la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

Wiens Eingeweide

18 Kommentare

Gestern war ich in der Gudrunstraße, mitten in Favoriten. Für nicht ortskundige : „Favoriten ist der 10. Wiener Gemeindebezirk. Er liegt südlich der inneren Bezirke, reicht bis an die südliche Stadtgrenze und ist mit rund 200.000 Einwohnern der bevölkerungsreichste der Stadt. Hier wohnen etwa 10 Prozent aller Einwohner Wiens.“ Das Leben brodelt hier heftig. Döner-Pizza-Schnitzel ,diese faszinierende interkulturelle Dreieinigkeit wird  in jedem dritten Haus im Gassenlokal angeboten. Mehr oder weniger schäbige kleine Lokale sind das. Dazwischen Nagelstudios und Fitness-Center, sehr beliebte Freizeiteinrichtungen.

Viktor-Adler-Markt, früher Ort vieler Heimspiele der Sozialdemokraten, heute fest in FPÖ-Hand. Sollen womöglich hier die Asylantenlager gebaut werden, die der neue FPÖ-Klubchef Gudenus vorgeschlagen hat ? Nicht einmal seine eigene Partei hat sich dazu zustimmend geäußert. Gudenus ist übrigens einer von zwei FPÖ-Politikern, die der Bundespräsident nicht angelobt hätte, wären sie für einen Ministerposten vorgeschlagen worden. Van der Bellen kann einem überhaupt leid tun. Hatte er doch schon im Wahlkampf verkündet, dass er niemals eine FPÖ-Regierung angeloben würde. Es ist ihm nun nichts anderes übrig geblieben.

Reumannplatz in der Nacht. Alle haben es eilig. Unterirdisch fährt die U-Bahn in Richtung Oberlaa. Ich denke mir, ich schaue mir ein bissl die Leute an und fahre mit dem Bus in Richtung nachhause. Eine Weile stehe ich an der Bus-Station und warte gemeinsam mit etwa fünfzehn Leuten. Kein Bus in Sicht. Plötzlich kommt eine Frau vorbei und sagt „Bus nicht da, dort. War gestern so“. Niemand zweifelt an der Auskunft und die Karawane setzt sich in Bewegung. Ein junges Paar, sie im Rollstuhl. Einige verfallen in Laufschritt, es wird doch nicht der letzte Bus für heute sein. An der angekündigten Stelle steht tatsächlich ein Bus und ich bekomme sogar einen Sitzplatz. Der Weg ist weit und das gibt mir Gelegenheit, mir viele Leute anzusehen. Interessant sehen viele aus, nicht so einheitsgeschleckt und normiert wie in den innerstädtischen Bezirken, auch weniger maskenhaft, Geschichten könnten einem da einfallen ….

Schade, dass ich keine Kamera mithatte, ein paar Motive wären sehr ausdrucksstark gewesen, aber wer weiß, ob ich mich getraut hätte.

Wenn ich mir das so durchlese, klingt es recht düster. Ist es auch, aber auch wiederum nicht so dramatisch, dass es in Wien nicht mehr möglich wäre in der Nacht allein durch Favoriten oder sonstwo zu gehen.

18 Kommentare zu “Wiens Eingeweide

  1. In Mainz ist es die hintere Neustadt oder Zwerchallee. Piefig heisst spießig. Ich mag Deine Art zu beobachten. Nieselregenabendgruß, Eva

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  2. Die Sprache war wirklich amüsant. Angeloben hat was von anschwenken, so ein Begriff aus dem Kochbuch. Aber die Melange, die van der Bellen da servieren musste, ist ziemlich ungenießbar. Favoriten auf deutsch übersetzt heißt übrigens Wedding, der Stadteil Berlins, in dem ich wohne. Multikulti und unglaublich piefige Ecken (Und nein, es hat nichts mit Heiraten zu tun).

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    • Ach echt, bei euch sagt man nicht „angeloben“ ? Wie denn ? Das ist nicht lustig gemeint, sondern österreichische Alltagssprache. Ich bemerke immer wieder, wie weit wir doch sprachlich auseinander sind in verschiedenen deutschsprachigen Gegenden. Was zum Beispiel heißt denn „piefig“ ? Herzliche Grüße nach Wedding 🙂

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  3. Fasziniert lausche ich dem Sound deines nächtlichen Ausflugs, wo Stadtteile Favoriten sind, Staatsoberhäupter ungeliebte Minister angeloben und Menschen einheitsgeschleckt sind oder auch gerade nicht. Faszinosum Sprache…

