25.Station der Literaturweltreise – Japan 2

Kazuo Ishiguro

„Als wir Waisen waren“

Heyne: 2016

ISBN 978 – 3- 453-421554

Meine literarische Weltreise

Ich habe noch keinen Ishiguro gelesen, den ich nicht großartig gefunden hätte; so auch diesen. Daher habe ich meine Zentralasienreise für einen Abstecher nach Japan bzw China unterbrochen.

Es ist eine ziemlich wilde Geschichte, die hier erzählt wird. Ein junger Engländer ist in den 1930er Jahren in London als Detektiv sehr erfolgreich. Über diese Tätigkeit erfährt man aber nichts und sie ist auch für die Geschichte nur insofern relevant als man als Leser annehmen kann, dass  der Erzähler im Bereich der Recherchen kompetent ist. Dieser junge Mann ist im International Settlement in Shanghai aufgewachsen gemeinsam mit Kindern aus aller Welt. Als er ungefähr zehn ist, verschwindet zuerst sein Vater, kurz danach auch seine Mutter und er wird nach England zu seiner Tante geschickt ohne dass das Verschwinden der Eltern aufgeklärt worden wäre.

Die Nachforschungen nach dem Verbleib seiner Eltern betreibt er jahrelang und systematisch. Ein Zeitstrang des Romans erzählt seine Kindheit in Shanghai, der andere die Gegenwart, in der er schließlich selbst nach Shanghai fährt um seine Recherchen abzuschließen.

Ich fand es manchmal schwierig zu sehen, ob der Erzähler sich kurz in ein Fantasiereich verirrt hat oder sich in der Realität befindet. Auch die Auflösung des Rätsels stellte mich vor die Frage, ob solche Vorfälle damals in Shanghai möglich gewesen wären. Es ist eine äußerst spannende Handlung, die in einigen Sequenzen ihre Figuren durch die Hölle gehen lässt, in anderen Erinnerungen aus einer behüteten Kindheit erzählt.

Auch mehrere Nebenfiguren sind sehr plastisch und interessant. Der beste Kindheitsfreund, der darunter leidet, dass seine Eltern ihn nicht japanisch genug finden und dem der Erzähler unter schrecklichen Bedingungen wieder begegnet. Die englische Lady, die auf der Suche nach einem ganz besonderen Mann ist und sich in eine grässliche Ehe verirrt. Die Adoptivtochter des Erzählers, eine sehr interessante Persönlichkeit

Opium spielt in dem Roman eine Rolle. Nach zwei Opiumkriegen, in denen die Briten China den Import der Droge aufzwangen, wird  zum Zeitpunkt der Erzählung Opium von Briten und Chinesen gemeinsam vertrieben. Die Opfer sind zahlreich, die Gewinne gigantisch. Auch der zweite japanisch-chinesische Krieg spielt in dem Roman eine Rolle. Zu dem Zeitpunkt der Handlung sind die Japaner bei der Eroberung Shanghais gerade sehr weit gekommen.

Klingt nach einem Action-Roman. Das ist es aber keineswegs, es ist ein Text mit der Qualitätsmarke „Ishiguro“.

8 Gedanken zu “25.Station der Literaturweltreise – Japan 2

  1. Hallo,
    interessant, dass du Ishiguro als japanischen Schriftsteller einordnest! Ich finde seine Settings immer sehr britisch. 🙂 Zum Glück habe ich noch ein paar Bücher von ihm offen; dein Lob (und der Nobelpreis) sind ja vielversprechend.
    Bei Salman Rushdie allerdings fällt mir eine Einordnung schwerer.
    Viele Grüße
    Jana

    Gefällt 1 Person

      1. Ich habe in den letzten Tagen noch mehrmals von der Schwierigkeit gelesen, Schriftsteller verschiedenen Nationen oder Kulturkreisen zuzuordnen. Du hast natürlich Recht: Im Grunde ist es nicht so wichtig. Es bereitet nur immer dann Kopfzerbrechen, wenn man solche Lesereisen oder andere Leselisten erstellt.
        Weiterhin viel Spaß beim Reisen!
        Viele Grüße

        Gefällt 1 Person

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