse Wurzeln in dieser Gemeinschaft, sehe ich auch viel Positives und das bringt mich dann wohl auch dazu bei glühender Hitze von Herzen zu sprechen und zu hoffen, dass die Stürme das Mittelalterliche, Patriarchalische davon tragen und die Essenz ins 21. Jahrhundert gebracht werden kann.

3 Gedanken zu “Meditatives Schwitzen im Sturm

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