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    • Mir ist erst vor kurzem klar geworden, was für ein seltsamer Name das doch ist: nämlich als wir mit dem Auto in der Gegend unterwegs waren und das Navi „Favoritenstraße“ englisch aussprach 🙂 Man muss natürlich bedenken , dass der Stadtteil Favoriten schon so hieß bevor es Internet gab und virtuelle Favoriten. Ich habe mich zur Geschichte schlau gemacht : „Der Name „Favoriten“ leitet sich von der Favorita, einem einstigen Jagdschloss, her. Der barocke Komplex ist nur teilweise erhalten, gehört zum 4. Bezirk Wieden und beherbergt das Theresianum, eine Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht.“ Daran kann man die immer noch vorhandene soziale Durchmischung sehen: das Theresianum ist eine der nobelsten Schulen in Wien 🙂
      Ich finde es sehr spannend, dass wir sprachlich so weit auseinander sind und für beide immer wieder erstaunliche Wörter auftauchen …

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      • Vielen Dank für die hochinteressanten Nachforschungen! Und für die erstaunlichen Worte natürlich, die ich bei dir immer wieder finde. 🙂

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        • Gerade ist mir klar geworden, dass man bei euch im Norden nicht „angelobt“ sondern ……..? Lustig finde ich immer wieder, dass einem ja meistens nicht klar ist, welche Worte in der jeweils anderen Gegend unbekannt sind. „Angeloben“ zB wäre für mich kein Kandidat gewesen ….

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          • Bei uns werden Minister ernannt. Angelobt wird hier nichts und niemand, sondern allenfalls gelobt. Aber das hat von dem armen Herrn van der Bellen hoffentlich niemand verlangt!?! 😉 Ich vermute (inzwischen, nach reiflichem Nachdenken), „angeloben“ bedeutet soviel wie „ein Gelöbnis abnehmen“? Du hast unbedingt Recht: Man kommt gar nicht darauf, was in anderen Regionen desselben Sprachraums Schulterzucken & Co. auslösen mag. In diesem Sinne: Ich freue mich auf weitere grenzüberschreitende Sprachstudien und -entdeckungen!

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            • Diese Truppe zu loben, wäre wirklich, wirklich zuviel verlangt 🙂 Ernennen ist eine Sache, dann marschieren die zukünftigen Regierungsmitglieder beim Bundespräsidenten auf und es werden Hände geschüttelt und Erklärungen unterschrieben. „Angeloben“ kommt bestimmt von „Gelöbnis ablegen“.
              Ich freue mich ebenfalls auf weitere Entdeckungen

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  4. Nachts ist es eben düster, das liegt in der Natur der Sache. Und so auch in Wien. Ich habe heute einiges im Radio gehört über die Regierung des einunddreissigjährigen Knäbleins.
    Was ich aber wirklich bedaure ist, dass Sie keine Kamera dabeihatten. Obwohl Sie doch wissen, dass das schlechteste Foto, das nicht Aufgenommene ist 😉
    Abendgruss von jenseits der Grenze,
    Herr Ärmel

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    • Schön wär´s wenn man sich verlassen könnte auf „die Nacht hat 12 Stunden, dann kommt schon der Morgen“. Aber Brecht war ja auch nicht perfekt als Prophet ……. Was das Knäblein betrifft: was soll jemand, der seit seinem 17 Lebensjahr nie etwas anderes als Politik betrieben hat den langen Rest seines Lebens lang sonst machen ? Er könnte höchstens wenigstens ein Studium beenden ……
      Sie haben recht, ich sollte meine Kamera immer mitnehmen, Zwar habe ich ja (fast) immer ein handy mit, aber das ist einfach nicht dasselbe, obwohl das Ding ganz passable Bilder macht …. Ich wünsche einen klingelingeling-freien Abend

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  5. Liest sich doch nicht düster. Na ja, jedenfalls nicht nur. Ein Bezirk mit Namen Favoriten kann ja auch so schlimm nicht sein 😊

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  6. Gibt es sowas in München? Eventuell Haidhausen. Aber auch nicht wirklich. München ist so geschleckt.

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  7. bei eingeweiden dachte ich, du hättest eine führung in die kanalisation gemacht. möchte ich schon lange. multikulti favoriten.

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    • Ja, das soll ziemlich …… intensiv sein 🙂 Und das dritte-Mann-Feeling hat ja auch was. Würde ich auch gerne einmal machen, habe aber gehört, dass es da auch recht enge Abschnitte gibt und die schrecken mich etwas …..

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